Hier finden Sie Reflexionen, Inspirationen und Anregungen rund um das Thema Achtsamkeit.
Immer wieder staunen
Ich fahre ja gerne in andere Länder, um neue Eindrücke zu bekommen und Vielfältiges zu erleben. Aber ich kann auch hier vor meiner eigenen Tür immer wieder ins Staunen kommen.
Wie oft ich zum Beispiel auch immer die Wälder mit meinem Pferd auf immer denselben Wegen durchstreife, ich bin jedes Mal wieder auf Neue gefangen von der Schönheit, die sich mir dort bietet. Die Sonne zwischen den Stämmen, das sich ständig verändernde Laub, das Moos in all seinen Spielarten, der Gesang der Vögel und all die anderen Geräusche und die Gerüche, das Wetter mit Wind, Regen, Sonne und vieles mehr.
Nie ist es gleich, nie wird es mir langweilig.
Ich glaube, dass es Achtsamkeit ist, die uns immer wieder staunen lässt, auch wenn wir eigentlich „schon alles kennen“. Wer achtsam ist, nimmt auch kleine Veränderungen wahr oder unscheinbare. Achtsames Sehen, achtsames Hören, achtsames Riechen und Schmecken und achtsames Fühlen öffnet uns für die Unterschiede in der Landschaft genauso wie für die in den vielen Tagen unseres Lebens, in den Stimmungen, im Verhalten anderer Menschen und in der eigenen Wahrnehmung. Kein Tag ist derselbe, kein Gefühl exakt gleich und keine Beziehung immer genauso.
Das Leben ist Vielfalt und Achtsamkeit lässt uns das mit allen Sinnen erleben.
Handlungsfähig bleiben
Ich habe für mich herausgefunden, dass das allerwichtigste für mich ist, handlungsfähig zu bleiben. Und genau das stellt oft eine ordentliche Herausforderung dar.
Es gibt Themen oder Geschehnisse, die mich schrecklich hilflos machen, weil meine Einflussmöglichkeiten Grenzen haben. Das kann das Weltgeschehen betreffen oder auch etwas, das vor meiner Haustür passiert. Genauso gibt es vieles, das mir große Angst macht und mich zu lähmen droht, weil ich das Gefühl habe, keine Chance zu haben. Auch das bezieht sich wieder sowohl auf allgemeine Geschehnisse als auch auf ganz Konkretes in meinem Leben.
Habe ich meinen Fokus auf diesen Dingen und Geschehnissen, erlebe ich Ohnmacht und verfalle in eine Starre. Ich blockiere denn den Fluss des Lebens, um nicht zu fühlen oder um nichts falsch zu machen. Aber genau das ist eine Verneinung des Seins, die mir nicht gut tut. Ich werde dann hart und ziehe mich in mich selbst zurück, wo ich glaube, sicher zu sein (aber es natürlich nicht bin).
Ich frage mich oft, ob ich nun eigentlich von meiner Grundnatur her eher ein Optimist oder ein Pessimist bin und ich kann diese Frage bis zum heutigen Tag nicht eindeutig beantworten. Aber ich weiß, dass mein Fokus entscheidend für meine Handlungsfähigkeit ist. Solange ich auf das schaue, was schön ist, was mich bereichert und was mich weiterbringt, auf die wunderschönen Dinge in diese Welt, auf beeindruckende Projekte oder inspirierende Menschen, solange kann ich der Angst und Hilflosigkeit etwas entgegensetzen. Lasse ich aber zu viel Negatives in mein Denken und Fühlen, zieht mir das so viel Energie, dass ich mich oft nur noch verkriechen möchte.
Man wirft dem so genannten „positiven Denken“ oft vor, dass es die Welt verklärt und auch ich will mir die Welt nicht schönreden, denn ich schätze auch dunkle Töne und Stimmungen. Aber das muss ich auch nicht, denn das Schöne ist immer auch da! Schönes zu sehen, Schönes zu erschaffen und den Blick auf Schönes zu lenken – das ist das, was mir Kraft gibt und vielleicht auch Ihnen, denn viele von Ihnen melden mir zurück, wie gut es tut, dass ich das nicht nur für mich, sondern auch öffentlich auf meinen Seiten tue. Und wenn auch dieser Text wieder einigen von Ihnen vielleicht ein bisschen dabei hilft, handlungsfähig zu bleiben, ist es mehr, als ich mir wünschen kann.
Wie eine Feder
Neulich sah ich im Kino den Film 20 Feet from Stardom (Oscar-prämiert und sehr sehenswert!), in dem es um Background-Sängerinnen ging.
