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Hier finden Sie Reflexionen, Inspirationen und Anregungen rund um das Thema Achtsamkeit.

Von anderen lernen

Gepostet von am Okt. 19, 2015 in Achtsamkeit im Alltag, Alle Beiträge, Ich und andere | 4 Kommentare

Von anderen lernen

Gerade im Moment gestalten sich viele meiner Beziehungen neu. Nicht von allein, sondern durch mein eigenes Tun, denn ich bin achtsamer geworden und zwinge mich nicht mehr dazu, Grenzverletzungen einfach hinzunehmen und geschehen zu lassen. Ich fordere inzwischen Respekt für mich ein und achte auf ein Gleichgewicht in meinen Beziehungen. Naturgemäß trifft mein Für-mich-einstehen nicht nur auf Begeisterung und so trennt sich auch manch ein gemeinsamer Weg. 

Wenn ich heute zurückschaue auf Freundschaften oder Beziehungen, die ein Ende gefunden habe, nehme ich meine z.T. verletzten Gefühle genauso wahr wie meine gemachten Fehler. In vielen Fällen bin ich traurig darüber, wie die Sache gelaufen ist und versuche nachzuspüren, ob und was ich hätte anders machen können. In anderen Fällen bin ich erleichtert und befreit und erlaube mir, auch das zu spüren. 

Und ich experimentiere mit einer Frage, die mich so ziemlich jede Beziehung zu anderen Menschen nochmal ganz anders sehen lässt: 

„Was hat mich dieser Mensch gelehrt?“

Es ist eine mächtige Frage, denn sie lässt mich auch noch so schmerzhafte und noch so traurige Entwicklungen mit einer gewissen Dankbarkeit sehen, denn tatsächlich waren es vor allem die schwierigen Beziehungen und die tragischen Brüche, die das meiste Lernpotential für mich beinhalten. Im Prozess selbst konnte ich es oft nicht sehen, weil ich zu sehr mit der vordergründige Enttäuschung und dem Schmerz beschäftigt war, aber mich so ganz bewusst in Achtsamkeit übend erkenne ich auch in längst vergangenen Geschichten vieles, was mich bereichert und mir Entwicklungschancen beschert hat. 

Auch wenn ich es noch immer bevorzugen würde, gerade mit den Menschen, die mir etwas bedeutet haben, Harmonie oder wenigstens einen runden Abschluss zu finden, kann ich immer mehr auch bei den ausgefransten und sogar verwüsteten Enden heute ein Stück weit Dankbarkeit empfinden. Und so heilen auch tiefe Wunden langsam aber sicher. 

Kummer ist wichtig

Gepostet von am Okt. 15, 2015 in Achtsamkeit im Alltag, Alle Beiträge, Ich mit mir, Ich und andere | 4 Kommentare

Kummer ist wichtig

Vor einigen Tagen habe ich den wundervollen Pixar-Film „Alles steht Kopf“ gesehen. Ich habe gelacht und geweint bei diesem Film, ich habe gebangt und gehofft, ich habe gestaunt und ich habe erkannt.

Fazit aus meiner Sicht: Ein fantastischer und tief gehender Spaß, der lange, lange nachklingt. 

Der Film zeigt, was in dem Kopf der elfjährigen Riley vorgeht: Da sind Freude, Kummer, Wut, Ekel und Angst um das Schaltpult ihres Gehirns versammelt und entscheiden darüber, was gefühlt wird und beeinflussen, welche Erinnerungen abgespeichert werden. Freude hat das Team fest im Griff bis sie versehentlich zusammen mit Kummer ins Langzeitgedächtnis gesaugt wird. Von dort ist der Weg zurück zur Zentrale so wunderlich wie beschwerlich, während Wut, Ekel und Angst übernehmen und einiges in Riley ordentlich durcheinanderbringen … 

Es ist ein Film über menschliches Sein, über Gefühle und über Veränderungen. Neben dem Vergnügen und den vielen Aha-Effekten schenkt er uns Bilder, mit denen wir uns selbst besser verstehen und uns auch anderen (die den Film idealerweise auch gesehen haben), besser verständlich machen können.

