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Hier finden Sie Reflexionen, Inspirationen und Anregungen rund um das Thema Achtsamkeit.

Was hinter uns liegt

Gepostet von am Aug. 20, 2015 in Alle Beiträge, Ich mit mir | 6 Kommentare

Was hinter uns liegt

Neulich las ich einen Spruch, in dem es sinngemäß darum ging, niemals zurückzuschauen, außer um festzustellen, wie weit man gekommen ist. Mich hat dieser Spruch erst sprachlos gemacht, dann etwas wütend und letztlich vor allem traurig. 

Ich weiß, dass es viel dynamischer klingt, sich mit der Zukunft zu befassen und ich weiß auch, dass immer wieder zu hören ist, dass sich das wahre Glück nur im Hier und Jetzt finden lässt. Die Vergangenheit scheint deshalb für viele eine Art „Abfall“ zu sein, etwas, das es einfach nur loszulassen gilt, damit man weiter voranschreiten kann. 

Tja, und da schwimme ich wohl etwas gegen den Strom, denn das sehe ich anders: Für mich ist meine Geschichte ein kostbarer Schatz, den ich hüte und immer wieder gerne betrachte.

Unsere Vergangenheit, das sind doch wir selbst, denn die Zeit, die hinter uns liegt, ist gelebtes Leben, ist unsere Lebenszeit. Es ist Zeit, die nicht wiederkommt, die aber unser Leben und uns Selbst auch im Jetzt ganz wesentlich ausmacht. Sich dessen bewusst zu werden, hat für mich sehr viel mit Achtsamkeit zu tun und mit Wertschätzung.

Zurückzuschauen ist wertvoll für mich, denn ich begegne dort immer wieder mir selbst in meinem unterschiedlichen Sein. Dabei führt allerdings sowohl die Abkehr von der Person, die wir mal waren („Ich bin heute ganz anders!“), als auch die Verklärung dessen, was hinter uns liegt („Ach, ich wäre so gerne wieder jung…“) dazu, dass wir uns von dem Menschen abspalten, der wir jetzt sind. Viel heilsamer ist es, unsere Vergangenheit als unser Wurzelgeflecht zu sehen, das uns heute den Stand gibt, den wir haben. Gesunde und kräftige Wurzeln geben uns Stabilität und nähren uns mit dem, was wir brauchen und wenn es kranke Wurzeln gibt, dann gilt es sie zu erkennen, zu pflegen und mit Aufmerksamkeit und Liebe zu stärken, damit sie heilen und neu wachsen können.

Mir hilft es sehr, in der Rückschau mit einem liebevollen Blick auf meine Entscheidungen, meine Wege und Irrwege zu schauen und zu verstehen, was in mir vorging – wer ich damals war oder zu sein versuchte, wovon ich träumte und wovor ich mich fürchtete. Denn all die vielen Tanias der Vergangenheit – das kleine Mädchen, die verwirrte Jugendliche, die suchende junge Erwachsene – all diese Teile sind noch immer in mir. Ich kann noch heute sehr intensiv spüren, was die 8jährige Tania bewegte oder was in der 15jährigen, die ich mal war, vorging und was die 26jährige unbedingt erreichen wollte. Sie alle leben weiter in mir und ich bin froh, sie alle noch in mir zu haben. 

Loslassen heißt für mich weder verdrängen, noch vergessen, noch verneinen. Ich kann Vergangenes nur dann auf eine gute und heilsame Art loslassen, indem ich es als Teil meines Seins annehme. Und dabei ist mir inzwischen vollkommen egal, wie „weit“ ich gekommen bin, denn ich bin immer genau da, wo ich bin. Aber um zu wissen, wo ich bin, muss ich mich spüren und das nicht nur in dem winzigen Jetzt-Ausschnitt meines Seins, sondern immer wieder auch in den vielen Facetten, die ich gelebt habe. Ich bin doch immer mehrdimensional, auch im Hier und Jetzt. 

