Das achtsame Porträt: Selbsterkenntnis durch „Selfies“

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Das achtsame Porträt: Selbsterkenntnis durch „Selfies“

(Dieser Text stammt aus meinem Selbstlernkurs Mein achtsames Ich.)

Seit einigen Jahren fotografiere ich mich selbst. Ich weiß, die so genannten Selfies, also Fotos, die man mit einem Handy oder einer Digitalkamera von sich selbst macht, haben inzwischen den Ruf oberflächlicher Selbstdarstellung. Tatsächlich aber schenken sie uns eine wirklich wundervolle Möglichkeit: nämlich die, uns immer wieder selbst ganz neu sehen zu lernen.

Ich habe in einer Zeit begonnen, mich selbst zu fotografieren, als es mir alles andere als gut ging. Ich war traurig und verzweifelt und begann damit, trotzig Bilder von meinem verheulten und abgemagerten Gesicht zu machen. Zu Beginn wollte ich automatisch alle „schlimmen“ Fotos löschen. Aber je mehr Fotos ich machte, desto spannender fand ich es, gerade auch die aufzuheben, auf denen ich mich zuerst ganz schrecklich fand. Ich sah sie nämlich mit etwas Abstand ganz anders. Ich sah nicht mehr das Äußere, sondern bekam Mitgefühl mit der verhärmten, verquollenen und so endlos traurig aussehenden Frau. Ich glaube, das war der Moment, in dem ich begann, meine eigene Hand zu ergreifen und nicht länger gegen mich zu kämpfen. Ich begann, mit mir zu fühlen.

Bis zum heutigen Tag ermöglichen es mir Selbstportraits, immer wieder zu mir zu kommen und mich mir selbst zu nähern.

Oft bin ich mir so fern. Ich lasse kein gutes Haar an mir, kritisiere mich, mach mich fertig. Ich finde mich dann hässlich und dick und doof. Diese alten Muster übernehmen immer dann, wenn ich durch zu viel Anforderungen von außen, zu viel Stress und zu wenig Zeit für mich, nur noch funktioniere. Dann treibe ich mich an und wenn der Antreiber erstmal an der Macht ist, ist der innere Kritiker nicht weit. Dann zur Kamera zu greifen und mich zu fotografieren, ist dann so etwas wie Selbsttherapie.

Meine Selbstportraits geben mir eine Art Vorwand, mich mit mir zu befassen, schließlich muss ich die Bilder in Ruhe sichten und aussortieren. Wenn ich dann die Fotos anschaue, die ich bei einer solchen Sitzung von mir gemacht habe (und das können schon einige Dutzend sein), berührt mich dieser Mensch dort oft sehr. Manchmal ist es ein bestimmtes Bild, das mich wieder fühlen lässt, manchmal eine Serie. Manchmal komme ich schnell zu mir durch, manchmal dauert es.

Ich kann mich auf den Fotos immer liebevoller und mitfühlender anschauen. Ich spüre, dass es sich dieser Mensch nicht immer leicht macht, dass die Frau dort hart mit sich ins Gericht geht, und ich setze dann einen sanften, liebevollen Blick dagegen. Ich sehe den Glanz in den Augen, das Lächeln, die schönen Haare. Ich bewundere die Ausstrahlung und bin manchmal ganz gefangen von der Traurigkeit oder auch der Fröhlichkeit, die die Fotos von mir zeigen.

Ich möchte Sie mit diesem Text einladen und ermutigen, auszuprobieren, sich selbst zu fotografieren. Und zwar nicht einfach mal ein Foto vor einem Gebäude, vor dem Sie gerade stehen, oder wie Sie am Strand mit anderen sind, sondern es geht darum, dass Sie sich selbst begegnen

 

selbst

8 Kommentare

  1. Ich finde die Idee mit den Selbstporträts sehr sehr schön! Vielen Dank für die Texte und Bilder… und den Zuspruch, sich selbst ran zu wagen…

    • Sehr gern! Ich freu mich, wenn auch andere auf diese Weise mehr Zugang zu sich finden.

      Herzlich,
      Tania

  2. Ja, das ist eine wunderbae Anregung, liebe Tanja. Interessant, auch die „nicht so schönen“ Bilder zuzulassen, um sich selbst mehr kennenzulernen. Ich hab das natürlich auch so gemacht, dass ich nur die aufbewahrt habe, die ich schön genug fand.
    Mein Patner dagegen hat Fotos von mir behalten, die ich unmöglich fand, er fand sie schön. Das läuft doch in diese Richtung.

    Danke für deinen Artikel, liebe Grüße – Hanni

    • Ja, das geht genau in die Richtung! Schönes Beispiel, ich denke, das kennt jeder, dass andere Menschen Bilder von uns oft ganz anders sehen als wir selbst…

      Herzlich,
      Tania

  3. Ich finde die Idee einfach Klasse … Ein schöner Weg zur Authentizität …!

    • Ja, das ist es!

      Dankeschön,
      Tania

  4. Da gehört richtig viel Mut dazu……ich weiß nicht, ob ich so viel Mut aufbringen würde. Ich glaube, ich würde wieder nur mit einem Lächeln vor der Kamera sitzen obwohl mir zum Weinen ist. Aber vielleicht wäre es einen Versuch wert…….wenn ich Mut dazu gefasst habe. Ein wunderschönes Projekt, Tania! LG

    • Liebe Birgit,

      ein bisschen Mut gehört dazu, das stimmt… – aber vielleicht weniger als Du glaubst!

      Einfach mal probieren 🙂

      Ganz herzlich,
      Tania

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