Hier finden Sie Reflexionen, Inspirationen und Anregungen rund um das Thema Achtsamkeit.
Wissen und verstehen…
Vor einiger Zeit habe ich einen Ausspruch gelesen, in dem es um den Unterschied zwischen Kennen und Verstehen geht. Sinngemäß hieß es dort, dass Verstehen tiefer geht als (Er-)Kenntnis und Wissen.
Mein Verstand protestierte, aber mein Bauch lächelte und fühlte sich gesehen.
Wie oft hatte ich schon große Erkenntnisse! Wie oft wichtige Einsichten! Wie viel Wissen habe ich angehäuft! Und ja, das alles ist gut und wichtig.
Aber wirklich weitergebracht hat es mich eigentlich immer nur dann, wenn ich mein Wissen losgelassen und mich auf das FÜHLEN eingelassen habe. Auf das, was sich nicht mit dem Verstand erfassen lässt. Auf das, was größer ist als Fakten, Formeln und Fazits.
Und da bin ich wieder bei der Achtsamkeit!
So wichtig und fantastisch unser Verstand auch ist, so ist er ganz sicher nicht die Quelle von Achtsamkeit. Dazu ist er viel zu geschäftig. Unser Verstand rennt voraus und rast zurück, er sucht und sammelt, erfasst und kombiniert. Er spuckt Fragen aus und findet Antworten, er analysiert Probleme und entwickelt Lösungen.
Achtsamkeit aber ist mich Fühlen und Sein. Und dabei ist der Kopf oft im Weg, jedenfalls meiner. Ihrer auch?
Buchtipp: Hochsensibel – Was tun?
Rezension: „Hochsensibel? – Was tun? Der innere Kompass zu Wohlbefinden und Glück“ von Sylvia Harke. – Petersberg: Via Nova, 2014. – 3. Aufl. – ISBN: 3866162812. – 19,95 EUR
Ich muss zugeben, dass der Titel „Hochsensibel – Was tun?“ es mir persönlich schwer gemacht hat, das Buch in die Hand zu nehmen. Es lag also eine ganze Weile auf meinem Tisch, weil es mich unangenehm berührt hat, dass mir einmal mehr suggeriert wird, dass ich etwas TUN muss, dass es nicht reicht, einfach zu SEIN, so wie ich bin. Für mich geht ja erstmal gerade nicht darum, etwas zu tun (weder dafür, noch dagegen), sondern anzunehmen, was ist. Vom Titel her wirkt es, als wäre Hochsensibilität ein Problem, für das es Lösungen gibt… – das wird für mich der Sache leider nicht gerecht.
Trotzdem habe ich mir das Buch vorgenommen und ja, ich habe es mit Gewinn gelesen, auch wenn ich noch nicht ganz durch bin damit.
Es ist ein dickes Buch, eng beschrieben, mit vielen, gehaltvollen Informationen und unzähligen Übungen. Etwas mehr Leichtigkeit hätte hier gut getan, so fühlt man sich doch schnell überfordert. Ich würde dazu raten, das Buch nicht von vorne nach hinten durcharbeiten zu wollen, sondern es als Inspirationsquelle gut sichtbar liegen zu lassen und nach Lust und Laune irgendwo aufzuschlagen und sich ein bisschen in ihm treiben zu lassen, wie auf einer Luftmatratze auf einem See. So haben zumindest mich die entscheidenden Themen und Botschaften gefunden.
Hier noch ein Blick ins Inhaltsverzeichnis, der zeigt, wie umfangreich die Autorin das Thema angegangen ist.
- Was ist Hochsensibilität?
- Eigenschaften hochsensibler Menschen
- HSP-Test für Erwachsene: Bin ich hochsensibel?
- Verletzlichkeit als natürlicher Zustand
- u.a.
- So finden Sie die Balance in Ihrem Leben
- Wahrnehmung: Wie funktioniert mein hochsensibler Geist?
- Körpersensibilität: Was braucht mein hochsensibler Körper?
- Seelenbalsam: Wie tickt meine (hoch)sensible Seele?
