Hier finden Sie Reflexionen, Inspirationen und Anregungen rund um das Thema Achtsamkeit.
Mein Ja führt mich in die Tiefe
Ich befasse mich seit längerem intensiv mit dem Unterschied zwischen einem inneren Nein und einem inneren Ja und es ist für mich faszinierend zu erleben, wie sehr mich mein Ja gerade auch zu ungeliebten Themen immer mehr in die Tiefe führt.
Lange Zeit war ich eine Kämpferin. Ich ging gegen das in mir an, was ich nicht haben und sein wollte, um es wegzubekommen. So versuchte ich ungewollte Gefühle wegzudrücken oder wegzudenken, nutzte Techniken und Methoden, um meine Gedanken und Glaubenssätze zu verändern und setzte sehr viel Willenskraft ein, um letztlich über mich selbst zu siegen.
Das hat nicht geklappt und das ist gut so. Denn heute kann ich eine ganz andere Erfahrung machen: nämlich die, dass der Schlüssel nicht das Nein ist, sondern das Ja.
Indem ich nicht mehr versuche, ungewollte, unangenehme, hinderliche und auch schmerzhafte Gefühle oder Gedanken in mir wegzuschieben oder zu unterdrücken, sondern indem ich ja zu ihnen sage, habe ich eine Chance, mich selbst immer besser kennen zu lernen und zu verstehen. Manchmal scheint so ein Ja viel zu kosten, aber tatsächlich kostet es viel weniger als ein Nein. Denn in der Annahme verliere ich keine Kraft mehr, sondern gewinne Weichheit und Milde. Und so komme ich mir auf die bestmögliche Art selbst näher.
Je mehr ich zum Beispiel meine Angst annehme und umarme, desto mehr verstehe ich sie. Und je tiefer ich sie durchdringe, desto weniger Macht hat sie über mich. Es ist wie ein Eintauchen und Freischwimmen und ein Unter-Wasser-Atmen-lernen. Dasselbe gilt für meine Trauer, für meine Wut, meine Scham und alles andere auch.
Immer mehr wird das Ja in meinem Leben zu einer Art Leitplanke. Gerate ich ins Nein und ins Kämpfen, verliere ich hingegen schnell die Orientierung und lasse mich von Nebenschauplätzen ablenken, die mich viel Kraft kosten. Mein Ja hingegen weist mir den Weg – den Weg zu mir selbst, in die Tiefe und damit auch durch das Leben. Mein Ja schenkt mir Gelassenheit und Annahme und tatsächlich so etwas wie Frieden.

Lass mir meine Welt, ich lass Dir Deine
Mit das schwierigste im menschlichen Miteinander scheint die Akzeptanz zu sein, dass wir verschieden sind. Jeder hat seine eigene Welt. Ich habe meine Welt, Sie haben Ihre Welt und dennoch leben wir eben alle auch in einer gemeinsamen Welt aus Schnittmengen. Das könnte eine tolle und bereichernde Sache sein, wenn es nicht an den Rändern unserer Welten, also an den Berührungspunkten, immer wieder zu Rangeleien und ja, auch zu kleinen oder großen Kriegen kommen würde.
Häufig ohne es zu merken, versuchen viele von uns, die Welt der anderen zu verändern. Da kommen zum Beispiel die ach so gut gemeinten Tipps, wie man doch etwas anders machen könnte oder ungefragte (Lebens-)Ratschläge. Es wird nicht gefragt, warum man so ist oder warum etwas so tut, sondern es wird davon ausgegangen, einen besseren Ansatz zu haben, den der andere doch bitteschön übernehmen sollte, man meint es ja nur gut. Oft sind es auch ständige Sticheleien oder vermeintliche Scherze und manchmal auch deutliche Provokationen. Auf Dauer wird es dann in einer Beziehung immer anstrengender und frustrierender, denn der auf diese Weise „Verbesserte“ oder Kritisierte fühlt sich natürlich nicht angenommen, sondern in Frage gestellt oder gegängelt und zieht sich zurück oder reagiert abwehrend und aggressiv. Ein vertrauensvolles Miteinander wird immer schwieriger.