Der Film selbst war schon sehr inspirierend und bewegend (zeigte er sehr eindrücklich, was es heißt, im Hintergrund zu bleiben oder auch, was es braucht, um ins Rampenlicht zu treten), aber ganz tief hat mich Lisa Fischer berührt, als sie beschrieb, was Singen für sie bedeutet:
Sie stelle sich immer vor, eine Feder auf ihrem Handrücken anzupusten und auf diese Weise loszuschicken. Eine Feder, die niemals hart fallen kann.
Dieses Bild hat eine ganz tiefe, kindliche Sehnsucht in mir berührt – die Sehnsucht danach, nicht verletzt zu werden. Und ich denke, damit bin ich nicht allein. Wäre das Leben nicht vielleicht viel einfacher, wenn wir alle fallen könnten wie eine Feder, ganz weich und hübsche, kleine Bögen beschreibend?
Ich bin durchaus bereit zu fallen, aber manchmal habe ich große Angst davor. Ein bisschen mehr Feder sein, ein bisschen leichter…, das würde mir wohl viel von meiner Angst nehmen. Danke, Lisa Fischer, für dieses Bild, das ich für mich mitnehme.
Glücksterror?
In einem (sehr lesenswerten) Artikel in der Zeit lernte ich neulich ein neues Wort: „Glücksterror“!
Wie erleichtert lachte ich auf und konnte nur bestätigend nicken, denn auch ich kenne es nur allzu gut, dass viele von mir ständige Glückseligkeit zu erwarten scheinen. Gerade ich als Autorin von inspirativen Texten und Selbsthilfeliteratur – natürlich muss ich doch wissen, wie Glück geht, nicht wahr?
Es macht schon nachdenklich, wie selbstverständlich die Erwartung vieler ist, dass glücklich zu sein, ein Dauerzustand sein müsste. Für mich waren und sind Glücksgefühle immer schon nur ein Element von vielen in der großen Gefühlstüte des Lebens. Genauso wie glücklich zu sein, schätze ich auch dunklere Töne. Neben Fröhlichkeit und Euphorie suche ich auch die Melancholie und ja, manchmal auch den Schmerz. Oft sogar sind mir die schweren Gefühle näher als die leichten. Deshalb aber geht es mir nicht „schlecht“ und deshalb muss auch keiner Mitleid mit mir haben. 😉
Ich finde es köstlich, jetzt einen Begriff dafür zu haben, wenn ich mal wieder den Ansprüchen anderer gegenüber stehe, die von mir Dauerfreude erwarten. All Ihr lieben Glücksforderer: Ich weiß, Ihr wollt nur mein Bestes, aber bitte lasst mich auch weinen und brüten und düster sein. Es gehört zu mir und wie ich denke, auch einfach zum Leben.
Froschzeit
Eines hat mir in den letzten Wochen sehr gefehlt und zwar das, was ich „Froschzeit“ nenne.
Ich weiß inzwischen, wie gut es mir tut, manchmal einfach nur dazusitzen und wahrzunehmen, was um mich und in mir ist. Nichts zu lesen, nichts zu planen, nichts zu erschaffen, sondern nur dazusitzen und zu sein.
Viele würden es vielleicht Meditation nennen, für mich ist es Froschzeit, denn am besten kann ich das an meinem kleinen Teich, wenn ich den Fröschen zuhöre. Ihrem tiefen Quaken, das mich ganz tief in meiner Seele beruhigt und mir versichert, dass alles gut ist. Dann sitze ich zusammen mit den Fröschen und wir sind einfach nur, was wir sind. Die Welt dort draußen wird klein und fern, was in diesem Momenten zählt, ist allein der Augenblick.
Froschzeit ist auf den ersten Blick vielleicht verschwendete Zeit, denn ich mache ja „nichts“ und genau deshalb fällt es mir oft so schwer, mir diese (Aus)Zeit zu nehmen. Und gleichzeitig passiert dabei so viel in mir und für mich, weshalb mir diese Zeit sehr kostbar geworden ist, … wenn ich sie mir denn erlaube.
Froschzeit heißt für mich, zu mir kommen zu können und Kräfte zu sammeln. Innezuhalten und nur in diesem Moment zu sein. Wie tanken Sie auf?
Bei mir bleiben
Es ist immer wieder verwirrend für mich, dass, wenn ich für andere da sein will, wenn ich Nähe mit anderen erleben möchte und wenn ich glücklich mit anderen Menschen sein will, ich vor allem eines dafür tun muss: bei mir selbst bleiben.