- Lebensraumsicherung: Welches Lebensfeld brauche ich?
- u.a.
- Notfallausrüstung gegen Stress, Burnout und Trauma
- Hochsensible Kinder – Wer sie sind und was sie brauchen
- u.a.
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Achtsam sein
Heute habe ich mal keinen „normalen“ Blogbeitrag für Sie, sondern etwas Besonderes.
Hin und wieder finde ich im Netz kleine Videofilme, die anzuschauen, mir Freude für den Tag schenkt. Und es geht mir bei so etwas oft so, dass ich denke: Das würde ich auch gerne mal machen! Also habe ich mich hingesetzt und einen kleinen Inspirationsfilm für meine Seite gebastelt.
Schon das Heraussuchen der Fotos für diesen Film hatte etwas von einer Achtsamkeitsübung, denn ich schaute und fühlte genau hin, welche von ihnen berühren können. Dann all die vielen Gedanken, die ich zu dem Thema habe, in Worte fließen zu lassen, die schnell zu lesen sind, aber hoffentlich lange nachklingen, auch das war eine gute Übung in Achtsamkeit für mich. Und genauso ging es bei der Musik für mich darum, dass sie das fühlen lassen sollte, was ich mir als Wirkung wünsche.
Herausgekommen ist dieser kleine Film, der Ihnen Achtsamkeit vielleicht einmal auf eine andere Art nahebringen kann – die gut zwei Minuten Dauer können vielleicht so etwas wie eine kleine Insel zum Inhalten sein, genau jetzt.
Schauen Sie doch mal rein:
Was mach‘ ich draus?
Eine kleine Anmerkung vorab: In diesem Beitrag geht es zwar mal wieder um Facebook, aber bitte lesen Sie weiter, auch wenn Sie Facebook nicht interessiert, denn eigentlich geht es um etwas ganz anderes 🙂
Wer hier bei mir schon länger mitliest, hat wahrscheinlich mitbekommen, dass ich nun seit einer Weile auch bei Facebook bin und vielleicht auch, dass ich mich nach wie vor nicht ganz leicht damit tue.
Meine Internetseite steht für Achtsamkeit und die berechtigte Frage, die aufkommt: Achtsamkeit und Facebook – ist das nicht eigentlich ein Widerspruch? Bei einem so lauten und schnellen Medium, in dem es in der Hauptsache scheinbar darum geht, Likes abzugreifen, liegt dieser Gedanke nah. Aber Achtsamkeit findet ja nicht im luftleeren Raum statt, sondern im Leben, im Alltag und ja, eben auch in der Mediennutzung. „Facebook“ steht in diesem Zusammenhang nur als Platzhalter für die Herausforderung, Achtsamkeit überall zu leben und nicht nur in der Stille des Zimmers, in dem ich mich zum Meditieren zurückziehe.
Ich gebe es ganz offen zu: ich hatte große Vorbehalte gegen Facebook und habe mich lange dagegen gesträubt, mich dort anzumelden. Um so schöner ist, was ich dort gerade erleben darf – nämlich genau das, was für mich schon immer den Geist des Internets ausgemacht hat: Hilfsbereitschaft, Offenheit und ja, auch Nähe.
Ganz konkret hatte ich mich zu einer so genannten Challenge angemeldet, die von Katrin Hill von Line Marketing veranstaltet wird (ein dickes Dankeschön an dieser Stelle!). Im Rahmen dieser vollkommen kostenlosen Aktion bekommt man täglich Aufgaben gestellt, mit der man am eigenen Facebook-Auftritt arbeiten kann und man kann jederzeit Fragen stellen und um Feedback bitten. Ich hatte dort unter anderem eine persönlich motivierte Frage gestellt und ich war vollkommen überwältigt über die Antworten und Kommentare, die ich bekam. Es war ein Gefühl von Gemeinschaft, Miteinander und gegenseitigem Fördern. Ich wurde gesehen und bereichert und andere mit mir, einfach nur, weil ich mich mit einem Thema zeigte, das auch andere betraf
Es wird so viel Schlechtes über das Internet gesagt und klar, es gibt auch ganz viel Negatives. Aber es ist mit dem Internet so wie mit allem anderen auch: Entscheidend ist, was WIR – also jeder einzelne von uns und wir als Gemeinschaft – daraus machen. Das Internet und auch eine Plattform wie Facebook sind ja nicht einfach Dinge, die so sind und nicht anders, sondern sie werden von Menschen gemacht und ständig neu erfunden und verändert. Unser eigenes Sein dort bildet ein mit-entscheidendes Steinchen im Mosaik.
