Hier finden Sie Reflexionen, Inspirationen und Anregungen rund um das Thema Achtsamkeit.
Ja, nein, vielleicht? Die Sache mit den Entscheidungen…
In den letzten Wochen habe ich sehr vieles über Entscheidungen gelernt und darüber, wie ich sie immer wieder zu treffen versuche und wie ich sie dann letztlich fälle – denn das ist sehr oft nicht dasselbe.
Mir ist dank zahlreicher Ratgeber ziemlich klar, wie man zu guten Entscheidungen kommen kann: Ich kenne verschiedene Denkmethoden, mit denen man Entscheidungen daraufhin durchleuchten kann, was für oder gegen sie spricht und welche Faktoren wertend hineinspielen, die manch ein Pro oder manch ein Contra mehr Gewicht als anderen verleihen. Ich weiß, wie wichtig es ist, nicht nur die Entscheidung selbst zu sehen, sondern auch das Umfeld, in dem man sie trifft, also Folgen und Konsequenzen zu beachten, Risiken und Chancen und dergleichen mehr. Und ich weiß auch über die Wichtigkeit von schriftlichen Notizen, damit ich alles schwarz auf weiß habe und mir nichts aus dem Blick gerät. Mein kluger Kopf findet all diese Methoden prima und ist überzeugt, dass wir mit ihnen effektiv zur besten Lösung kommen.
Soweit die Theorie.
Die Praxis sieht vollkommen anders aus. In der Praxis bekomme ich von alle dem Denken vor allem eines: einen dicken Kopf (etwa so dick wie auf dem Graffiti, das ich als Illustration für diesen Artikel ausgewählt habe). Weiterbringen mich all die schönen Methoden aber leider oft gar nicht, denn ich habe es schon x-mal geschafft, zwar tolle Listen zu führen und systematisch Plus- und Minuspunkte zu verteilen, nur, um mich dann doch ganz anders zu entscheiden, als das Ergebnis der schönen Denkerei vorgeben würde.
Und genau das ist auch gut so, denn Entscheidungsfindungstechniken sind zwar bestens dafür geeignet, fest davon überzeugt zu sein, dass man so auf jeden Fall eine „kluge“ Entscheidung trifft, aber das heißt noch lange nicht, dass diese Entscheidung auch eine achtsame ist.
Achtsam Entscheidungen zu treffen heißt für mich wieder einmal vor allem eines: zu fühlen.
Ich muss erfühlen, worum es für mich wirklich geht, was ich wirklich brauche und welche Entscheidung für mich wirklich richtig ist. Um dazu überhaupt eine Chance zu haben, muss ich mich lösen von der Vorstellung, dass mein Verstand mir sagen kann, was für mich richtig ist. Der richtet sich nämlich ganz oft nach allem anderen, nur nicht nach mir selbst. Mein Verstand hat schlaue Sprüche und Argumente anderer parat (die aber oft vor allem mit ihnen selbst und nur wenig mit mir zu tun haben). Er zielt auf Entscheidungen, die andere gutheißen und für die es Lob und Anerkennung gibt (mit meinen eigenen Bedürfnissen oder Wünschen müssen die gar nichts zu tun haben). Mein Verstand glaubt daran, dass 1 + 1 ganz sicher 2 ist und greift damit immer zu kurz.
Um achtsame Entscheidungen für mich treffen zu können, brauche ich viel weniger meinen Kopf als meinen Bauch. Für den aber gibt es keine Methoden und Techniken, es gibt keine Tricks und keine Abkürzungen. Es gibt nur den Weg zu mir und ins Gefühl. Und vor dem habe ich, wie so viele andere, oft einfach zu viel Angst. Aber letztlich kommen wir nicht darum herum, denke ich, denn eine gute Entscheidung ist nur dann gut, wenn sie sich wirklich gut anfühlt… – und zwar gut für uns. Um herauszufinden, was sich gut anfühlt, müssen wir uns öffnen für das, was in uns ist und eben auch wahrnehmen, was sich nicht gut anfühlt…
Ich möchte…
Ich im Kontakt mir mir selbst – das heißt, mich selbst zu spüren und das, was in mir ist und das, was aus mir hinaus will. Es bedeutet wahrzunehmen, wonach ich mich sehne, wovon ich träume und was das Leben wirklich für mich ausmacht, also nicht nur formulieren zu können, was ich NICHT will, sondern auch sagen zu können, was ich möchte, für mich und überhaupt.