Einfach mal die Klappe halten…

Gepostet von am Aug. 12, 2015 in Achtsamkeit im Alltag, Alle Beiträge, Ich und andere | 4 Kommentare

Einfach mal die Klappe halten…

In diesen Tagen habe ich oft gedacht, ich sollte hier mal wieder was schreiben. Aber jedes Mal, wenn ich mich daran machen wollte, kam… nichts. Kein Thema, keine Gedanken, keine Worte – ich war in diesen Momenten ganz leer. 

Zunächst haderte ich damit und machte mir Druck nach dem Motto: „Hey, aber die Leute wollen was lesen, die verlierst du sonst alle, du musst doch im Gespräch bleiben…“ Half aber nicht, denn es kam trotzdem… nichts. 

Als ich für einen Moment länger in dieses Nichts hineinfühlte, dachte ich, dass das eigentlich genauso ist wie in Gesprächen: Da sage ich auch öfter mal nichts. Zum Beispiel weil mir nichts einfällt. Oder weil etwas nachklingt in mir. Oder weil ich gerade fühle oder sehe oder höre. Oder weil es einfach gerade nichts zu sagen gibt. Weil es auch mal stille Momente geben muss, in denen sich keine Worte nach vorne drängen. Weil Miteinandersein eben nicht nur etwas mit Reden zu tun hat, sondern mit SEIN. 

Ich habe keine Angst mehr vor stillen Momenten mit Menschen, denn es kann sich ganz wundervoll anfühlen, zusammen zu schweigen. Vielen von uns fällt es aber sehr schwer, solche Momente zuzulassen. Da wird dann lieber krampfhaft nach Themen gesucht, weil die Stille so bedrohlich wirkt (… oder ist es die Ahnung, dass man in ihr sehr häufig auf sich selbst trifft?). Ich habe es oft erleben können, dass sich hinter den vordergründigen Worten ganze Welten öffnen können und dass in der Stille sehr, sehr viel Nähe entstehen kann.

In so einem Blog ist ein Schweigen leider immer nur „nichts“, sprich: ich bin scheinbar nicht da und Sie haben keinen Grund, hier hineinzuschauen. Aber, was dieses Angebot „Mein achtsames Ich“ angeht, ist es von Beginn an wichtig gewesen, meinem Bauchgefühl zu folgen, und hier das zu tun, was sich gut und richtig anfühlt. Und wenn sich „einfach mal die Klappe zu halten“ richtig anfühlt, dann werde ich das tun. DA bin ich aber trotzdem und ich hoffe, Sie auch. 

Zum Wochenstart

Gepostet von am Aug. 3, 2015 in Achtsamkeit im Alltag, Alle Beiträge, Ich mit mir | 4 Kommentare

Zum Wochenstart

Montagmorgen. Die ganze Woche liegt offen vor mir und will gestaltet werden. So viele Tage, an denen so viel geschafft werden kann! Ich spüre Energie und Lust und Freude. Also, einfach loslegen! 

Loslegen klingt gut, .. aber womit? Ich könnte mich an dieses Projekt setzen oder die neue Idee verfolgen, die ich Samstag hatte. Am liebsten würde ich erstmal das Exposé für das neue Buch ausarbeiten, aber es gibt noch einiges an Kleinkram, den ich unbedingt erledigen muss. Ach ja, und die Emails natürlich. Und die Profil-Seite die ich noch ausarbeiten muss. Und hatte ich nicht auch versprochen, mir heute mal eine Website anzuschauen und Feedback dazu zu geben? Und was ist mit den Fotos, die ich noch sichten muss?

Montagmorgen. Und plötzlich wirkt die Woche, die vor mir liegt, ganz voll und schwer. Es sind niemals genug Tage für all das, was ansteht! Plötzlich bin ich müde und antriebslos. Ich zwinge mich dazu, wenigstens die Emails zu beantworten. 

Neulich schrieb ich schon mal über Maßlosigkeit und dieses Thema finde ich überall in meinem Leben. Maßlosigkeit in Bezug auf Ansprüche, Erwartungen, Vorhaben und Aufgaben. Im Umgang mit mir selbst bin ich oft ein maßloser Chef. Neu ist, dass ich merke, was das mit mir macht, nämlich dass ich traurig werde und all die schöne Energie verloren geht. 