Das Schönste war aber für mich, dass in einem kommerziellen Blockbuster-Film die Botschaft kam: Kummer ist wichtig! Freude allein, so hübsch sie auch in ihrer elfenhaften Anmutung ist, macht das Leben nicht aus – wir brauchen auch die kleine, knubbelige und manchmal etwas melodramatische Frau Kummer, um in unserem Leben wirkliche Tiefe erfahren zu können. Ich hätte laut jubeln können, denn „Alles steht Kopf“ setzt ein ganz zauberhaftes Zeichen gegen den „Glücksterror“ unserer Zeit.

Ja, ja, ja: Wir brauchen all unsere Gefühle, um bunt und intensiv leben zu können! 

Fallen oder Fliegen?

Gepostet von am Okt. 6, 2015 in Achtsamkeit im Alltag, Alle Beiträge, Ich mit mir | 6 Kommentare

Fallen oder Fliegen?

Manchmal ist es nur ein schmaler Grad, der Fallen vom Fliegen unterscheidet… 

Fallen ist dieser unangenehme Zustand von unkontrollierter Bewegung nach unten. Ein kleiner Schlag mit den Flügeln könnte das Fallen aufhalten und aus ihm einen Flug machen. Doch manchmal ist selbst diese Geste zu viel. 

An anderen Tagen wieder fällt das Fliegen so leicht, dass einen schon jeder Hüpfer weit nach oben trägt. Dann ist das Fallen so weit weg. Und die Gewissheit, jede Abwärtsbewegung auffangen zu können, schenkt Kraft auch heftige Turbulenzen zu meistern. 

Beides ist in mir – das Fallen und das Fliegen. Und beides will wahrgenommen und gelebt werden. Das Fallen mutig auszuhalten und das Fliegen voller Freude zu genießen – das ermöglicht mir, auch die Stufen dazwischen wahrzunehmen: das unscheinbare Gleiten, das herrlich leichte Schweben, das überraschende Absacken, das wohltuende Getragenwerden und vieles, vieles mehr. Das ist achtsames Sein für mich.

Kleine Fluchten…

Gepostet von am Okt. 1, 2015 in Achtsamkeit im Alltag, Alle Beiträge, Ich mit mir | 4 Kommentare

Kleine Fluchten…

Mitten im Projekt-Endstress, in dem es eigentlich keine Minute zu verlieren gilt, habe ich mich als Mitfahrerin aufs Motorrad geschwungen, um das herrliche Herbstwetter zu nutzen.

Für die kostbare Dauer einiger Stunden gab es nur die Straße, den blauen Himmel, den Wald, die Felder und die Elbe – keine Aufgaben, keine Pflichten, keinen Druck. 

Zu sehen waren wunderschöne Häuser, die neugierig machen, wer dort wohl wohnt, in Nachbarschaft mit zerfallenden Ruinen, die ganze Geschichten erzählen. Gewundene und gerade Straßen, flach und mit Steigerungen, an hübschen Zäunen und gepflegten Gärten, alten Kirchen, großen Höfen und umgepflügten Feldern vorbei. Die besondere Weite der Elbtalaue mit hunderten von Wildgänsen, die bereits eingetroffen sind. Ein Blau am Himmel, in das man stürzen und sich verlieren kann. Die Sonne noch weit oben am Himmel ist eine andere, als die, die schon tief am Horizont steht – die eine ist wie ein Energieschirm, die andere atmet Melancholie. Ihr Licht durch das noch grüne Blätterwerk erinnert an Edelsteine, die bis tief in die Seele funkeln.

Dann schloss ich die Augen und konzentrierte mich bewusst auf die anderen sinnlichen Erlebnisse: Maisfelder riechen ganz anders als Kartoffelacker und die wieder ganz anders als frisch gemähte Wiesen – und auch jedes Dorf hat einen eigenen Duft. Breite Straßen klingen anders als schmale, doch das satte Röhren der Harley gibt immer den Grundtakt vor. Kurven blind mitzufahren, erfordert viel Vertrauen und Hingabe. Geschwindigkeit ist ein Rausch und der Wind zerrt manchmal an einem wie ein ungestümer Geliebter. Durch Wald zu fahren fühlt sich anders an als am Wasser entlang – das eine tief und erdig, das andere ganz leicht und frei. 