Wir sind dem Ganzen also nicht nur ausgeliefert, wir gestalten mit.
Bei Facebook ist – wie überall! – eine enorme Spannbreite von menschlichem Selbstausdruck zu erleben: von Inspirationen, die die Seele nähren und wachsen lassen bis hin zu üblen Hass-Tiraden, die alles dunkel werden lassen und dazwischen eben auch alle nur erdenklichen Schattierungen. Und genauso ist zu beobachten, wie vielfältig Menschen wiederum damit umgehen: Da wird geliked und geteilt, gelobt und kritisiert, verurteilt und vergöttert, gehetzt und gemobbt. Es menschelt also kunterbunt in allen Farben, in hübschen und in hässlichen.
Es gehört schon fast zum guten Ton, auf Facebook & Co oder gleich auf das ganze Internet zu schimpfen, denn es ist so leicht, etwas einfach abzulehnen. Viel anstrengender ist es, zu differenzieren und ja, es ist auch viel anstrengender, sich selbst und die eigene Rolle zu reflektieren und aktiv mitzugestalten. Aber genau das ist auch so viel spannender und bereichernder!
Im Grunde ist jeder Besuch bei Facebook & Co eine Chance, mehr über sich selbst zu erfahren. Ich frage mich z.B. immer wieder:
- Was erregt meine Aufmerksamkeit und wodurch?
- Worüber ärgere ich mich, worüber kann ich lachen?
- Auf welche Wellen springe ich vielleicht einfach auf, ohne wirklich zu prüfen, ob sie meine sind – wo also lasse ich mich vielleicht mitreißen und verliere meinen eigenen Halt?
- Wem will ich meine Zustimmung und Zuneigung zeigen, von wem will ich sie haben und ganz wichtig warum?
- Wo in all dem bin ich?
- Was ist wirklich meins?
- Wofür möchte ich stehen?
- Was möchte und was kann ich selbst geben?
- Und wie kann ich diese Plattform zu einem besseren Ort machen?
Mir ist klar, dass ich manchmal etwas naiv wirken mag mit meinem Glauben an das Gute. Aber das Tolle, was ich gerade auf Facebook erlebe, ist real und nicht eingebildet. Ich rede es mir nicht schön und es ist nicht weniger „echt“ als die schlimmen Dinge, die dort passieren.
Internet, Facebook & Co, Gruppen und auch die Gesellschaft sind das, was wir draus machen! Wenn wir es denen überlassen, die es für ihren Hass nutzen und ihre Negativität, dann ist das genau das, was weiterwachsen wird. Wenn wir aber das geben, was uns selbst wichtig ist, wenn wir Positives pflanzen, Hilfe schenken, uns öffnen und andere bereichern, ja, wenn wir noch viel achtsamer für das werden, was MÖGLICH ist, wird durch jeden von uns alles ein Stück weit zu einem besseren Ort. Ich glaube fest daran, dass es an uns allen – an jedem einzelnen – liegt, die Welt ein bisschen besser zu machen und ich werde hoffentlich nie aufhören, das zu glauben und zu leben!
Für mich ist die Frage „Was mach ich draus?“ zu einer magischen Frage für so ziemlich jede Lebenslage geworden – vielleicht auch eine Anregung für Sie?

Wer freut sich mit mir?
Ich denke weiter darüber nach, was eigentlich alles in Beziehungen verbindend ist und was eher nicht. Und dabei bin ich auf etwas ganz Wundervolles gestoßen: auf die Fähigkeit zur Mitfreude! Sich mit anderen Menschen freuen zu können, ist etwas ganz Nährendes und sehr Bereicherndes und das gilt für mich beidseitig!