Montagmorgen. Ich sitze für einen Moment mit mir zusammen im Garten und schaue in den blauen Himmel. Ich höre den Vögeln zu und erfreue mich an Schmetterlingen und den Blumen. Ich rieche den frisch gemachten Kaffee in der Tasse in meiner Hand und koste von den Aprikosen, die neben mir stehen.

Ich sage zu mir: Das Wichtigste ist, bei mir zu bleiben und für mich zu sorgen. Ich gebe, was ich geben kann und ich tue, was ich tun kann. Es ist gut und es ist genug – auch dann, wenn ich an diesem Montagmorgen noch nicht die Welt verbessert habe … 

Mehr, mehr, mehr!?

Gepostet von am Juli 27, 2015 in Achtsamkeit im Alltag, Alle Beiträge | 2 Kommentare

Mehr, mehr, mehr!?

Neulich wollte ich mir mein Lieblingsduschzeug kaufen. Ich machte große Augen, als ich die riesige Flasche sah, die es davon gerade im Sonderangebot gab. Sie wirkte enorm und ich dachte: „Wow, so viel? Na, dann schlag ich mal zu.“ Als ich nach der Flasche griff, flötete die Verkäuferin: „Wir haben gerade 3 für 2.“ Dankend lehnte ich ab. 

Geht das nur mir so, dass ich zunehmend ein unbehagliches Gefühl habe, wenn ich geradezu grotesk übertriebene Angebote bekomme? Was soll ich auf einen Schlag mit 2250 ml Duschzeug (ganz abgesehen davon, dass ich das ja auch noch auf meinem weiteren Einkaufsbummel schleppen darf…). Was soll ich mit fünf Tüten Chips, nur weil sie dann 1,- EUR günstiger sind, wenn ich doch nur jeden zweiten Abend mal eine Handvoll davon knabbere und warum soll ich einen Literbecher Cola im Kino kaufen, den ich eh nie schaffe und von dem ich dann 3x aufs Klo muss (von der riesigen Kalorienmenge beider Angebote mal ganz abgesehen…)? Und warum soll ich gleich eine ganze Flatrate für ebooks abschließen, wenn ich doch nur eines lesen will und mich ein Zugriff auf fast eine Million ebooks und Hörbücher komplett überfordert (und ich darüber hinaus absehen kann, dass ich mehr Zeit beim Suchen nach tollen Titeln, die ich lesen könnte, verbringen würde, als mit dem tatsächlichen Lesen…)?

Ich spüre nach: Mit all diesen Angeboten wird so getan, als würde man mir als Kundin, etwas Gutes tun wollen. Und zwar etwas so Gutes, dass es vollkommen unverständlich, wenn nicht sogar dumm wäre, ein solches Angebot auszuschlagen. Aber wir wissen doch alle, dass es bei all dem ums Verkaufen geht und eben nicht darum, mir etwas Gutes zu tun. Es geht um mein Geld und um meine Kaufentscheidung, nicht um mein Heil oder mein Wohlgefühl.

Immer mehr von allem kann schnell viel zu viel sein und so tut es mir gut, auf das richtige Maß zu achten (und das gilt nicht nur für den Konsumbereich). 

Übrigens: Jedes Mal, wenn ich jetzt ins Bad gehe, fällt mein Blick auf diese riesige Flasche Duschzeug, wuchtig und präsent – was bin ich froh, dass da nicht drei davon rumstehen! 

Liebes, jüngeres Ich…

Gepostet von am Juli 22, 2015 in Alle Beiträge, Ich mit mir | 2 Kommentare

Liebes, jüngeres Ich…

In diesen Tagen bin ich sehr in Kontakt mit der Zeit genau vor 20 Jahren.