Aber was möchte ich denn wirklich?
Ich möchte manchmal ganz schön viel und dann auch noch so viel Verschiedenes, denn es gibt so viel Schönes, so viel Aufregendes, so viel Lockendes. Ich möchte tun und erleben, ausprobieren und anfangen, machen und abschließen, probieren und haben, erreichen und sein. Manchmal möchte ich eindeutig zu viel, denn dann lähmt mich, was ich möchte, weil ich weder weiß, wo ich beginnen soll, noch wie ich je alles schaffen könnte. Dann fühle ich mich leer und ausgehungert und weiß, ich bin wieder zu weit weg von mir. Also versuche ich, kleiner zu denken und mich mir selbst wieder zu nähern.
Ich im Kontakt mit mir selbst – das heißt bei mir bleiben, auch wenn die große bunte Welt mit all ihren Möglichkeiten lockt und mich nicht in ihr zu verlieren, sondern mich immer wieder neu zu fragen: Was möchte ich jetzt in diesem Moment? Was brauche ich gerade in diesem Augenblick? Was zählt jetzt, was ist jetzt wichtig? Was macht mir Freude? Was nährt mich?
Und damit komme ich zu diesen Fragen:
- Was ist die Quelle meines Wunsches?
- Was die Wurzel meines Bedürfnisses?
- Worum geht es wirklich?
Das etwas besser zu verstehen, schenkt mir einen Wegweiser im Strudel der vielen bunten, schillernden Möglichkeiten.
Buchtipp: Was macht Sie glücklich?
Rezension: „Was mach Sie glücklich? 100 Menschen aus der ganzen Welt geben Antwort“ von Daniel R. Gygax. – Monoquestion, 2014 – 5. Aufl. – ISBN: 9783905832150. – 124 S. – ca.15,- EUR – durchgehend farbige Fotos
Als ich über dieses Buch las, war mir sofort klar, dass ich es lieben würde. In „Was macht Sie glücklich?“ hat Daniel R. Gygax Menschen auf der ganzen Welt (und er scheint für dieses Projekt wirklich an so ziemlich jeden Winkel der Welt gereist zu sein!) ein- und dieselbe Frage gestellt, nämlich die danach, was sie jeweils glücklich macht.
Viele Selbsthilfebücher regen uns dazu an, herauszufinden, was uns selbst glücklich macht. Aber sich einmal damit zu befassen, was andere Menschen glücklich macht, ist ein ganz anderer und damit sehr spannender Ansatz! Warum das spannend ist? Weil es die eigene Perspektive verändern kann, weil es inspiriert und weil es deutlich macht, dass wir zwar alle ein bisschen anders ticken, aber uns dennoch ganz viel verbindet und wir bei aller Unterschiedlichkeit eben doch gar nicht ganz so verschieden sind.
Auf jeder Doppelseite dieses Buches finden sich ein oder zwei Antworten auf die Titelfrage und zwar von Menschen aus den verschiedensten Regionen der Welt. Die Personen sind jung und alt und auch dazwischen. Sie haben ganz verschiedene Berufe, manche leben in eher armen Verhältnissen, andere sind wohlhabend. Manche kommen aus Großstädten, andere vom Land. All das erfährt man in den kleinen Zusatztexten, die neben den Fotos der Person zu lesen sind. Für mich ist es genau diese Kombination aus Vielfalt und persönlicher Nähe, die das Buch so bereichernd macht!
Jede Antwort berührt auf ihre eigene Art. Manche Antworten machen einem bewusst, wie reich man selbst ist und wie viel man als selbstverständlich hinnimmt, andere lassen in einem eigene Wünsche anklingen.
„Was macht Sie glücklich?“ ist ein wundervoll buntes und bereicherndes Buch zum Thema Glück.