Ja, frei war ich für diese kleine Zeitspanne, die ich mir heute einfach stahl. Frei, um Achtsamkeit zu leben und alles um mich herum durch mich hindurch fließen zu lassen. Losgelöst von all dem, was ich eigentlich tun müsste. Ich habe gut gesorgt für mich, heute. 

 

Zumutbar?!

Gepostet von am Sep. 28, 2015 in Alle Beiträge, Ich und andere | 7 Kommentare

Zumutbar?!

Ich habe schon als Kind gelernt, mich um meinen eigenen Kram selbst zu kümmern und andere Menschen möglichst wenig mit Bitten oder Anliegen zu belästigen. Bisher habe ich das immer für eine gute Eigenschaft gehalten, auf die ich irgendwie auch stolz war: mich anderen eben nicht aufzudrängen, sondern meine Verantwortlichkeiten möglichst selbst hinzubekommen. 

Nun stelle ich aber fest, dass das Folgen hat, derer ich mir bisher nicht bewusst war und die ich eigentlich gar nicht will! Ich schaffe nämlich durch mein Einzelkämpfertum Abstand auch zu den Menschen, mit denen ich Nähe leben will. 

Ich begreife: Nähe entsteht unter anderem durch gemeinsame Erlebnisse. Und gemeinsame Erlebnisse müssen nicht immer nur nett und entspannt sein.

  • Zusammenzuhalten,
  • etwas gemeinsam durchzustehen,
  • gemeinsam anzupacken, um etwas zu schaffen, was für den einen zu viel gewesen wäre,
  • da zu sein füreinander…

Von meiner Seite war es immer selbstverständlich, das anderen zu geben, aber ich für mich habe sehr viel dafür getan, dass andere mir das kaum geben konnten. Aber diese Form füreinander da zu sein, so wird mir immer klarer, sorgt für ein ganz anderes Wir als wenn man ständig darauf bedacht ist, den anderen nur nicht mit den eigenen Sachen zu belästigen. Sie funktioniert aber letztlich nur, wenn beide Seiten nehmen und geben können. 

Und so lautet eine neue Lernaufgabe für mich, mich öfter auch mal anderen zuzumuten! 

Was macht es mit mir?

Gepostet von am Sep. 21, 2015 in Achtsamkeit im Alltag, Alle Beiträge | Keine Kommentare

Was macht es mit mir?

Immer wieder spannend finde ich, meine eigenen und auch die Reaktionen von anderen Menschen auf Anregungen oder Denkanstöße zu beobachten, sei es z.B. auf Blogbeiträge, Artikel, Zitate, Ratgeber oder auch einfach nur auf das, was andere in einem Gespräch sagen. 

Der für mich gewinnbringendste Weg ist der, mich zu fragen: „Was macht das mit mir?“ und in der Folge dann davon: „Was hat das mit mir zu tun?“ 

Besonders dann, wenn ich mich über etwas aufrege, kann ich mir ziemlich sicher sein, es hat etwas mit MIR zu tun, was da geschrieben oder gesagt wurde und dasselbe gilt, wenn ich etwas spontan ablehne und für Blödsinn halte. Fast immer verstecken sich dahinter die interessantesten Anregungen, wenn ich den Mut habe, sie wirklich an mich heranzulassen (und das heißt nicht, sie zu übernehmen, aber mich mit ihnen auseinanderzusetzen). 

Ich glaube, dass die Art, wie wir auf Anregungen von außen reagieren, sehr viel mit uns selbst zu tun hat und es ist spannend, sich da einmal selbst zu beobachten. Es gibt Menschen, die fast alles von außen erst einmal ablehnen. Sie machen dicht und suchen sofort nach Gegenargumenten – und schaffen damit erst einmal Abstand. Andere haben gleich selbst ein ganzes Arsenal an guten Ratschlägen und weisen Worten bereit und parieren prompt – und, ja genau, schaffen auch damit Abstand. Dann gibt es solche, die sofort versuchen, in die Seele des Schreibenden einzudringen, um ihn oder sie zu verstehen und die tiefe Bedeutung herauszufinden – und, ja, auch damit wird Abstand geschaffen. Und selbst diejenigen, die andere Ideen sofort zu ihren eigenen machen und die Personen, von denen die Aussagen stammen, gleichsam anhimmeln – auch sie schaffen Abstand, denn es findet keine Auseinandersetzung und Selbstreflexion statt, sondern nur eine Übernahme.