Die Motive dafür, die Welt eines anderen mehr oder weniger systematisch zu bearbeiten, um sie der eigenen anzupassen, können vielfältig sein: Oft dürfte es einfach Gedankenlosigkeit sein. Dann werden auch gerne Sorgen um den anderen genannt und das Gefühl, der andere würde besser leben oder besser sein, wenn er anders wäre. Manchmal gefällt uns die Welt eines anderen auch einfach nicht, wir finden sie doof oder wir halten sie für falsch. Und ziemlich gut versteckt ist die Angst vor dem, was es mit uns macht, wenn wir mit dem, was anders ist in Kontakt kommen…
Was auch immer die Gründe sind, es geht bei keinem von ihnen darum, den anderen besser verstehen zu wollen, sondern ihn zu verändern. Ich bin da inzwischen sehr achtsam geworden, denn ich war in der Vergangenheit viel zu schnell bereit, meine eigene Welt zurückzustellen und zu verstecken, wenn mir jemand das Gefühl gab, sie sei nicht „richtig“ oder „gut“. Heute aber fordere ich für mich ein, dass mir andere meine Welt lassen, so wie auch ich anderen ihre Welt lasse – etwas, das ich zugebenermaßen auch erst lernen musste, denn ja, auch ich glaubte oft, ich wüsste, was für andere gut ist.
Heute staune ich gerne über die vielen bunten Unterschiede in all den Welten, in denen wir leben! Es kann so bereichernd sein, kleine oder größere Teile der Welten anderer Menschen kennen zu lernen – die unterschiedlichen Arten, in denen wir vieles wahrnehmen und erleben und interpretieren und die Vielfalt der Möglichkeiten mit dem umzugehen, was uns das Leben präsentiert. Wir können unseren eigenen Horizont erweitern, indem wir die Welt des anderen ein Stück besser kennen lernen und neugierig und gespannt gerade auf das Andere sind. Manchmal ist es vielleicht nur möglich, sich auf einem Steg zu treffen, der neutral ist. Und mit manchen Welten anderer Menschen kann man eben auch einfach nichts anfangen. Das ist vollkommen ok und darf so sein.
Ich bin nicht mehr bereit dazu, meine Welt aufzugeben oder zu verleugnen, nur weil ein anderer meint, sie wäre nicht gut (für mich oder ihn selbst oder überhaupt). Für mich ist meine Welt genau richtig!
Motto „Freiheit“!
Freiheit ist ein großes Wort. Und es ist ein Wort, zu dem ich früher ein zwiespältiges Verhältnis hatte, weil es mir vor allem eines machte: Angst. Über viele Jahre habe ich in vielen Punkten Sicherheit über Freiheit gewählt und mir eingeredet, dass mir Freiheit gar nicht so wichtig ist. Heute weiß ich, dass das nicht stimmt und ich bekomme langsam eine Ahnung davon, was mir Freiheit wirklich bedeutet.
Freiheit schenkt mir Raum und Flügel. Freiheit ist ein Lebensgefühl und sie zu suchen und zu leben gehört zu mir. Freiheit ist Teil meines ursprünglichen Seins und tatsächlich habe ich, ohne es zu merken, immer dafür gesorgt, in entscheidenden Punkten frei zu sein.
Nun ist Freiheit aber nicht einfach da oder vielleicht ist sie zwar da, aber wir sind uns ihrer nicht bewusst. Ja, ich glaube, wir können „eigentlich“ frei sein, ohne dass wir uns darüber klar sind…
Viele von uns sehen sich in einem Gewirr aus Anforderungen und Ansprüchen gefangen und fühlen sich damit überhaupt nicht frei. Verschiedene Verantwortlichkeiten für Kinder, andere Menschen oder Tiere, übernommene Aufgaben und Positionen, finanzielle Verpflichtungen, belastender Besitz – all das und anderes mehr schränkt uns in unseren Entscheidungen ein, … oder so glauben wir jedenfalls. Denn, und darum geht es mir, oft sind es vor allem unsere Bedenken, Zweifel und Ängste, die das wirkliche Gefängnis darstellen:
- Wir wollen nichts von dem verlieren, was wir haben,
- wir wollen gut dastehen vor anderen und niemanden enttäuschen oder verärgern,
- wir trauen uns nicht zu, etwas anderes zu machen, als wir es tun, weil wir das vielleicht (noch) nicht können oder dafür etwas investieren müssten,
- wir fürchten uns vor den Konsequenzen, wenn wir am Ist-Zustand zu rütteln beginnen, weil Veränderungen ungewiss sind und uns das unsicher macht
- und so weiter und so fort.