Tief in mir hatte ich immer die Überzeugung, dass ich nur liebenswert bin, wenn ich Erwartungen erfülle. Deshalb kann ich nichts so gut wie Erwartungen an mich zu erspüren, um diese dann zu bedienen. Aber genau das für nicht zu der von mir ersehnten Nähe, nicht zu echter Verbindung und nicht zu Liebe. Wenn ich mich in dieser Weise auf mein Gegenüber ausrichte, bin ich ganz schnell eines: hohl und leer. Da ist dann nichts mehr zu geben, nicht für andere und vor allem nicht für mich.
Also muss ich mich immer wieder daran erinnern, dass mein Hauptjob darin besteht, bei MIR zu bleiben, denn nur in mir und aus mir heraus kann ich wirklich etwas geben. Dann ist meine Zuneigung und das, was ich biete, nicht nur ein Echo auf das, was andere senden, sondern dann ist es etwas mit Substanz. Etwas, das wirklich ich gebe und nicht nur ein Spiegelbild. Dann kommt es von Herzen und nicht aus dem Kopf.
Bei mir bleiben, um anderen nahe sein zu können – das klingt noch immer wie ein Widerspruch für mich. Und doch scheint es der richtige Weg zu sein.
Vollkontakt
Noch immer beschäftigen mich die Themen Abstand, Nähe und Kontakt (s. auch hier).
Ich bin dabei mich selbst zu beobachten, um besser zu verstehen – mich und meine Beziehungen zu anderen. Eigentlich hätte ich mich für einen eher streitbaren Menschen gehalten, muss aber wieder einmal erkennen, dass in meiner Selbsteinschätzung einige blinde Flecken sind. Einer besteht offenbar in meiner Sehnsucht nach Harmonie, für die ich vieles tue. Manchmal zu vieles und vor allem auch das Falsche und noch dazu vieles davon unbewusst.
Mein Harmoniestreben lässt mich z.B. zu oft schlucken, still sein und akzeptieren. Weil ich keinen Konflikt oder gar Streit will, weil ich die Stimmung und Harmonie nicht gefährden will. Und ja, wenn ich ehrlich bin, vielleicht auch oft, weil es mir zu anstrengend ist, in eine Auseinandersetzung zu gehen, weil mir die Sache selbst vielleicht gar nicht so wichtig ist, sondern es mir eigentlich um andere Dinge geht (… oder ist das nur vorgeschoben?). Wie auch immer: ich sage deshalb dann z.B. ja, obwohl ich dabei ein Widerstreben in mir spüre, mache mit, obwohl ich nicht will, willige ein, obwohl ich Bedenken habe usw. So erhoffe ich mir wohl Frieden, Liebe und Nähe – und manchmal auch einfach meine Ruhe.
Funktionieren tut das leider nur bedingt, denn ich stelle immer wieder fest, dass das, was man schluckt, nicht „weg“ ist. Es bleibt in einem und wird größer – genauso wie der Abstand größer wird, wenn man Auseinandersetzungen scheut, weil man sich dadurch zurückzieht und letztlich sogar verschwinden kann.
Nun ahne ich langsam, dass wirkliche Nähe nur möglich ist, wenn man sich nicht scheut, hin und wieder auch in den Vollkontakt zu gehen – im Geben, im Lieben, Im-sich-zeigen, aber auch im Für-sich-einstehen und vor allem im Reden und im Sich-mitteilen. Und all das möchte ich wieder lernen.
So prüfe ich mich gerade, welche Beziehungen es mir wert sind, auch das Risiko von Auseinandersetzungen einzugehen, um den Mut zu finden, genau das zu tun, wenn es nötig ist. Nicht um des Streitens Willen, sondern weil ich Nähe möchte, echte, spürbare Nähe, eben einen Vollkontakt.
Konsequenzen
Achtsam für sich selbst zu sein, bringt eine Sache mit sich, die ich gerne verdränge. Nämlich die Notwendigkeit, ggf. auch Konsequenzen aus dem zu ziehen, was man eben durch die Achtsamkeit erkennt.
Z.B. kann man feststellen, dass einem manche Menschen nicht gut tun – und das kann dann Schritte erfordern, das Miteinander anders zu gestalten oder auch, den Kontakt zu reduzieren. Oder, wenn man erkennt, dass einem die Arbeit nicht gut tut, kann das erforderlich machen, den Job zu kündigen und sich etwas Neues zu suchen. Oder, wenn man spürt, dass einem die Ziele, die man sich gesetzt hat, gar nicht das geben, was man wirklich braucht, kann es sein, dass man sich von ihnen verabschieden muss.