Was ich mit Abstand meine? Damit meine ich, dass wir verschiedene Strategien nutzen, um die persönliche Betroffenheit zu reduzieren und uns auf diese Weise von dem Inhalt (also Gedanken und Botschaften usw.) distanzieren.

Wenn wir etwas lesen, dann kann es uns unberührt lassen, weil es tatsächlich einfach nichts mit uns zu tun hat oder uns nicht interessiert. Viele Gedanken oder Anregungen können aber auch empfindlich an Bestehendem rütteln und das ist oft bedrohlich. So können uns Gedanken anderer aufwühlen, aufregen, provozieren, berühren, bewegen, lachen oder weinen lassen usw. Die Frage für mich ist, ob wir uns bewegen lassen wollen oder ob wir eher nach Bestätigung suchen und uns lieber von allem, was ein bisschen an unseren Überzeugungen kratzt, distanzieren – und warum wir das tun. 

Wichtig: Es geht dabei wieder einmal nicht um Wertung, sondern um Bewusstsein. Abwehr kann in bestimmten Phasen genauso sinnvoll sein wie Offenheit. Ich empfinde es nur als sehr hilfreich für mich, bewusst wahrzunehmen, wenn ich mich gerade gegen einen Gedanken wehre (und den dann vielleicht einfach für später aufhebe) oder auch, dass mich ein Denkanstoß ganz tief berührt und ich mich öffnen kann, um zu schauen, wohin mich dieser Weg führt.

Gelebte Achtsamkeit

Gepostet von am Sep. 18, 2015 in Achtsamkeit im Alltag, Alle Beiträge, Ich mit mir | 10 Kommentare

Gelebte Achtsamkeit

In diesen Tagen habe ich wieder mal viele Gelegenheiten dankbar für meine neue gefundene Achtsamkeit zu sein, denn sie hilft mir so sehr dabei, dass ich heute mit Herausforderungen wie Stress, Konflikte und Sorgen ganz anders umgehen kann, als früher.

Nun habe ich mich gefragt: Was heißt es eigentlich ganz konkret, Achtsamkeit zu leben? 

Für mich im Moment das hier: 

  • Immer wieder ganz bewusst annehmen, was ist, und die so quälenden „Warum nur?“-Spiralen (Warum passiert das jetzt? Warum mir? Warum gerade das? usw.) zwar auch wahrzunehmen, aber nicht in sie hinein zu geraten. Hierbei denke ich an das Bild des Surfens – es bringt überhaupt nichts, über die Wellen zu lamentieren oder mit ihnen diskutieren zu wollen, ich muss sie nehmen, wie sie sind, und mich ihnen hingeben, um sie reiten zu können. 
  • Darauf achten, in der Situation nicht auch noch gegen mich selbst zu gehen, also mich nicht zu beschimpfen, mir keine Vorwürfe zu machen, mir nicht noch Kraft mit Zweifeln und Schuldgefühlen zu nehmen (Du tust zu wenig! Wie willst Du das schaffen? Das ist schlecht, was Du da machst! es reicht nicht! Wie konntest Du auch nur? Hättest Du doch … Geschieht Dir nur recht… usw.). 
  • Das tun, was getan werden kann und auch akzeptieren, was ich nicht tun kann: Was ist sinnvoll? Was kann ich wirklich tun und was nicht? Wie viel habe ich schon geschafft? Ist mehr wirklich möglich? Wofür reicht meine Kraft? Was ist jetzt nicht mehr zu ändern? Was kann ich nicht leisten? Wer kann mich unterstützen? Wen kann ich um Hilfe bitten? Was kann im Moment nicht erledigt werden? Immer wieder dahin spüren, dass ich mein Bestes gebe und dass mehr manchmal einfach nicht geht. 
  • Auf mich selbst aufpassen und für mich sorgen, also darauf achten, dass ich ausreichend trinke und esse, dass ich mich ausruhe, dass ich Schlaf bekomme, dass ich mir erlaube, mich auch mal abzulenken von den akuten Problemen und Aufgaben und dass ich auch in der schwierigen Zeit zulasse, mal zu lachen, dass ich Menschen auf Abstand halte, die mir in der Situation nur noch mehr Gewicht auf die Schultern packen würden oder mir anderweitig nicht gut tun, dass ich immer wieder zu neuer Kraft komme usw. 