Kommt Ihnen das bekannt vor? Mein Verstand war jahrelang weltspitze darin, mir einzureden, dass ich nur nichts in meinem Leben verändern sollte, weil es doch alles bestens lief und in jedem Fall schlechter werden würde, deshalb sagte ich mir: „Nur nicht ausbrechen, sondern immer schön in der Spur bleiben, jawohl!“ Mein Verstand war zufrieden, aber mein Bauch war komplett anderer Meinung. Ich versuchte seine Signale genauso zu unterdrücken wie das Gefühl, mehr und mehr zu ersticken und zu verkümmern.
Freiheit zu leben, ist eine Entscheidung, die wir für uns treffen können und, wenn wir sie wirklich leben wollen, auch treffen müssen, denn es wird kein anderer für uns tun.
Eine solche Entscheidung heißt dabei nicht zwingend, aus allem auszubrechen, denn Freiheit kann in sehr unterschiedlichen Facetten gelebt werden. Aber um überhaupt eine Ahnung davon zu bekommen, was Freiheit eigentlich für einen selbst bedeutet und wo sie einem vielleicht fehlt, kommen wir wieder einmal nicht um die Sache mit der Achtsamkeit herum.
Es ist unerlässlich, sich sich selbst zuzuwenden und so offen wie möglich, tief in sich hineinzufühlen und wahrzunehmen, was einem fehlt und worin wir uns unfrei fühlen. Ja, das heißt für viele, sich genau an den Schmerz zu wagen, den die meisten von uns zu vermeiden versuchen. Aber nur wenn wir wirklich verstehen, was uns fehlt, können wir auch erkennen, welche Fesseln es zu lösen und welche Türen es zu öffnen gilt, was loszulassen ist und welche Entscheidungen zu fällen ist.
Begrenzungen zu erkennen heißt nicht, alles aufbrechen zu müssen, die Entscheidung, es so zu lassen, wie es ist, ist immer da. Aber wenn wir das als bewusste Entscheidung tun, ist es ein freiwilliger Schritt und fühlt sich ganz anders an.
Nicht so emotional, oder doch?
Ich habe schon oft gehört, dass ich doch nicht immer so emotional sein soll – vorzugsweise von Menschen, die sich rational geben. Lange habe ich mich von ihnen stark beeindrucken lassen und alles versucht, mehr so zu sein wie sie.
Heute werden mir zwei Dinge dabei immer klarer:
Zum einen sind viele ach so rationale Menschen keineswegs nur rational. Im Gegenteil, oft verbergen sich sogar ausgesprochen emotionale Menschen hinter einer rationalen Fassade. Sie haben sich nur aus unterschiedlichen Gründen irgendwann dazu entschieden, dass rational zu sein „besser“ oder vielleicht „sicherer“ ist und leben das nun.
Langsam verstehe ich, dass solche Menschen oft große Angst vor Gefühlen bei anderen haben, weil diese sie mit ihren eigenen in Kontakt bringen, die sie ja so bemüht in Schach halten, damit sie rational sein können. Als sehr emotionaler Mensch bin ich für solche Menschen nachvollziehbarerweise eine gewisse Bedrohung – und sie versuchen deshalb auch mich in Schach zu halten. Das aber, und das ist sehr wichtig, hat mehr mit ihnen als mit mir zu tun.
Zum anderen habe ich immer geglaubt, dass rationale Menschen „besser“ sind, denn in meiner Umgebung warf nie jemand einer anderen Person seine Rationalität vor, sondern es wurden immer nur zu viele Emotionen als negativ gesehen. Da lag es geradezu auf der Hand, dass auch ich meine Emotionalität nicht annehmen konnte, sondern versuchte anders zu sein.