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Das Leben sorgt für mich
Ich finde es immer wieder bemerkenswert, wie schwierig es sein kann, bestimmte Dinge wirklich zu verstehen und zu verinnerlichen, obwohl man sie oft genug erlebt. Für mich gehört da zum Beispiel diese Erkenntnis dazu: „Das Leben sorgt für mich!“
Es liegen unruhige Wochen hinter und vor mir. Ich bin dabei, mein Haus zu verkaufen und eine neue Bleibe zu finden. Gerade das Finden eines neuen Zuhauses gestaltete sich schwieriger als gedacht und so hing ich eine Weile doch ganz schön in der Luft. Die Zeit drängte und ich wurde immer unruhiger.
Dabei hätte ich, wie so oft, einmal mehr dem Leben vertrauen können, denn das Leben hat wieder gut für mich gesorgt.
Wenn ich schreibe: das Leben sorgt für mich, dann meine ich damit nicht, dass wir im Grunde einfach die Hände in den Schoß legen, auf dem Sofa hocken bleiben und einfach nur abwarten sollen. Im Gegenteil, ich glaube durchaus, dass jeder auch ein bisschen etwas für sein Glück tun muss.
Und genauso wenig glaube ich daran, dass irgendjemand „glatt“ durchs Leben rutscht. Kein Lebensweg ist einfach, für uns alle gibt es Berge und Täler, liebliche Auen und mehr als steinige Wege. Manchmal kommt es zu Erbbeben und Schlammlawinen, manchmal umschmeichelt uns der Sonnenschein unter strahlend blauem Himmel und an vielen Tagen gibt es graues Schmuddelwetter. Manche Menschen werden zwar deutlich härter als andere getroffen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass niemanden gibt, der es immer nur leicht habt.
Worum es mir geht, ist die Angst zu verlieren, zu kurz zu kommen und die Zweifel daran loszulassen, dass alles irgendwie gut wird. Unsere Ängste treiben uns immer wieder dahin, Schlechtes für uns zu befürchten und das frisst an unserem (Selbst-)Vertrauen. Dabei tut es so gut: dieses Gefühl, dass gut für uns gesorgt wird. Mich jedenfalls nährt es und es schenkt mir den Mut, den ich brauche, auch in unruhigen Zeiten auf meinen beiden Beinen stehen zu bleiben und mich dem Sturm da draußen zu stellen. Manchmal schlägt er mir dann auch ganz ordentlich ins Gesicht, manchmal aber lässt er auch nach und wird zu einem Streicheln.
Keiner kann in die Zukunft schauen, aber ich möchte mit Zuversicht nach vorne gehen. Manchmal werde ich dabei vielleicht zaghaft sein, oft aber auch mutig auftreten. Manchmal werden meine Schritte winzig sein und vielleicht bleibe ich auch mal ganz stehen. In anderen Momenten werde ich dafür voranstürmen und ins Morgen tanzen.
Das Leben schlägt so viele verschiedene Richtungen ein und wählt oft unerwartete und manchmal auch unverständliche Wege. Wenn wir darauf vertrauen können, dass jeder dieser Wege auf die eine oder andere Art gut und richtig ist, wird vieles deutlich leichter.
Ein Moment Stille
In diesem Moment sitze ich hier und tue nichts. Es ist leise um mich herum, hin und wieder höre ich ein Auto und im Hintergrund singen einige Vögel. Ansonsten scheint keiner da zu sein, nicht der Nachbar und auch nicht der von gegenüber, alles ist ruhig. Kein Telefon, keine Musik. Nur Stille.
Oder bin ich es vielleicht gerade selbst?
Ist diese Ruhe in mir?
Ich habe keinen Termin, muss nichts tun, sondern kann mich selbst in Ruhe lassen, was mir nicht oft gelingt. Aber für diesen Moment reicht es tatsächlich, einfach nur hier zu sitzen und zu sein.
Was für ein wundervoller Zustand, was für eine kostbare Erkenntnis: Es gibt nichts zu tun als zu atmen und wahrzunehmen, was ist.
Nicht mal meine Gedanken sind laut, wie es so oft der Fall ist. Vielmehr scheinen auch sie sich der Stille anzupassen. Ich denke Stille. Ich bin Stille. Es ist eine blaue Stille, kühl und ruhig wie helles Indigo. Beruhigend und sehr tief. Vielleicht fühlt es sich so in einem Schneckenhaus an? Geborgen, gehalten und geschützt.