Konsequenzen dieser Art lassen ein achtsames Sein manchmal zu einem Veränderungsmotor werden, zum Anlass von Abschieden, Trennungen, Neuanfängen. Sie können uns vor große Umwürfe stellen und in Krisen stürzen. Denn Festgefahrenes lässt sich oft nicht sanft auflösen.
Ja, das Erspüren von Unzufriedenheiten oder Löchern, das Herausfinden von Fehlentscheidungen oder Irrwegen, stellt uns fast immer vor die Wahl:
- Herunterschlucken und weitermachen, wie bisher (was, je achtsamer man wird, eigentlich immer unmöglicher wird)
- oder eben Konsequenzen aus den Erkenntnissen zu ziehen und etwas zu ändern.
Inzwischen bezweifle ich, dass ein achtsames Sein die einfachere Variante von Leben ist…, aber es ist zunehmend die einzig für mich machbare – und, ja, das eben mit allen Konsequenzen.
Wirrwarr
In mir ist ein Wirrwarr (was für ein köstliches Wort!).
Ein Durcheinander, ein Gefühls- und Gedankenmischmasch, ein Knäuel (auch ein nettes Wort). Alles Synonyme für Verwirrung, genauso wie Chaos, Unordnung und Planlosigkeit.
Wie immer finde ich es nicht leicht, das auszuhalten. Eigentlich ziehe ich Klarheit vor, eine gute Organisation und ein gewisses Maß an Ordnung. Aber, wenn ich nicht mit dem Leben kämpfen will, sondern bewusst das surfen möchte, was ansteht, muss ich mich dem Kuddelmuddel (auch herrlich, oder?) in mir hingeben. Es akzeptieren, zulassen und annehmen.
Nicht einmal die Ursache kann ich im Moment erkennen, ich sitze einfach mitten drin in dem Gefühl von Bewegung in allen Richtungen, hoch und runter, zickzack und im Kreis. Ein Gezogen- und Geschobenwerden, ein Hüpfen, ein Flattern, ein wellenartiges Aufgewühltsein.
Aber bunt ist es dabei und bunt macht es leichter.
Ich denke, auch das ist wieder einmal einfach nur eines: das Leben.
Neue Blicke wagen
Ich war Anfang des Monats in der Schweiz in den Bergen.
Berge gehörten früher zu den Gebieten, die ich mied, denn Höhenangst und Berge vertragen sich nicht besonders gut. Aber sie haben mich immer fasziniert, die Berge. Zu gerne würde ich mal nach Patagonien reisen…
Es ärgerte mich immer mehr, dass meine Angst mich davon abhielt, in die Berge zu fahren. So trainierte ich, meine Höhenangst auszuhalten. Wann immer ich irgendwo herunterschauen konnte, tat ich es. Zu Beginn zittrig, schwindelig und widerstrebend. Ich hielt mich an allem fest, was es zu fassen gab, aber ich ging an Fenster, an Balustraden, stieg auf Türme und Hochhäuser, bezwang Kletterwände und wanderte in den Bergen.
Und nun, als ich wieder in den Bergen war, erlebte ich, wie es sein kann, ohne Angst zu wandern. 500 Höhenmeter an einem Hang zu erklimmen, auf schmalen Pfaden und mit vielen Blicken nach unten, das wäre noch vor einigen Jahren undenkbar gewesen. Ich hätte es einfach nicht gemacht. Jetzt wage ich es und mehr noch: es ist toll! Immer wieder hielt ich inne, um herunterzuschauen und zu genießen, was ich mir erarbeitet hatte. Manchmal noch wackelig und mit einem sichernden Griff an die Felsen hinter mir, aber: ich sah hinunter. Ganz oben stand ich dann auf der Terrasse der Berghütte und schaute weit über das Tal, das unter uns lag. Ich spürte die Größe des Schrittes für mich in der Bezwingung des Berges bzw. meiner Angst.
Mein Idee, das Paragliding zu wagen, habe ich dann zwar nicht umgesetzt, das war doch noch zu viel. Aber schon jetzt habe ich neue Blicke erleben dürfen, die mir vorher verborgen geblieben sind und die mich reicher machen. Reicher im Erleben und im Sein.
Ich möchte dieses Bild des tief liegenden Tals für mich mitnehmen auch in andere Gebiete, in denen mich meine Angst abhält, etwas zu tun. Damit ich Mut finde, weiter meine Ängste anzugehen. In kleinen Schritten, aber beharrlich. Denn Ängste zu überwinden, heißt für mich zu wachsen, mich zu spüren und zu leben. Ängste zu überwinden, lässt mich freier sein. Und mehr ich selbst.