Und neben all diesen Dingen, die sich in recht konkrete Maßnahmen fassen lassen, ist es für mich ganz wichtig, auch den Wust an Unfassbaren in mir ein Stück weit zuzulassen – die kleinen und die großen Gefühle und Regungen, die auch da sind und die wahrgenommen und kurz gelebt werden wollen, einfach, weil sie zu mir gehören und weil sie mich ausmachen:

  • zwischendurch mal komplett zusammenzusacken,
  • einen bockigen Wutanfall zu bekommen und auch destruktive Gedanken zuzulassen, 
  • für gewisse Augenblicke zu fliehen und einfach nicht da zu sein, 
  • für Momente in meiner Hilflosigkeit wie gelähmt zu sein und das auszuhalten,
  • was Schönes suchen (eine Blume, einen Schmetterling, ein paar schöne Bilder), 
  • jemanden von meiner Situation erzählen, der einfach nur zuhört und sein lassen kann, was ist,
  • heftig fluchen auf jeden und alles,
  • Aggressionen zulassen, in dem ich sie durch Schattenboxen auslebe, 
  • die Tränen laufen zu lassen,
  • zugeben, dass mich meine Kraft verlässt, 
  • einen Moment einfach nur die Wolken anschauen, die der Wind über den Himmel scheucht,
  • ein paar Fotos machen, um mich abzulenken, 
  • spüren, dass von irgendwoher doch noch Kraft kommt, 
  • mich an einen fernen Ort zu träumen,
  • mich auf eine gute Art umarmen zu lassen und mich dabei winzig klein fühlen dürfen,
  • gedanklich ins All fliegen und mein Leben von dort aus anschauen,
  • einige Minuten bunte Kringel auf ein Blatt Papier malen,
  • richtig laut Musik anmachen und alle Gefühle in mir durch einem Tanz ausdrücken…
  • und… und… und… 

Gelebte Achtsamkeit heißt für mich keine Angst mehr davor zu haben, die ganze Vielfalt in mir anwesend sein zu lassen: meinen Verstand, der immer nach Erklärungen und Lösungen sucht, mein fühlender Bauch, dem ich viel mehr vertrauen kann, da er so vieles so fein erspüren kann, mein sprunghaftes Herz, das mich in die unterschiedlichsten Gefühle wirft und ganz oft einfach nur Angst vor allem hat –  ja, das ganze Gequirle von Gedanken, Regungen, Gefühlen und Empfindungen.

Wenn ich mich in meinem ganzen Sein auch in schwierigen Momenten annehme und nichts von mir zu unterdrücken versuche, kann ich das Leben fließen lassen und versuche nicht, es aufzuhalten. Dann bin ich im Fluss, werde zum Teil davon, ja, im gewissen Sinne werde ich selbst zum Fluss und verliere die Angst, darin zu ertrinken, wie heftig die Stromquellen auch immer sein mögen. Und das ist gut. 

Rebellion!

Gepostet von am Sep. 8, 2015 in Alle Beiträge, Ich mit mir, Ich und andere | 6 Kommentare

Rebellion!

Im Moment lebe ich etwas, was ich wohl hätte schon als Jugendliche leben sollen, aber wie sagt man so schön: besser spät als nie, nicht wahr? Denn erst jetzt, wo es mir möglich ist, bewusster wahrzunehmen, was um mich, was in mir und was mit mir passiert, merke ich erst, was andere Menschen mit mir tun. Vorher war ich mir oft selbst so fern, dass ich mich kaum spüren konnte und annahm, all das muss wohl so sein. Nein, muss es nicht! 

Was ich tue? Ich rebelliere! Und zwar gegen alte Muster, gegen Respektlosigkeit, gegen Anmaßung, Bedrängung und Vereinnahmung. Ich rebelliere dagegen, klein gemacht und gehalten zu werden. Ich rebelliere dagegen, das alles bleibt wie es war. 