So stelle ich mir Meditation vor, wenn man sie beherrscht. Oder inneren Frieden. Oder pures Sein.
Am liebsten möchte ich diesen Zustand in kleine Fläschchen füllen, damit ich davon naschen kann, wenn es wieder drunter und drüber in mir geht und alles so wild ist. Aber eigentlich ist es auch gut, dass das nicht geht, denn schließlich will alles gelebt werden, das Wilde und das Ruhige.
Auf jeden Fall ist es wunderschön, diesen Moment so ganz bewusst, so achtsam zu erleben.
Gedanken zur Gelassenheit
Gelassenheit war immer etwas für mich, für das ich andere bewundert habe und das mir außerordentlich erstrebenswert erschien. Sie stand für mich für Ruhe, Stärke, Besonnenheit und Urvertrauen. Naturgemäß ist mir Gelassenheit eher nicht gegeben, dazu habe ich einen zu unruhigen Geist. Aber ich habe in den letzten Jahren viel an meiner Einstellung und auch meiner Vertrauensfähigkeit gearbeitet, so dass ich tatsächlich heute gelassener bin als ich es je für mich möglich gehalten habe.
Das müsste etwas Gutes sein, nicht wahr? Aber mir kommen gerade einige Zweifel.
Ja, Gelassenheit für zu mehr innerer Ruhe und weniger Kopflosigkeit. Gefühle von Stress und Angst sind geringer und ich kann besonnener reagieren. Ich spare Kraft und Energie und die Ausschläge des Lebens erscheinen mir weniger stark.
So gut das klingt, so macht sich doch zunehmend ein „Aber“ in mir breit, denn selbst so etwas Positives wie gelassen zu sein hat einen Preis. Ich merke bei mir, dass mein Streben, gelassen zu reagieren, mich ein ganzes Stück vom Fühlen abschneidet. Wenn ich Gefühle wahrnehme, die meine Gelassenheit stören könnten, bremse ich mich immer öfter aus, zwar sanft, aber ich blocke diese Gefühle weich ab, um sie dann gleichsam umzuleiten in weniger bedrohliche Gebiete.
Aber, stopp mal, genau das wollte ich doch nicht mehr: mich vom Fühlen abhalten!
Heute musste ich an eine Fahrt mit einem Karussell oder einer Achterbahn denken: Ist der Reiz einer solchen Fahrt nicht gerade der, dass man die Angst fühlt? Die Geschwindigkeit? Den kippenden Magen und die weichen Knie? Dass man brüllen will und lachen und außer sich ist? Dafür geht man doch genau in so eine Achterbahn und nicht, um unbeeindruckt in dem Wagen zu sitzen und sich zu sagen: „Also, darüber muss ich mich jetzt gar nicht aufregen, denn das ist ist alles TÜV-geprüft und die Reaktionen meines Körpers sind nur Reflexe, ich weiß es doch aber besser, denn Tausende von Menschen fahren hiermit jeden Tag und kommen heil wieder raus, außerdem dauert die Fahrt eh nur wenige Minuten und in absehbarer Zeit habe ich sie sowieso vergessen.“ Würde DAFÜR jemand Eintritt bezahlen?
Zur Zeit bin ich in einer ausgesprochen unsicheren Lebenssituation, die mir noch in früheren Jahren so manchen hektischen Panik-Ausbruch beschert hätte. Heute sitze ich da und sage: „Wird schon werden.“ Bin das wirklich noch ich? Ich fürchte, ich muss wieder ein bisschen zurückrudern in Sachen Gelassenheit und mir wieder erlauben, mehr zu fühlen.
Ich darf Angst haben, wenn es wackelt und ich darf „Nein!“ kreischen, wenn ich etwas nicht will. Ich darf auch mal ungehalten sein und missmutig und ja, sogar destruktiv. All dass ist ok, denn es gehört zum Leben und zu mir dazu, vor allem in holprigen Zeiten.