Während ich mich schon immer gerne mit anderen gefreut habe, habe ich recht früh damit begonnen, mir gut zu überlegen, mit wem ich das teile, was für mich wertvoll ist. Ich wollte meine Schätze vor der Be- und Abwertung durch andere schützen. Das war kein bewusster Prozess, sondern wohl eher Instinkt. In so ziemlich jeder Klasse oder Gruppe gab es ein oder zwei Kinder, die egal, ob man nun stolz mit einem neuen Schulranzen ankam oder etwas Tolles zu erzählen hatte, mit einer einzigen bissigen Bemerkung alles klein und hässlich werden ließen und auch unter Erwachsenen gibt es viele, die zur Mitfreude einfach nicht fähig zu sein scheinen.
Ich mochte mir, wie gesagt, schon als Kind meine Freude nicht kaputt machen lassen und wollte mir weder meine Begeisterungsfähigkeit, noch meine Energie, noch meine Motivation nehmen lassen, denn aus all dem schöpfe ich meine Schaffenskraft und auch meine Lebensfreude. So habe ich über all die Jahre vieles für mich behalten, das ich eigentlich gerne geteilt hätte.
Inzwischen zeige ich aber etwas mutiger anderen immer mehr von mir, weil ich immer öfter die Erfahrung machen darf, dass es tatsächlich auch viele Menschen gibt, die sich mit anderen Menschen freuen können. Und die Mitfreude anderer lässt die eigene Freude noch größer und bunter werden! Es gibt noch immer viele Menschen um mich herum, die sich leider nicht mit mir freuen können, aber ich sehe das heute mehr als deren Problem an, denn als mein eigenes. Ich kann das Risiko einer fiesen Bemerkung immer besser aushalten, einfach deshalb, weil ich immer mehr bei mir bleibe und die Ansicht des anderen nicht mehr zu meiner machen muss. Vor zu viel Negativität schütze ich mich aber immer noch und ich denke, das ist auch gut so.
Menschen zu finden, die sich mit uns freuen können, ist etwas ganz Wundervolles – und genauso wundervoll ist es, sich mit anderen zu freuen! Ich glaube, das Entscheidende dabei ist, dass die Fähigkeit zum Mitfreuen (oder vielleicht ist es sogar das Mitfühlen ganz allgemein…) eine Basis für Vertrauen ist, während das Unvermögen, sich mit dem anderen zu freuen (und zu fühlen), zu vielen, vollkommen vermeidbaren Verletzungen führt.
Denn das Großartige ist doch: Ich muss die Vorhaben oder Neuanschaffungen einer anderen Person gar nicht einmal selbst toll finden, um mich für den anderen mitfreuen zu können – allein die positive Energie zu spüren, lässt mich schon selbst lächeln (… vorausgesetzt natürlich, es geht nicht um etwas, das ich aus eigenen Überzeugungen ablehne, dann ist ein Mitfreuen natürlich nicht wirklich möglich, aber das kommt doch eher selten vor und meist sind das dann Menschen, von denen mich eh Grundlegendes trennt).
Wie geht es Ihnen damit? Haben Sie Menschen um sich, mit denen Sie das teilen können, worüber Sie sich freuen? Und freuen Sie sich auch mit anderen? Gerne würde ich dazu einige Geschichten von Ihnen lesen!
Saluto…, was?
Die meisten meiner Blogbeiträge schreibe ich aus dem Bauch heraus – also so, wie ich es gerade erlebe, fühle und für mich selbst erdenke. Hin und wieder finde ich dann später einen Artikel oder eine Veröffentlichung, in der ich ganz Ähnliches entdecke wie das, worüber ich schrieb und das ist jedes Mal höchst spannend!