Und tatsächlich wollte ich auch eigener Motivation heraus rationaler werden, denn rationale Menschen wirkten stark auf mich. Ihre Argumente machten mich so oft sprachlos, weil ich nichts entgegenzusetzen hatte. Was sie sagten, schien so klar und logisch und ich war schnell verwirrt und durcheinander, fand keine klaren Gedanken und konnte nichts vergleichbar Schlüssiges zurückgeben. Also mussten sie wohl recht haben. Recht zu haben erschien mir erstrebenswert, also dachte ich, wenn ich selbst weniger emotional bin, kann auch ich gute Argumente vorbringen und würde auf diese Weise stärker werden.
Ich hätte mich nicht mehr irren können!
Heute weiß ich, dass mich gerade meine Emotionalität stark macht. Ja, sie bringt mich oft durcheinander, lässt mich stammeln und keine klaren Worte finden, aber meine Gefühle sind das, worauf ich mich verlassen kann und auch muss, wenn ich wirklich ich sein will. Die antrainierte Logik, die gelernten Gesprächstechniken und die Argumentationsstrategien aus Büchern oder Kursen gehören genauso wenig zu mir, wie hochkomplexe Erklärungs- und Rationalisierungsmodelle. So schlau ich mir auch immer vorkam, weil ich so viel davon verstand, so massiv scheitere ich bis heute in einer praktischen Auseinandersetzung, denn ich bin meiner eigenen, wahren Kräfte beraubt, wenn ich mich zwinge, „nicht so emotional“ zu sein.
Meine Emotionen und ich – das ist eins und ich lerne, dazu zu stehen. Und mit der Zeit erkenne ich, dass ganz oft ich, die ach so empfindliche und eben „emotionale“ manchmal auch die Stärkere bin. Eines habe ich sehr rationalen Menschen in jedem Fall voraus: Ich habe keine Angst vor meinen Gefühlen!
Die Wurzel unserer Entscheidungen
Neulich stieß ich auf dieses Zitat von Nelson Mandela: „Mögen deine Entscheidungen deine Hoffnungen widerspiegeln, nicht deine Ängste.“ Und das war für mich einer dieser Momente, die einen sprachlos machen, weil plötzlich ganz viel an seinen richtigen Platz fällt.
Mir wurde beim Lesen dieser Worte sehr bewusst, wie viele meiner Entscheidungen in der Vergangenheit tatsächlich in meinen Ängsten wurzelten. Ich traf sie, um Dinge zu vermeiden, die ich fürchtete, um Sachen zu kontrollieren und im Griff zu haben, um damit wiederum sicher zu stellen, dass möglichst alles genau so lief, wie ich es gerne wollte. Ich vermied vieles und wagte wenig. Ich hielt fest, was ich hatte, egal ob es mir gut tat oder nicht – … nur nichts verlieren, denn das war die Hauptangst, die mich trieb.
In den letzten Jahren habe ich vor allem eines gelernt: das Loslassen. Ich habe auf allen möglichen Ebenen loslassen müssen, manches war nicht selbst gewählt, anderes schon. Die wichtigste Erkenntnis aus diesem Loslass-Training war für mich: Ich überlebe auch, wenn ich etwas verliere. Denn das war das, was ich ganz tief in mir fürchtete: nicht aushalten, nicht weitermachen zu können, wenn ich etwas verliere, das mir wichtig ist. Diese Angst war es, die mich blind für andere Möglichkeiten werden ließ und deshalb nicht nur mein Blickfeld, sondern auch meinen Handlungsradius immer kleiner und kleiner machte.
Heute, Jahre später, begreife ich täglich, wie viel größer die Welt für mich durch das Loslassen geworden ist. Zwar ist der Schmerz zu einem stetigen Begleiter geworden, aber mit ihm auch die Freude. Tränen sind mir so vertraut wie das Lachen. Statt vermeintlicher Sicherheit empfinde ich Freiheit und die Veränderung und ich sind inzwischen gute Freunde geworden. Und ja, obwohl immer weniger fest ist in meinem Leben, stehe ich viel stabiler da als früher und obwohl ich viel verloren habe, bin ich reicher als je zuvor.