Was ich behalten möchte, ist das Urvertrauen, also die Überzeugung, dass alles irgendwie gut werden wird, auch wenn ich keine Ahnung habe, wie dieses „Irgendwie“ aussehen kann. Dieses Hoffnungsfundament in mir lasse ich nicht mehr los, aber die Fahrt selbst will ich mit allen Höhen und Tiefen erleben. Also: Reingesprungen in den Rummelplatz des Lebens und her mit dem Adrenalin!
Empfindsamkeit ist keine Schwäche
Menschen, die mir wichtig sind, offenbare ich meine Empfindsamkeit. Ich bin bereit, andere sehr tief in mich schauen zu lassen, weil das in meiner Welt Nähe ermöglicht und ich darin ein Geschenk sehe. Nun scheint aber Empfindsamkeit etwas zu sein, das für viele Menschen mit Schwäche gleichzusetzen ist – ein Rückschluss, auf den ich von mir aus nie gekommen wäre!
Seit einiger Zeit bin ich dabei, meine Beziehungen und Erlebnisse mit anderen Menschen etwas genauer zu durchleuchten. Mir war lange Zeit nicht bewusst, wie stark mich andere Menschen beeinflussen, und um gesunde Grenzen setzen zu können, ist es für mich hilfreich, Muster und Mechanismen im Miteinander besser zu verstehen. Ein Punkt ist, dass ich inzwischen sehr klar spüre, dass mir manch einer nur wenig zutraut und vor allem mit Sorgen und Bedenken auf mich und mein Tun schaut – etwas das mir nicht gut tut. Ich habe mich gefragt, was ich wohl aussende, um das zu ernten, und ich glaube, ich habe einen entscheidenden Punkt gefunden.
Empfindsamkeit ist für mich eine Fähigkeit und etwas sehr Schönes und Bereicherndes. Empfindsame Menschen fühlen sehr tief und sind in der Lage mit anderen Menschen mitzufühlen (ja, manchmal fühlen sie sogar mehr als die Person selbst es für sich zulassen kann…). Sie lassen sich von ganz vielem berühren und bewegen und sind dadurch auch sehr verletzlich. Ich habe all das an mir immer als gute Eigenschaften gesehen, auch wenn sie naturgemäß zu viel Schmerz führen.
Nun halten mich manche Menschen dadurch offenbar für schwach – etwas, das mir geradezu paradox erscheint, denn sie scheinen so viel mehr Angst vor Gefühlen zu haben und teilweise sehr viel schlechter mit Schmerz umgehen zu können als ich! Manchmal kommt es mir vor, als würden viele denken, dass sie sich bei Gefühlen anstecken können oder dass, wenn sie Gefühle zulassen, ihre Welt ins Wanken gerät. Was immer die Gründe und Ursachen dafür sind, das führt offenbar dazu, dass Gefühle als „übertrieben“ oder „unsachlich“ vom Tisch gewischt werden und eine fühlende Person tendenziell als schwach angesehen wird.
Auch ich habe immer wieder versucht, weniger zu fühlen, um kompatibler mit all denen zu sein, denen Gefühle Unbehagen bereiten – immer zu einem viel zu hohen Preis. Ich verliere dann mich selbst und wenn ich mich zwinge, mich in einer Beziehung gefühlloser zu geben, entsteht zu viel Abstand.
Heute weiß ich, dass meine starke Empfindsamkeit nicht nur zu mir gehört, sondern mich ganz wesentlich ausmacht. Mehr noch: ich bin durch sie immer mehr gewachsen. Ich habe nur noch wenig Angst vor Gefühlen, auch nicht vor starken und heftigen, sondern kann sie immer besser umarmen und sein lassen – und das bei mir und bei anderen Menschen, ob das nun Traurigkeit ist, Verzweiflung, Angst oder Schmerz. Wir teilen sie doch alle, diese Gefühle, denn sie gehören zum Leben dazu! Sie immer nur wegdrücken zu wollen, macht auf Dauer hart und krank, das ist zumindest meine Erfahrung. Ich will fühlen und zwar die ganze Bandbreite.
Heute weiß ich: Meine Empfindsamkeit ermöglicht mir mein ganz persönliches Tun und Schaffen. Sie ist etwas ganz Kostbares. Meine Empfindsamkeit macht mich nicht schwach, sie macht mich stark.