Neulich schilderte ich ja, wie ich versuche mit den Geschehnissen in der Welt umzugehen und dass es für mich wichtig ist, mir einen hoffnungsvollen Fokus zu bewahren, damit ich handlungsfähig bleibe. Tja, und genau dafür gibt es sogar ein tolles, wissenschaftliches Wort: „Salutogenese“ heißt das nämlich 🙂
Schon in den 70ern und 80ern befasste sich der israelisch-amerikanische Medizinsoziologe und Stressforscher Aaron Antonovsky mit der Frage, wie eigentlich Gesundheit entsteht und erhalten werden kann. Er entwickelte aus seinen Studien und Erkenntnissen den Begriff Salutogenese als Gegenpart zur Pathogenese. Ich will da jetzt gar nicht in die Tiefe gehen, wer mehr wissen möchte, recherchiert am besten einfach mal, es ist viel darüber zu finden. Für mich entscheidend sind die drei Grundelemente, die Aaron Antonovsky für Gesundheit und Wohlbefinden herausgearbeitet hat:
- Ich muss verstehen können, was um mich herum geschieht, um damit umgehen zu können.
- Die Umstände oder Situation müssen gestaltbar und händelbar für mich sein.
- Ich muss ein Gefühl von Bedeutsamkeit oder Sinnhaftigkeit haben.
Und genau darum ging es mir, als ich darüber schrieb, dass ich mich durch das Negative nicht vergiften lassen will. Zu viel Negatives macht mich ohnmächtig und hilflos, es lähmt mich und nimmt mir alle Energie. Indem ich meinen Fokus immer wieder ganz bewusst auf das ausrichte, was schön ist in der Welt, was konstruktiv und positiv ist, verneine ich nicht das Schlechte, ich ignoriere es auch nicht, denn ich mir durchaus darüber bewusst, wie viel im Argen ist. Aber ich verweigere dem Negativen in der Welt auch noch meine eigene Lebensenergie zu überlassen.
Um konstruktiv leben zu können und selbst eher Licht zu sein als Dunkelheit, brauche ich oft all meine Kraft. Und die gewinne ich tatsächlich aus genau den von Aaron Antonovsky bekannten Grundelementen: Verstehen, Gestaltungsmöglichkeiten und Sinn. Vielleicht können Ihnen diese drei Elemente dabei helfen, auch selbst immer wieder Ihren Fokus so auszurichten, dass Sie neue Kraft finden und nicht immer mehr davon verlieren.
Gegengift
Es ist schon verrückt, was gerade alles in der Welt und um uns herum passiert – und wir sind mitten drin.
Wir sehen Bilder, lesen Artikel, hören Nachrichten, verfolgen Reportagen und lauschen Kommentaren. Wir diskutieren mit anderen und suchen und finden Argumente und Antworten, wobei diese nicht immer richtig sein müssen. Manche von uns entwickeln Meinungen, mehr oder weniger radikal, andere sind verwirrt und wissen eigentlich immer weniger. Einige beginnen zu kämpfen (gegen wen oder für was auch immer), andere verfallen in eine Starre und hoffen, dass einfach alles bald wieder gut ist. Wieder andere entscheiden, etwas zu tun und packen irgendwo praktisch mit an, einige wollen nur ihre Schäfchen ins Trockene bringen (bzw. versuchen es). Wieder andere klagen nur noch, während einige rationalisieren oder ganz dicht machen – ja, wir alle versuchen auf die eine oder andere Art weiterzuleben mit all dem, was in der Welt geschieht.
Seit Wochen und Monaten achte ich selbst vor allem auf eines: dass ich mich nicht zu sehr beeinflussen lasse von Ansichten und Äußerungen, von Reden und Behauptungen, von Parolen oder fiesen Sätzen, die wie Messer wirken und die tiefe Gräben schaffen. Ich versuche jeden Tag auf’s Neue, mich vor der massiven Negativität zu schützen, mit der immer mehr durchtränkt zu sein scheint und vor dem, was daraus entsteht.