Im Sommer 1995 bin ich für drei Monate in die USA gegangen. Allein. Ich bin dort erst zwei Wochen gereist, habe dann zwei Monate in einem Nationalpark gearbeitet und bin danach noch einmal zwei Wochen gereist. Für viele ist das heute ganz normal, so etwas nach der Schule oder im Studium zu machen – für mich war es ein Riesending. Noch in der Schule hatte ich massiv geblockt als es um einen Gastfamilienaufenthalt in England ging, zu groß war meine Angst und zu stark mein Heimweh schon auf einer normalen Klassenfahrt. Länger als eine Woche allein weg zu sein, schien mir unerträglich und auch unmöglich… Tja, und ein paar Jahre später machte ich mich für drei Monate auf ins Ungewisse (ich war vorher noch nicht in den USA gewesen). 

Ich hatte Lust, dieser jungen Frau, die ich damals war, einen Brief zu schreiben: 

Liebe Tania von 1995,

ich möchte dir heute schreiben, weil ich gerade sehr viel an dich denke und an das, was du damals gemacht hast. Außer uns beiden weiß wahrscheinlich kaum jemand, was die Reise in die USA wirklich bedeutet hat. Wie viel Mut sie gekostet hat und wie viel an Befreiung und Kraft sie freigesetzt hat. 

Der Schritt, diese Reise zu wagen und im Ausland zu arbeiten, war riesig für dich, aber du hast ihn gemacht und du bist in ihn hineingewachsen. Ich sehe dich in all den verschiedenen Situationen vor mir, von traurig bis euphorisch, von allein bis mitten drin im Trubel, von kämpfend bis annehmend, von unsicher bis bollestolz, von ringend bis selbstsicher, von so weit weg bis ganz nah. Ich spüre heute noch genau, wie stark dich diese Reise damals gemacht hat und wie wichtig sie war für dich.

In deinen Aufzeichnungen auf der Reise schriebst du: „Wovor sollte ich jetzt noch Angst haben?“ Aber nach deiner Heimkehr kam sie doch wieder, die Angst, und sorgte dafür, dass du dich für die Illusionen „Sicherheit“ und „Kontrolle“ entschiedest. Du warst noch sehr jung damals und konntest wahrscheinlich nicht erkennen, an welcher bedeutenden Weggabelung du damals standest…

Wenn ich dir aus meiner heutigen Sicht etwas sagen könnte, würde ich Dir laut zurufen: Hab keine Angst vor Veränderungen, sondern suche und umarme sie, denn sie gehören zum Leben. Sage ja zu dir selbst und kämpfe nicht gegen dich. Bleib bei dir und sorge gut für dich. Nimm wahr und tue das, was dein Herz möchte, und höre weniger auf deinen Kopf. Lebe mit all deinem Mut und sei mit all diesem Mut du selbst. Die Welt ist ein Ort voller offener Türen und es wartet so unendlich viel auf dich, wenn du dich nur aufmachst. Lauf los, renne, springe, tanze, fühle, lache, singe, genieße, staune, liebe und lebe!

Deine Tania von 2015 

Über den Tellerrand schauen…

Gepostet von am Juli 19, 2015 in Achtsamkeit im Alltag, Alle Beiträge, Hochsensibilität, Ich und andere | 6 Kommentare

Über den Tellerrand schauen…

Es ist, denke ich, ein sehr menschlicher Impuls, die eigene Welt möglichst klein und damit überschaubar halten zu wollen. In der Folge treffen wir – oft unbewusst – eine ganze Reihe Entscheidungen, z.B. darüber,

  • was wir glauben wollen und was nicht,
  • wie wir leben wollen und wie nicht,
  • was für einen selbst „richtig“ ist und was „falsch“
  • und so weiter und so fort.

Mit diesen Entscheidungen leben wir dann nicht nur, sondern oft kämpfen wir mit großem Einsatz und viel Kraft darum, dass alles genau so ist, wie wir es sehen, und dass es auf keinen Fall anders sein kann. Denn: „anders“ ist bedrohlich.

Aber warum eigentlich? 