Das achtsame Porträt: Geschichten erzählen
Ich habe hier im Blog ja schon ein bisschen darüber berichtet, was ich mit achtsamen Porträts meine und wie ich zu ihnen komme. Ein Nebeneffekt bei dieser Art zu fotografieren und Bilder zu bearbeiten ist für mich der, dass ich auf diese Weise auch Geschichten erzählen kann.
Ein Beispiel ist das Bild weiter unten, das entstand, als ich nach einer achtsamen Selbstporträt-Sitzung mit den Aufnahmen zu spielen begann. Ich kombinierte ein Foto von mir mit einem, das aus einem achtsamen Porträt-Shooting mit meinem Lebensgefährten entstand und verschmolz die beiden miteinander. Und für mich steckt ganz viel darin.
Dabei ist aber gar nicht wichtig, wie die Geschichte geht, die für MICH in diesem Bild steckt! Entscheidend ist vielmehr, ob das Foto bei IHNEN eine Geschichte, Gedanken oder Gefühle auslöst. Es geht für mich dabei nicht um die Bewertung, ob es ein „schönes“ Bild ist oder nicht und nicht mal darum, ob es gefällt. Für mich zählt vor allem, ob es in irgendeiner Weise berühren oder bewegen kann.
Ich denke, Bilder sollen etwas im Betrachter auslösen – das gilt für mich für die Fotografie wie auch für die Kunst. Das gelingt natürlich nicht immer, aber wenn Menschen beim Betrachten meiner Bilder etwas fühlen oder denken, dann ist für mich das Ziel meiner Arbeit erreicht, unabhängig davon, was es genau ist, das mein Bild ausgelöst hat.
Was immer an Wirkung, Ideen oder Gefühlen beim Betrachter entsteht, ist meiner Auffassung genau richtig in diesem Moment für diese Person. Deutungen und Interpretationen lasse ich gerne offen wie Türen, durch die man gehen kann, um zu schauen, was es dort zu staunen gibt. Achtsamkeit hat für mich mit Wahrnehmung zu tun und indem ich mich ganz bewusst auf ein Bild oder Kunstwerk einlasse und auf das, was ich dabei fühle, begegne ich mir selbst. Mit meiner Arbeit möchte ich solche Begegnungen ermöglichen.

Buchtipp: Außergewöhnlich normal
Rezension: „Außergewöhnlich normal: Hochbegabt, hochsensitiv, hochsensibel: Wie Sie Ihr Potential erkennen und entfalten“ von Anne Heintze. – München: Ariston, 2013 – 3. Aufl. – ISBN: 9783424200942. – 288 S. – ca.14,- EUR
In „Außergewöhnlich normal“ geht es um Hochsensibilität, um Hochsensivität und um Hochbegabung. Halt! – Bevor es Ihnen nun so geht, wie mir zuerst, lesen Sie bitte weiter, denn ja, das Buch kann dennoch genau das Richtige für Sie sein!
Ich schreckte zunächst ein bisschen vor „Hochbegabung“ zurück, denn ich fühlte mich nicht angesprochen. Aber Anne Heintze, Coach und Trainerin, hat eine wundervolle Gabe, ganz unaufgeregt und unerschrocken über Außergewöhnlichkeit in allen möglichen Facetten zu schreiben, so dass die Berührungsängste schnell nachlassen. Und tatsächlich macht es Sinn, diese drei Themen zusammen zu behandeln, denn sie fließen oft ineinander über und alle lassen Menschen auffällig „anders“ sein, was viele Folgen hat.
Hier einige Überschriften aus dem Inhaltsverzeichnis, damit Sie eine Vorstellung von der Breite des Buches bekommen:
- Was unterscheidet Hochsensibilität von Hochsensivität?
- Hochbegabte sind keine Gehirn-Akrobaten
- Hochsensibilität: Modeerscheinung oder Blödsinn?
- Was außergewöhnliche Menschen zu bunten Zebras macht
- Warum es bunte Zebras oft so schwer haben
- Der hochsensible Körper: Stress und Überreizung
- Vorurteile zur Hochbegabung
- Weibliche Hochbegabung
- Männliche Sensibilität
- Erschöpfung und Burnout
- u.a.