Ich glaube an die Kraft von Energien und ich glaube daran, dass man der Negativität nicht die Macht überlassen darf, denn sie vergiftet alles. Ich will nicht zulassen, dass meine ganz natürlich vorhandene und auch angemessene Besorgnis aufgebläht wird von dem, was Menschen so alles aus Angst tun: nämlich z.B. ständig den Weltuntergang zu beschwören oder zumindest den nächsten Krieg oder nur noch über die Schlechtigkeit in dieser Welt zu lamentieren oder es als Fakt darzustellen, dass doch eh alles egal ist und jeder halt sehen muss, wo er bleibt oder – im schlimmsten Fall – in Hasstiraden zu verfallen und auf alles und jeden zu schimpfen.
Tatsächlich nehme ich auch ganz viel anderes wahr, wenn ich nicht nur auf die lauten und aggressiven Stimmen höre und das ganze Mediengeschrei: Da ist so viel Schönes und Gutes, da sind Gemeinschaft und Hilfsbereitschaft, da gibt es tolle Ideen und Ansätze, da ist Liebe zu den Menschen und zum Leben zu fühlen, da sind noch immer überall kleine und große Wunder zu entdecken und da ist noch so viel mehr. All das sind gute Energien, die uns alle nähren und die vor allem eines können: Hoffnung schenken.

Wie Gespräche Nähe verhindern können
Ich finde mich immer wieder in Situationen, in denen ich deutlich spüre, dass sich mein Gegenüber Nähe wünscht und/oder auch, dass ich gerne selbst Nähe zum anderen hätte. Aber oft lässt sich diese Nähe einfach nicht erreichen und ich habe mich gefragt, wie das kommt. Je mehr ich in diese Situationen hineinfühlte, desto klarer wurde mir, dass es eine ganze Reihe von Gesprächsthemen gibt, die keine Brücken schaffen, sondern eher Gräben ziehen.
So wird z.B. oft über andere Menschen gesprochen (Freunde, Bekannte, Bekannte von Bekannten, Politiker, Promis usw.) und zwar meist darüber, wie „unmöglich“ die doch sind (also z.B. zu unhöflich, zu geizig, zu ignorant, zu unordentlich oder was auch immer). Gemeinsame Feindbilder können zwar für einen Schulterschluss sorgen, aber wenn ich als Gesprächspartner nicht bereit bin, das jeweils auch so zu sehen (also diese Leute, die ich oft nicht mal kenne, eben nicht auch „unverschämt“ oder „dreist“ oder „daneben“ finde oder nicht alle Politiker als korrupt oder faul ansehe und mir Promis ziemlich egal sind), entsteht ein großer Krater. Dann nämlich distanziere ich mich mindestens innerlich von dem Gesagten oder ich formuliere es sogar, indem ich einen differenzierten Blick auf die geschilderte Situation werfe (also z.B. mal die Seite des anderen beleuchte) oder sogar eine andere Ansicht ausspreche. Und das trennt, obwohl ich es gar nicht will.
Oder nehmen wir das Sprechen über schlimme Dinge, die passieren, wie z.B. Krankheits- oder Todesfälle, Unglücke, Verbrechen und ähnliches. Auch hier ist die Hoffnung, dass durch das gemeinsame Klagen über all das Schreckliche Nähe entsteht. Möchte ich aber nicht in das Klagen einstimmen, weil ich mich z.B. selbst um einen positiven Fokus bemühe, mir die ausführliche Schilderung von Horrorszenarien nicht gut tun oder auch andere Aspekte einer „Katastrophe“ benenne, schaffe ich auch damit (automatisch, aber eben oft ungewollt) Abstand.
Es ist für mich inzwischen regelrecht schmerzhaft, ein Nähebedürfnis wahrzunehmen, es aber nicht erfüllen zu können, weil ich mich in den Gesprächen sonst verbiegen und mich von mir selbst entfernen müsste, was ich nicht mehr möchte.