Oder anders gesagt: Ich stehe auf. Ich erhebe mich für mich selbst. Ich sage nein und ich wehre mich, wenn es nötig ist. Ich ermögliche mir, mich verändern zu dürfen, ich achte darauf, genug Spielraum zu haben, um wachsen und mich weiter entwickeln zu können. Ich sorge endlich dafür, ICH sein zu können. 

Wie zu erwarten war, sind nicht alle in meinem Umfeld davon begeistert, zumindest die nicht, die es sich ziemlich gemütlich bei mir machen konnten, weil ich  immer bereit war, ihnen Platz zu machen und ihren Erwartungen zu entsprechen und das anzunehmen, was sie für mich vorsahen. Ich habe sehr viele Menschen auf die unterschiedlichsten Arten bei mir einmarschieren lassen, meine unguten Gefühle ignorierend und den sowieso schon zaghaften inneren Aufschrei unterdrückend. Ich glaubte, das muss so sein, ich dachte, so zeigt man Liebe und ich fürchtete die Konsequenzen, wenn ich das nicht so mache. 

Ich rebelliere also auch gegen meine Angst und gegen Glaubenssätze in mir, gegen Annahmen und Vorgaben, die vor allem zu einem führten: dass ich mich selbst verlor. Und so stehe ich nun mit mir selbst an der Hand da und fordere Raum für mich. Ich führe keinen aktiven Kampf, aber, wenn ich merke, dass mir etwas nicht gut tut, benenne ich es und wehre mich damit gegen vieles, was „irgendwie immer so war“. Ich will gar nicht, dass andere sich ändern für mich, aber ich will sein können, wer ich bin. Es geht mir nicht darum, anderen zu sagen, was sie tun sollen, aber nehme mir das Recht auszusprechen, was andere in Bezug auf mich lassen sollen.

So offen ein Rebell zu sein, ist etwas Neues für mich, das habe ich bisher allenfalls heimlich gemacht. Und auch wenn ich dabei meine Angst spüre und alles gerade sehr anstrengend ist, fühlt es sich gut und richtig an – richtig für mich.

Das Schöne ist: Ich mache die Erfahrung, dass ich für mich sorgen (und damit rebellieren) kann, ohne meine Liebe zu den anderen zu verlieren, im Gegenteil: eigentlich kann ich viel ehrlicher lieben, wenn ich bei mir bleibe. Und im Gegenzug sorgt meine Rebellion keineswegs (wie befürchtet) überall für Ablehnung, auch hier ganz im Gegenteil: immer öfter erlebe ich eine Nähe, wie ich sie vorher kaum kannte (wahrscheinlich, weil ich endlich DA bleibe). 

Wie vor so vielem hatte ich immer auch Angst davor, tatsächlich für mich zu sorgen und einzustehen, weil ich ahnte, dass es anderen nicht unbedingt gefallen würde. Aber gefallen zu wollen, ist nicht mehr mein Hauptziel. Heute geht es mir um Achtsamkeit – anderen, aber eben auch mir selbst gegenüber. Achtsam zu sein, mich selbst zu spüren und wahrzunehmen, was etwas mit mir macht, ermöglicht überhaupt erst, für mich einzustehen – und dazu bin ich inzwischen bereit. Es tut gut, nicht mehr ständig gegen, sondern endlich auch mal für mich zu kämpfen! 

Was brauche ich?

Gepostet von am Sep. 3, 2015 in Achtsamkeit im Alltag, Alle Beiträge, Ich mit mir, Ich und andere | 2 Kommentare

Was brauche ich?

Wie oft stellen wir uns eigentlich einmal selbst die Frage danach, was wir brauchen, ich meine, WIRKLICH brauchen – und vor allem: wissen wir darauf tatsächlich eine Antwort? 

Ich habe lange Zeit ziemlich genau gewusst, was ich brauchen sollte (… um z.B. Erwartungen zu erfüllen, „erfolgreich“ zu sein, an mir arbeiten zu können usw.), aber ich hatte so gut wie keine Ahnung davon, was ich wirklich brauche. Und tatsächlich scheint es nicht nur für mich, sondern auch für viele andere ziemlich schwierig zu sein, das zu unterscheiden. 