Wie spannend ist es, über den eigenen Tellerrand zu schauen! Zu erkennen, wie groß die Welt ist und wie bunt und vielfältig.  Wie interessant ist es, zu erleben, wie anders andere Menschen denken, fühlen und ticken! Wie bereichernd und inspirierend ist all das, was anders ist!

Das alles ist es aber nur dann, wenn wir uns nicht davon bedroht fühlen. 

Ich bin von Klein auf daran gewohnt, sehr vieles, was eigentlich nicht „meins“ ist, regelrecht in mir zu haben – Gedanken, Gefühle, Stimmungen – einfach, weil ich das automatisch mitbekomme. Während mir das früher nur wenig bewusst war, nehme ich das jetzt immer bewusster wahr: die Vielfalt von Ansichten und Empfindungen, von Denkweisen, Glaubenssätzen und Lebensansätzen, eben all die vielen, vielen Schattierungen des Lebens und Seins.

„Anders“ war früher für mich die Aufforderung, auch so sein zu müssen, damit ich „passe“ und damit Nähe entsteht. Heute kann ich viel besser mit Abstand leben und ja, auch mit Gräben und Mauern. Ich lerne, dass ich mich nicht aufgeben, nicht verlieren muss, wenn andere anders sind, sondern durch mein neu gewonnenes Ich-Sein-Dürfen kann ich andere einfach anders sein lassen und mich entscheiden, wie viel ich davon mit-leben will und wie viel nicht. 

Ich genieße es so sehr, dass ich mein Leben nicht (mehr) als Setzkasten haben will, in den ich säuberlich alles was passt einsortieren kann (und alles andere entsprechend entsorgen muss). Mein Leben wird vielmehr ein immer wilderes Patchwork-Werk aus Farben, Formen, Materialien, Eindrücken, Ansichten, Denkweisen, Richtungen, Klimazonen, Gefühlen, Erlebnissen und vieles mehr, über das ich vor allem eines kann: staunen. 

Heute weiß ich: Indem ich gut auf mich achte und bei mir bleibe, kann ich mich viel offener und freier auf Anderes einlassen und dass ich genau das möchte: immer mutiger über den Tellerrand schauen, denn das Leben ist so viel größer als der Rahmen, den wir selbst stecken.

Wo lang?

Gepostet von am Juli 14, 2015 in Achtsamkeit im Alltag, Alle Beiträge, Ich mit mir | 6 Kommentare

Wo lang?

Es ist noch recht früh am Morgen. Draußen schüttet es wie aus Eimern. Ich sitze auf meinem Sofa, habe meinen Laptop auf dem Schoß und versuche zu planen. Ich mache mir Gedanken über meine nächsten Projekte. Was ich tun will, was ich angehen will, wohin es gehen soll für mich. 

Genau genommen sitze ich nicht erst heute daran, sondern schon seit einigen Wochen. Ich versuche aus den vielen, vielen Möglichkeiten, die ich habe, die „richtigen“ auszuwählen. Versuche, das, was ich gerne möchte, mit dem abzugleichen, was ich tun sollte. Ich versuche das, was wirklich „meins“ ist mit dem zusammenzubringen, was mir ermöglicht, meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Ich versuche Bauch und Kopf an einen Tisch zu holen, um gute Entscheidungen zu treffen. 

Naja.., ehrlich gesagt, gelingt mir das nur bedingt.

Mein Verstand hat knackige Argumente parat und kann mir sicher eine überzeugende Aufstellung darüber machen, was jetzt sinnvoll wäre und wie ich genau vorgehen soll. Ihn könnte ich einen prima Maßnahmenplan erstellen lassen, ziel- und erfolgsorientiert und praktisch umsetzbar. Warum ich das nicht mache? Weil es noch die andere Seite gibt: mein Bauchgefühl. Und das ist eigenwillig und widerspenstig. Es benimmt sich wie ein Flummi: hüpft mal hierhin und mal dorthin, ist schwer zu fassen und auch gleich wieder weg, vor allem dann, wenn es einen Maßnahmenplan sieht… 

Ich war mal eine gute Planerin und sehr an Effizienz und Effektivität gewöhnt. Immer zu wissen, was zu tun ist und sicher zu stellen, dass das, was getan werden muss, auch schnell und ohne viel Energieverlust geschieht, ließ mich leistungsfähig sein. Es  wäre wohl das Vernünftigste, wieder meinem Verstand die Führung und die Entscheidungen zu überlassen. Aber das kann ich nicht mehr. Weil ich es nicht mehr will.