Und ich frage mich, wie anders die Gespräche wohl verlaufen würden, wenn jeder sich dafür öffnen würde, über sich selbst und die eigenen Gefühle zu sprechen oder über das Miteinander oder über Sachen, die man gemeinsam tun oder entdecken kann! Dabei ist es gar nicht nötig, einen tiefen Seelenstriptease hinzulegen, aber ich glaube immer mehr, dass Nähe nur möglich wird, wenn wir bereit sind, ein bisschen etwas von uns selbst zu zeigen. Mir geht es jedenfalls so, dass mich mein Gegenüber interessiert mit dem, was er oder sie als Mensch erlebt und empfindet, und nicht, was sein Nachbar für einen Mist baut oder wie schrecklich die Frau vom Onkel der Schwester des Freundes ist oder dass doch alle Promis Kaviar zum Frühstück essen und wie furchtbar das ist… Solchen Gesprächen entziehe ich mich immer mehr, denn sie nähren meines Erachtens niemanden, weder den Redner noch den Zuhörer.
Achten Sie doch einmal selbst darauf, in welchen Gesprächen Sie anderen Menschen näher kommen und wodurch Sie selbst andere näher an sich heranlassen können – ich denke, je mehr Gespür wir dafür entwickeln, desto häufiger werden wir tatsächlich Nähe erleben können.
Ich wär‘ dir gern so nah
In meinem letzten Beitrag ging es darum, ob wir in einer Beziehung eher die Unterschiede oder die Ähnlichkeiten wahrnehmen und ich beschrieb, dass ich vor allem auf das schaue, was verbindend ist. Das klingt erstmal ganz nett, aber genau darin steckt durchaus auch eine Tücke.
Wenn uns Ähnlichkeiten wichtig sind und wir unser Nähe- und Zugehörigkeitsgefühl durch eben solche verbindenden Elemente befriedigen möchten, kann es leicht passieren, dass wir uns Unterschiede schön reden. Ganz nach dem Motto „Was nicht passt, wird passend gemacht.“ ignorieren wir dann möglicherweise bestehende Unterschiede oder machen sie in unserer Vorstellung immer kleiner. Wir versuchen dann vielleicht mehr oder weniger unbewusst, den anderen zu verändern, also hier und da ein bisschen rundzuschleifen, wo Kanten stören, und manchmal setzen wir sogar zu gröberen Anpassungsmaßnahmen an. Tja, und wenn ich ehrlich bin, kenne ich dieses Verhalten das auch von mir selbst …
Ganz abgesehen davon, dass wir auf diese Weise den anderen natürlich nicht in seinem Sein annehmen, führt diese Strategie auf Dauer eben genau nicht zu der von uns gewünschten Nähe, sondern oft zu immer mehr Abstand, weil die Beziehung von innen hohl wird und irgendwann nur noch Fassaden stehen.
Wirklich zu lieben, das wird mir immer klarer, ist nur möglich, wenn wir den anderen sein lassen können, wie er ist – genau so, wie wir uns nur wirklich geliebt fühlen können, wenn wir angenommen werden, wie wir sind.
Ich denke, es wird immer wieder Menschen geben, mit denen wir nur wenig Nähe erleben können, egal wie viel wir für sie empfinden oder wie wichtig sie für uns sind. Und das einfach deshalb, weil uns Welten trennen.
Während ich früher versucht habe, jeden noch so breiten Graben mit der Kraft meines Willens zu überwinden ( … und das für Liebe hielt … ), bin ich heute bereit, Unterschiede und Abstand zu akzeptieren und zwar ohne Dauerschmerz und Verbitterung. Und da kommt die Achtsamkeit ins Spiel: Wenn ich ein Anderssein einfach nur wahr- und annehmen kann – das Anderssein des anderen und auch mein eigenenes – fällt die Bewertung weg, wer denn nun „richtiger“ ist. Wir sind dann beide, wie wir sind, und können immer wieder neu schauen, wie viel Kontakt uns möglich ist, ohne dass sich einer von uns verstellen oder verbiegen muss.
Nähe ist für mich etwas sehr Wertvolles, aber inzwischen will ich sie nicht um jeden Preis!

Ähnlich oder ganz verschieden?