Ja, ich treffe Entscheidungen heute immer weniger aus Angst. Ich treffe sie aber auch nicht nur aus Hoffnung, sondern immer öfter aus einem tiefen Vertrauen heraus, dass alles genau so richtig ist, wie es ist. Und mir scheint, dass Vertrauen vielleicht die beste Wurzel für unsere Entscheidungen ist, was meinen Sie?

Manchmal bleibt nur das Verstummen
„Warum hast du denn nichts gesagt???“ fragt da einer und scheint tatsächlich nicht zu wissen, wie oft ich genau das schon versuchte und warum mir letztlich nur das Verstummen blieb…
Es kann verschiedene Gründe geben, warum wir verstummen:
Wir werden nicht gehört.
Wir werden nicht verstanden.
Wir werden in unserem Sein missachtet.
Was wir sagen, kommt immer falsch an.
Unsere Worte führen zu hässlichen Streits und viel Schmerz.
Was wir auch versuchen, wir finden keinen Zugang und stehen wieder und wieder vor verschlossener Tür.
Das Reden kostet unendlich mehr Kraft als das Schweigen und irgendwann ist einfach keine Kraft mehr da, um es weiter zu versuchen.
Zu einer Kommunikation gehören immer zwei und manchmal ist es nicht möglich, im Gespräch zu bleiben, so sehr man es auch möchte. Man versucht vielleicht, dem anderen anders zu begegnen, wählt verschiedene Kommunikationswege und verschiedene Arten des Ausdrucks. Dennoch bleiben sowohl Kontakt als auch Verständigung unmöglich. Es ist, als würde man verschiedene Sprachen sprechen oder auf verschiedenen Planeten leben…
Vielleicht geht uns das sogar mit vielen Menschen so, aber oft fällt es gar nicht auf, weil wir sie meiden oder auch kein Interesse an einem Austausch haben. Man kann nicht jeden mögen und man kann sich auch nicht mit jeden befassen, das ist schon ok. Schwierig wird es nur dann, wenn uns genau solch ein Mensch sehr nahesteht und wichtig ist…
Die Unmöglichkeit zur Verständigung mit Menschen, die uns etwas bedeuten, ist schwer auszuhalten, für mich jedenfalls. Und dennoch habe ich genau das lernen müssen. Dabei habe ich erkannt, dass es verschiedene Arten zu verstummen gibt.
Die schädlichste Art zu verstummen ist aus Wut und Groll. Dann soll mein Verstummen eine Strafe sein, die den anderen verletzen will und mit der ich zum Beispiel Aufmerksamkeit, Verstehen oder auch nur eine Entschuldigung erpressen will. Das aber führt nur dazu, dass das Schweigen tief in die eigene Seele schneidet und man wird immer bitterer und bitterer. Hier schließt sich die Tür oft für immer.
Ich kann aber auch aus Einsicht und Liebe verstummen, einfach weil meine Worte offenbar ungewollt verletzen und zerstören und ich keinen Weg finde, das nicht zu tun, als den, still zu werden. Dann bleibt die Tür offen, auch wenn vielleicht niemand hindurch gehen kann.
Manchmal ist ein Verstummen so etwas wie Notwehr und geschieht aus Selbstschutz, einfach weil der Kontakt schmerzhafter ist als der Abstand.
Und manchmal ist das Verstummen eine Notwendigkeit, um sich überhaupt selbst wieder hören und spüren zu können. Dann verstumme ich in der Hinwendung zu mir, weil ich entscheide, mir selbst wichtiger zu sein als es der andere ist – und so schmerzhaft das ist, darin steckt die große Chance mir selbst näher zu kommen.
Gedanken zur Aufmerksamkeit
In meinen Texten bin ich eigentlich eher unpolitisch, weil es mir hier vor allem um die ganz persönlichen Themen geht. Aber wir alle sind ja Teil unserer Gesellschaft und heute möchte ich die aktuellen Anlässe in Hamburg für einige Gedanken zum Thema „Aufmerksamkeit“ nutzen, denn auch das hat viel mit Achtsamkeit zu tun.