Ich bin viel mehr als mein Kopf. Dieses sprunghafte Ding von Bauchgefühl ist für mich so viel wichtiger geworden, denn ich weiß, dass ich nur damit wirklich lebendig und vor allem auch authentisch bin. Es ist mir heute nicht mehr möglich, mich selbst in einen Maßnahmenplan zu pressen und ich bin froh darüber, auch wenn es bedeutet, dass ich Phasen von Unsicherheit, Ratlosigkeit und Leerlauf aushalten muss und die Tatsache, nicht immer gleich Antworten auf meine Fragen zu finden.

Spuren

Gepostet von am Juli 11, 2015 in Achtsamkeit im Alltag, Alle Beiträge | 2 Kommentare

Spuren

Wer kennt das nicht: Kaum zurück von einer Reise und schon greifen die Finger des Alltags nach einem.

Schnell fühlen wir uns gestresst und gehen sofort wieder zur Tagesordnung über, obwohl wir doch eigentlich am liebsten noch all dem nachspüren würden, was wir erlebt und gesehen, getan und gefühlt haben. Aber schließlich müssen die Koffer ausgepackt werden, all die Lieben angerufen, die Mails beantwortet, die liegen gebliebene Arbeit nachgeholt, die Pläne für die nächste Zeit gemacht werden und… und… und…

Genau in diesem Spannungsfeld bin ich gerade mal wieder. Ich sehne mich nach der Gelassenheit, die ich noch vor wenigen Tagen hatte, in Bezug darauf, dass meine Mails auch mal später beantwortet werden können und dass es auch nicht weiter schlimm ist, wenn ich meine neue Facebook-Seite noch nicht aktualisiere. Ich konnte gut damit leben, nicht die neuesten Infos über alles Mögliche zu haben und nicht auf dem neuesten Stand meiner Foto-Seiten zu sein. Aber jetzt, wo ich eigentlich so gerne ganz in Ruhe aus dem Urlaub zurückgleiten würde, nehme ich mir nicht mal die Zeit, auszuschlafen, sondern pushe mich schon wieder zum Funktionieren (und es ist Wochenende!). 

Dabei lohnt es sich aus meiner Sicht sehr, sich die Zeit zum Ankommen zu nehmen. Sich der Spuren bewusst zu werden, die die gemachte Reise in einem hinterlassen hat – in der Erinnerung und auch in der Persönlichkeit. Achtsam nachzuspüren, was man mitgenommen hat aus der Zeit an einem anderen Ort. 

Reisen verändert uns (sofern wir nicht immer nur an denselben Ort fahren und dort genau das machen, was wir sonst auch machen…) und ich weiß, dass meine Reisen mich in vielfältiger Hinsicht bereichern: Gesehenes, Gehörtes, Erlebtes, Bewältigtes, neu Entdecktes, Wiedererkanntes, Dazugelerntes, Reflektiertes… – all das klingt noch lange, lange nach, sofern ich mir die Zeit und Muße dafür nehme.

Zu schade, wenn ich all das gleich wegschiebe, um wieder zu funktionieren. Zu schade, wenn ich mir nicht erlaube, das wahrzunehmen und anzuerkennen, was die aktuelle Reise mit mir gemacht hat. Zu schade, wenn ich mich zwinge zu sein, wer ich vor der Reise war und die Spuren des Erlebten viel zu schnell verblassen. 

Superheldin

Gepostet von am Juni 23, 2015 in Achtsamkeit im Alltag, Alle Beiträge, Ich mit mir, Ich und andere | 8 Kommentare

Superheldin

Superhelden, das sind die Typen, die Unmenschliches schaffen und die dafür von allen bewundert werden. Und wissen Sie, was ich immer versucht habe zu sein? Genau: eine Superheldin!