Unsere Erziehung sagt uns, was wir brauchen sollen, die Werbung sagt uns, was wir angeblich brauchen, unsere Lieben gehen oft davon aus, dass das was sie brauchen, auch das ist, was wir brauchen und die weniger Lieben fragen sich erst gar nicht, was wir brauchen. Wir können in Büchern nachlesen, was wir brauchen und wir können Experten fragen, was wir brauchen, also z.B. Ärzte, Therapeuten, Trainer usw. Tja, und so haben wir als Ergebnis eine oft recht lange Liste von Dingen, die wir VIELLEICHT brauchen, vielleicht aber auch nicht, denn die wichtigste Person in dem Spiel haben wir nicht befragt: uns selbst.

Wie finden wir nun heraus, was unsere wirklichen Bedürfnisse sind? Ich glaube nur, in dem wir uns selbst zuwenden und bereit sind, uns selbst zu fühlen. Probieren Sie es mal mit diesem Bild: Wenn ein kleines Kind weint, versuchen wir behutsam herauszufinden, was los ist: Tut ihm etwas weh? Hat es Angst? Hat es jemand geärgert? Ist es müde? Wir haben den Antrieb, verstehen zu wollen, um dem Kind wirklich helfen zu können.

Wie wäre es nun, wenn wir genau dieses „Verstehen wollen“ auch uns selbst gegenüber aufbringen könnten? Dafür müssen wir allerdings erstmal wegschieben, was wir schon zu wissen glauben über uns und unsere Bedürfnisse und bereit sein, Neues über uns zu erfahren. Das ist ein großer Schritt, denn Bedürftigkeit ist ein Gefühl, das viele Menschen meiden. Aber wie wollen wir für uns sorgen, wenn wir gar nicht genau wissen, was wir brauchen? Oder in dem Bild zu bleiben: Wie sollen sie dem Kind helfen, wenn Sie keine Ahnung haben, was es hat oder was ihm fehlt?  

Ein solch achtsames In-sich-spüren braucht eine Portion Mut, auch das zuzulassen, was wir oft vorschnell wegschieben, wie z.B.: 

  • auch das, was angeblich „unangemessen“ ist oder vielleicht sogar „verboten“ – Bei etlichen unserer Bedürfnisse haben wir durch andere Menschen die Botschaft bekommen, dass wir sie eigentlich nicht haben oder wenigstens nicht zeigen sollten.
  • auch das, was nicht so leicht erreichbar ist – Einige unserer Bedürfnisse sind nicht gerade so leicht zu erfüllen, weil sie z.B. nicht käuflich sind oder weil sie zu erfüllen es erfordert, einiges zu ändern (sich z.B. freie Zeit zu schaffen oder etwas aufzugeben, was der Bedürfnis-Erfüllung im Wege steht usw.). 
  • auch das, was andere vielleicht nicht brauchen oder was den Bedürfnissen anderer sogar entgegensteht – Eigene Bedürfnisse im Zusammenleben mit anderen Menschen erfüllen zu wollen, kann bedeuten, etwas zu tun, das anderen nicht gefällt oder unverständlich ist.
  • auch das, was widersprüchlich zu sein scheint – Manche unserer Bedürfnisse widersprechen sich gegenseitig, aber auch hier ist es wichtig, beide im Blick zu behalten, um beiden gerecht werden zu können und nicht einfach eines zugunsten des anderen zu unterdrücken. 

Ich mache mir selbst immer wieder klar: Achtsamkeit heißt, nicht zu bewerten, sondern erst einmal nur wahrzunehmen. Das gilt auch für unsere Bedürfnisse: um erspüren zu können, was wir wirklich brauchen, ist es wichtig, offen zu sein für uns und für das, was sich in uns zeigt. Und in diesem Sinne ist Offenheit tatsächlich ein Synonym für Achtsamkeit. 

Wie offen sind Sie für sich selbst?

Schmerz, nein danke?

Gepostet von am Aug. 25, 2015 in Achtsamkeit im Alltag, Alle Beiträge, Ich mit mir | 2 Kommentare

Schmerz, nein danke?

Auf meinen letzten Beitrag hin, in dem ich über das Zurückschauen schrieb, kam bei Facebook als Reaktion der Hinweis, dass das Zurückschauen manchmal zu schmerzhaft sein kann. Da mich das Thema Schmerz gerade in Bezug auf Achtsamkeit sehr beschäftigt, dachte ich mir, schreib ich einfach darüber einen weiteren Beitrag.