Ich wohne in unmittelbarer Nähe von Hamburg und war in den Tagen des G20-Gipfels auch in der Stadt, einmal zu einem Konzert und einmal auf einer der Großdemos am Samstag. Die Art und Weise der Berichterstattung und wozu dieses Ereignis genutzt und vor allem eben auch nicht genutzt wurde, hat mich wieder einmal sehr nachdenklich darüber gemacht, welch‘ große Bedeutung unsere Aufmerksamkeit hat und wie wenig wir uns dessen offenbar bewusst sind.
Es kamen die 20 mächtigsten Menschen der Welt nach Hamburg, um Themen und Entscheidungen zu besprechen, die uns alle betreffen. Es gab große Themen wie Klimaschutz und Welthandel und daraus heraus ausreichend wichtigen Diskussionsstoff, der uns alle bewegen sollte. Man hätte annehmen können, dass diese Themen die Medien füllen, aber weit gefehlt. Die Aufmerksamkeit bekam eine Minderheit an gewaltbereiten Krawallmachern. Über sie wurde berichtet und immer und immer wieder wurden Fotos von ihren Untaten in allen Einstellungen gezeigt. Mehr noch, wir alle sprangen mit auf: Nur noch Gespräche über die Gewalt in Hamburg, in den sozialen Medien wurde gepostet und geteilt, was das Zeug hielt, und jeder gab noch seiner eigenen Sorge und Betroffenheit Ausdruck. Die Folge: Bestürzung, Angst, Fassungslosigkeit, Lähmung und brennende Autos als Symbol für den Gipfel in Hamburg, nicht aber inhaltliche Diskussionen um die für uns alle so wichtigen Themen, nicht die Friedlichkeit von vielen Zehntausenden, die aktiv geworden sind und auch nicht die vielen konstruktiven Gedanken und Ansätze von denen, die etwas zum Positiven verändern wollen. Was für ein trauriger Erfolg für die, die Krawall machen und letztlich auch ganz schön praktisch für die Mächtigen der Welt, die auf diese Weise weiter ungestört ihr Ding durchziehen können…
In der Tierausbildung gibt es das so genannte Clickertraining, in dem erwünschtes Verhalten positiv verstärkt (durch Aufmerksamkeit und Lob) und unerwünschtes ignoriert wird. Wir clickern gleichsam anders herum: Wir belohnen unerwünschtes Verhalten, indem wir es in den Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit stellen und ignorieren oder zumindest vernachlässigen erwünschtes Verhalten, wie inhaltliche Diskussionen, konstruktive Projekte usw. Aufmerksamkeit lenkt Energie und jeder Einzelne von uns kann entscheiden, worauf er seine Aufmerksamkeit richtet, wofür er sein Geld ausgibt und womit er seine Zeit verbringt – wenn wir das wirklich begreifen, kann sich sehr, sehr viel ändern.
Ich wünsche mir eines: dass jeder einzelne von uns sich seiner Macht bewusster wird, der ungeheueren Macht, die wir alle haben, nämlich als Konsumenten. Geld regiert unsere Welt und durch unsere Konsum-Entscheidungen können wir tatsächlich die Welt verändern und damit auch durch unseren Medienkonsum.
Stellen wir uns doch nur mal für einen Moment vor, dass die vielen Zehntausende, die in Hamburg auf den friedlichen Demos waren, darüber im selben Verhältnis Fotos und Artikel posten würden und wenn die Medien über sie im entsprechenden Verhältnis berichten würden… – der G20-Gipfel in Hamburg wäre nicht mit brennenden Autos verbunden, sondern mit Frieden, Gesprächen und klugen Gedanken…
Wow…, oder?

Wohltuende Auszeit
Ich habe gerade eine einwöchige Auszeit einlegt. Diese Tage habe ich nicht nur komplett ohne Mails, Facebook und meine Blogs verbracht, ohne Arbeit, ohne Anforderungen, ohne Aufgaben, sondern auch ohne große Erwartungen an den Urlaubsort oder die Reise, ohne Pläne und Ziele und ohne den Anspruch, besonders viele, tolle Fotos zu machen. Dafür habe ich eine wundervoll geborgene Zeit im Kreis von lieben Menschen verbracht – was für ein Geschenk!