Klingt lustig, ist es aber nicht. 

Ich habe in vielen Bereichen Unmögliches von mir verlangt, immer und immer wieder. Da ich Leid, Schmerz und Traurigkeit anderer intensiv wahrnehme, wollte ich von Beginn an alle davor bewahren und schützen, Menschen wie Tiere. Ich wollte sie vor Schmerzen, Krankheiten, Leid und Frust bewahren, ja, wollte sogar den Tod aufhalten. Ich wollte alle um mich herum glücklich sehen und frei. Ich wollte Käfige und Mauern zertrümmern, wollte Fühlen und Lieben möglich machen, wo Angst herrscht. Ich wollte die Welt für meine Lieben verändern.

Ich wollte so viel und erreichte nur wenig, denn das Leben hat seine eigenen Vorstellungen und nichts von dem, was ich erreichen wollte, lag je in meiner Macht, nur war mir das nicht klar. Jedes Scheitern an den unmöglichen Zielen habe ich mir als Beweis meiner Unzulänglichkeit ausgelegt, nur um mich damit noch mehr anzutreiben, denn ganz sicher hatte ich einfach noch nicht genug gegeben oder getan oder ich hatte noch nicht das Richtige probiert. Ich musste mich einfach noch mehr anstrengen, mehr leisten, mehr tun. Und wenn mir jemand sagte, dass das, was ich mir vornahm, unerreichbar war, spornte es mich nur noch mehr an, es zu versuchen, denn ich definierte mich voll und ganz darüber, das zu erreichen, was nicht mal Superhelden erreichen können… 

Heute kann ich sehen, dass ich scheitern musste – und das Neue ist: Heute kann ich es aushalten. Heute muss ich keine Superheldin mehr sein, sondern heute kann ich mir erlauben, „nur“ Mensch zu sein. 

Ich bin einfach nur Tania, mehr nicht, und das reicht aus. Was für ein befreiender Gedanke! 

Mauern

Gepostet von am Juni 18, 2015 in Alle Beiträge, Ich und andere | 7 Kommentare

Mauern

Ich habe in meinem Leben schon oft vor Mauern gestanden. Mauern, die Menschen errichtet haben – aus welchen Gründen auch immer.

Wenn mir diese Menschen wichtig waren, habe ich es als meine Aufgabe gesehen, diese Mauern aufzulösen, weil ich dachte, die Menschen dahinter befreien zu müssen und ja, auch weil ich nicht vor der Mauer stehen bleiben, sondern nach innen eingeladen und echten Kontakt erleben wollte. So habe ich oft viele, viele Jahre vor einer solchen Mauer verbracht, habe feilgeboten, was in mir war, und habe gehofft, dass das irgendwann ausreichen würde, um die Mauer zu erweichen. Es hat nie gereicht. Es hat nie etwas bewirkt. Die Mauern blieben unverändert stehen. 

Manchmal, so gebe ich zu, wurde ich auch massiver und versuchte, die Mauern anzugreifen und aufzubrechen. Ich sehnte mich so sehr nach Nähe, die ich durch diese Steine vor mir nicht finden konnte. Was ich damit erreichte war, dass die Mauern noch härter wurden. 

Es ist an der Zeit zu verstehen, dass manche Menschen lieber hinter Mauern sitzen als sich auf echte Kontakte einzulassen und dass es nicht mein Job ist, das zu ändern, mehr noch: es steht mir auch gar nicht zu.

Es ist an der Zeit zu erkennen, dass ich mich umdrehen und Menschen mit offenen Armen finden kann, die Kontakt suchen und Nähe wollen, die sich einlassen können auf Gemeinsames und Intensität, auf Fühlen und Sein, auf ein Wir und auf mich.

Es ist an der Zeit zu begreifen, dass die Mauern, vor denen ich so oft stand, nicht meine sind.

 

Mauern