Mir war lange nicht bewusst, dass wir in Beziehungen einen sehr unterschiedlichen Blick auf den jeweils anderen haben können. So gibt es Menschen, die vor allem auf das achten, was anders an dem anderen ist, also wie anders der andere tickt, wie sehr sich seine Ansichten von den eigenen unterscheiden, wie unterschiedlich seine Herangehensweisen oder Überlegungen sind und so weiter und so fort. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die den Fokus auf die Gemeinsamkeiten legen, denen also sofort alles Verbindende und Vereinende auffällt.
Überlegen Sie doch einmal kurz: Wozu gehören Sie?
Ich suche, ohne dass ich darüber nachdenke, automatisch nach Ähnlichkeiten bei anderen,wie z.B.
- nach gemeinsamen Vorlieben
- oder Interessen,
- nach ähnlichen Gedankenansätzen
- oder Überzeugungen,
- nach verbindenden Erlebnissen
- oder Erfahrungen,
- nach einem ähnlichen Humor,
- ja, sogar nach ähnlichen Kleidungs- oder Schmuckstücken,
- Formulierungen
- oder Schrulligkeiten
- und dergleichen mehr.
Es können ganz kleine Dinge sein, in denen ich Gemeinsamkeiten entdecke. Sie geben mir ein beruhigendes Gefühl und lassen mich dem anderen sehr nahe fühlen – machmal vielleicht auch zu nahe, wie ich mehr und mehr zu begreifen beginne.
Mir war, wie gesagt, nicht wirklich klar, dass ich das tue und genauso wenig war mir bewusst, dass es Menschen gibt, die einen ganz anderen Fokus haben. Aber jetzt verstehe ich manchen Konflikt oder auch manche Schwierigkeiten in Beziehungen deutlich besser.
Es verunsichert mich z.B. sehr, wenn jemand mit mir für mich aus scheinbar heiterem Himmel eine Diskussion anfängt, über Ansichten oder Meinungen oder Überzeugungen, denn es kann gut sein, dass ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal wahrgenommen habe, dass es da etwas Diskutierenswertes gibt. Nicht, weil ich nicht auf den anderen geachtet habe und auch nicht, weil ich nicht richtig zugehört habe, sondern weil die andere Ansicht oder die von meiner abweichenden Meinung für mich kein Grund zu einer Auseinandersetzung ist. Ich nehme die andere Ansicht zwar wahr, aber sie hat für mich meist weniger Bedeutung als all die Gemeinsamkeiten, die ich bis dahin gefunden habe – denn die sind mir einfach wichtiger. Und dann fühle ich mich dem anderen unter Umständen viel näher als er sich mir gegenüber fühlt.
Für mich ist es sehr hilfreich zu verstehen, dass mir offenbar Nähe wichtiger ist als Abstand und ich deshalb immer bemüht bin, Nähe zu schaffen, zumindest mit Menschen, die mir wichtig sind. Dieses Bedürfnis hat viele Folgen, die ich erst langsam zu verstehen beginne. Meine Tendenz eher auf das Gemeinsame als auf das Trennende zu schauen, nennen manche konfliktscheu (und ja, vielleicht ist das auch tatsächlich so), während auf mich Menschen, die vor allem auf die Unterschiede gehen, oft streitlustig und aggressiv wirken. Ich fühle mich dann nicht angenommen, ja, sogar respektlos behandelt, und ziehe mich zurück oder ich versuche, Nähe zu schaffen, indem ich mich ausrichte und verbiege. Das eine wird mir dann leicht als Verschlossenheit und Ablehnung ausgelegt und das andere vielleicht als Zeichen, dass ich kein Rückgrat hätte …
Ich weiß nicht, ob und wie sich der Graben überbrücken lässt, wenn zwei Menschen aufeinandertreffen, die sehr unterschiedlich in diesem Fokus sind, aber vielleicht geht es erst einmal nur darum, solche Gräben zu erkennen und sein zu lassen wie sie sind. Mir hilft es jedenfalls schon ein gutes Stück weiter, allein die unterschiedlichen Sichtweisen zu erkennen und mich in meinem Sein sowohl in der Auseinandersetzung als auch im Zusammensein wahrzunehmen.