- Eine schöne, bunte Zebra-Welt – raus aus den Schubladen
- Toleranz mit sich selbst und anderen
- Du und andere: Masken ablegen und sichtbar werden
- Alltagsschönheit und Lebensqualität schaffen
- Spiritualität und Sinnsuche
- Liebe, Partnerschaft und Beziehungen
- Finde deine Identität im Berufsleben
- u.a.
Ich schätze Bücher, die auf Augenhöhe geschrieben sind und deshalb wie ein Gespräch mit einem guten Freund wirken. Und dieser Titel ist genau so ein Buch. Nicht ein einziger Satz kommt belehrend daher, nicht ein einziges Mal habe ich das Gefühl gehabt, die Autorin stellt sich über mich oder gibt vor, mehr zu verstehen oder zu wissen (obwohl es durchaus so ist). Das machte es mir sehr leicht, ihren Gedanken und Anregungen zu folgen, von denen viele bekannt, aber einige auch ganz neu waren.
Das Buch hilft sehr dabei, die Phänomene Hochsensibilität (also eine gesteigerte sinnliche Wahrnehmungsfähigkeit), Hochsensivität (die Fähigkeit, mehr und anders wahrzunehmen als mit den bekannten fünf Sinnen) und Hochbegabung (eine oder mehrere überdurchschnittliche Intelligenzen, Begabungen oder Fähigkeiten) besser zu verstehen und, sofern man diese von sich selbst kennt, auch, warum es sich damit nicht immer leicht lebt und wie man genau das ändern kann. Dabei geht sie ganz verschiedene Lebensbereiche ein, wie Alltagsgestaltung, Miteinander mit anderen Menschen, Partnerschaft, Beruf usw. und bietet damit ganz praktische Lebenshilfe.
Ich habe das Buch mit großem Gewinn gelesen, denn ich fühlte mich gesehen, verstanden und angenommen. Mehr noch: ich habe mich beim Lesen selbst noch ein bisschen klarer erkennen und ein bisschen besser annehmen können. Aus meiner Sicht ein wirklich empfehlenswertes Buch für alle, die sich bei dem Begriff „buntes Zebra“ angesprochen fühlen.
Portofrei bestellbar bei buecher.de

Das achtsame Porträt: Kreative Bearbeitungen
Wenn ich achtsame Porträts mache, folgt nach dem eigentlichen Shooting immer eine Phase der kreativen Foto-Bearbeitung. Ich spiele dann intuitiv mit den verschieden Möglichkeiten, Fotos zu bearbeiten und zu verfremden, bis ich die Bilder intensiv fühlen kann.
„Intuitiv“ deshalb, weil ich dabei keinen Plan und kein Ziel habe, sondern mich voll und ganz von meinem Bauchgefühl leiten lasse. Ich nehme mir nicht vor, bestimmte Motive miteinander zu verschmelzen oder eine besondere Stimmung zu erzeugen, sondern ich fühle mich mehr und mehr in das, was bei der Bearbeitung entsteht, hinein.
Die kreative Bearbeitung ist wie eine Reise in die Tiefen eines Fotos, Schicht für Schicht komme ich tiefer und finde vorher nicht wahrgenommene Facetten. Die künstlerischen Gestaltungsmöglichkeiten erschaffen dabei nichts „Neues“, sondern machen Vorhandenes sichtbarer.
Hier einmal zwei Beispiele von kreativen Bearbeitungen von Porträts, die ich von mir selbst gemacht habe. Wer meine anderen Fotoarbeiten kennt, weiß, dass darin die Natur und vor allem auch Blumen eine große Rolle spielen. Ich kann mich, wenn ich Blumen fotografiere, komplett in den Farben und Formen von Blüten verlieren und es fühlt sich oft an, als würde ich direkt in sie eintauchen. Ich kann sie dann fühlen, die Blüten – und das drücken diese Bilder für mich sehr gut aus. Sie zeigen auf diese Weise etwas ganz Persönliches von mir, das „normale“ Fotos nicht erfassen könnten.