Die meisten Menschen meiden natürlicherweise Schmerz. Tiefe Verletzungen, schlimme Erlebnisse, schwere Enttäuschungen – am liebsten würden viele diese aus ihrem Gedächtnis löschen (… und wie viel tun wir erst, um zukünftigen Schmerz zu vermeiden…). 

Ich gehe etwas anders mit meinem Schmerz um – ich lasse ihn zu, ja suche ihn manchmal sogar regelrecht, in dem ich Musik höre, die mich ins Fühlen bringt und Fotos anschaue, die mich erinnern lassen. Bin ich eine Masochistin? Nein, ich glaube nicht. Ich habe nur für mich erfahren, dass mich jedes Vermeidungsverhalten unfrei macht in meinem Sein. Wenn ich meinen Schmerz fürchte, bin ich eingeschränkt in meinem Tun und Fühlen. Je größer und umfassender der Schmerz, desto kleiner der Aktionsradius, in dem ich mich noch (relativ) gefahrlos bewegen kann. 

Indem ich mich meinem Schmerz stelle, kann ich mich selbst immer besser kennen lernen. Weil in meinem Schmerz auch Kostbares steckt: nämlich wertvolle Erkenntnisse und große Chancen. Ich kann in meinem Schmerz Dinge über mich erfahren, die mich nur mein Schmerz lehren kann. Ich kann nur durch die Auseinandersetzung mit meinem Schmerz verstehen, warum ich Verletzungen und Enttäuschungen erlebt habe. In ihm finde ich Antworten darauf, warum bestimmte Irrwege nötig waren und was ich daraus lernen sollte. Und vielleicht am wichtigsten: in der Beschäftigung mit meinem Schmerz habe ich die Möglichkeit, aus meinem Opfersein herauszuwachsen und Stück für Stück (manchmal Millimeter für Millimeter) freier zu werden. 

Nicht dass hier ein falscher Eindruck entsteht: das ist alles natürlich nicht leicht, auch für mich nicht, ganz im Gegenteil. Aber mein Eindruck ist, dass Schmerz durch Ignorieren letztlich immer unerträglicher wird, weil er in der Verdrängung wächst wie ein Geschwür – und irgendwann platzt es eh auf… Die Angst vor dem Schmerz macht ihn immer größer (wenn auch nur in unserer Vorstellung) und deshalb wollen wir noch weniger an die schmerzhaften Punkte in unserer Vergangenheit oder unserem aktuellen Leben – ein Teufelskreislauf. Ich weiß für mich, dass Seelenwunden nicht einfach verschwinden, wenn ich so tue, als wären sie nicht da. Seelenwunden brauchen, so zumindest ist es für mich, Aufmerksamkeit und Fürsorge und Liebe. 

Keine Frage, nicht jedem Schmerz kann oder sollte man sich allein stellen, manchmal braucht man Hilfe und Unterstützung dafür. Dann gilt es, sich diese zu suchen, denn den Schmerz aus Angst wegzudrücken, scheint mir das ganze Gegenteil von Achtsamkeit zu sein. Achtsamkeit heißt wahrnehmen. Und neben all dem Schönen im Leben gibt es eben auch Schmerzliches und Trauriges, das gilt für jeden von uns. Das Ausblenden zu wollen, bedeutet, sich abzuschneiden vom Fühlen und immer mehr Tabu-Zonen zu schaffen, in deren Nähe man nicht mehr gehen mag. 

Aus heutiger Sicht kann ich sagen, dass der Mut, mich meinem Schmerz zu stellen, mich mir selbst ganz wesentlich näher gebracht hat und mir dabei geholfen hat, mich von vielen Ängsten zu befreien. Die Erfahrung zu machen, dass ich meinen Schmerz aushalten kann, auch wenn ich das für unmöglich hielt, hat mich stärker gemacht. Und ich habe erfahren dürfen, dass ich mich auch selbst in den Arm nehmen und trösten kann. Mein Schmerz ist mir heute ein Freund geworden, er gehört zu mir wie meine Freude oder mein Glück. Ihn zu fürchten, hieße mich selbst zu fürchten, ihn abzulehnen, hieße mich selbst abzulehnen – und genau das will ich nicht mehr.