Die Erkenntnis, dass wir hin und wieder mal einfach raus aus allem müssen, ist ja nicht gerade neu. Und ich bin auch ziemlich oft weg, weil ich so gerne reise und immer wieder neue Impulse brauche. Aber ich habe schon lange keine Auszeit in dieser Weise gehabt, also eine, in der es tatsächlich um weniger ging, nicht um mehr.
Wenn ich sonst reise, versuche ich immer möglichst viel mitzunehmen: Eindrücke, Erlebnisse, Erfahrungen und kreativen Output in Form von Fotos, Ideen oder Anregungen. Ja, ich will immer „möglichst viel aus der Sache machen“. Was dabei dann aber oft herunterfällt, ist echter Leerlauf. Dabei ist der so wichtig…
Gerade wenn es um Reisen geht, finde ich es sehr schwierig, auf all die lockenden Reize und spannenden Dinge zu verzichten, um tatsächlich für Ruhe zu sorgen. Ich pushe mich dann auch dort so wie sonst in meinem Alltag, weil ich nichts versäumen möchte und weil ich möglichst alles ausschöpfen möchte, was ist. Vom Kopf her weiß ich es natürlich: weniger ist oft mehr und es gilt, eben auch das zu leben – trotz all der Verlockungen, die eben auch gerade Reisen bieten.
Wieder einmal läuft es auf einen achtsamen Umgang mit sich selbst heraus, um erspüren zu können, was man wirklich gerade braucht:
- Ruhe oder Anregung,
- Rückzug oder Gesellschaft,
- Aufregendes oder Beruhigendes,
- Impulse oder einen reizarmen Raum?
Manchmal reicht es nicht nur, sondern es ist sogar bitter nötig, nicht viel Neues zu erleben, sondern dafür in eine überschaubare Routine zu kommen, in der man nicht gefordert ist und in der nichts getan werden muss. Und das gilt für Reisen genauso wie für unseren Alltag.

Meine Wildheit
Ich habe einen Becher geschenkt bekommen. Einen sehr edlen Becher aus Keramik zum Beispiel für Tee, außen weiß, innen in einem zarten Blau. Schlicht ist er und von zauberhafter Schönheit. Fast kann man den Clou an diesem Becher übersehen: in der Innenseite ist das Wort „Wildheit“ zu lesen.
Diesen Becher bekam ich von einer sehr guten Freundin. Solche Geschenke bekommt man nur von Menschen, die einen wirklich gut kennen. Nun sitze ich mit diesem Becher in meinen Händen hier und spüre den Schmerz und die Sehnsucht genau danach: nach meiner Wildheit.
Meine eigene Wildheit ist ähnlich gut versteckt wie die in dem Becher. Irgendwo tief innen ist sie eingeprägt, unauslöschlich zwar, aber nur heimlich und unauffällig und dadurch leicht zu übersehen – für andere, vor allem aber für mich selbst.
Wildheit – ich weiß ganz genau, was das für mich ist und doch ist es noch so unerreichbar. Es ist mir so nah und gleichzeitig so fern. Dabei bin es nur ich selbst, die sich davon abhält.
Ich denke, wir alle haben solche versteckten Themen in uns, die eigentlich so sehr zu uns gehören, die wir aber – aus welchen Gründen auch immer – (noch) nicht leben (können).
Überlegen Sie einmal kurz: Was ist es für Sie?
Bei solchen, tief verborgenen Anteilen und Sehnsüchten in uns ist es leider nicht mit all den „Finde Dich selbst“-Tipps aus den Ratgeberprogrammen getan. Denn die Gründe, die wir haben, diese Themen nur als tief in unsere Seele gestanztes Wort zu bewahren, nicht aber wirklich auszuleben, sind mächtig.
Im Moment lasse ich das Wort „Wildheit“ einfach in mir schwingen. Ich schau in meinen wunderschönen Becher und erinnere mich an all das, was ich längst weiß über die Wildheit in mir und lasse auch zu, was es mit mir macht, daran zu denken. Ich spüre meine Angst und meine Begrenzung, meinen Frust und meine Enttäuschung. Ich erlaube mir das Gefühl traurig zu sein, dass ich diesen Teil (noch) nicht lebe. Denn das ist es, was jetzt ist.
Und doch lächele ich auch, denn ich weiß, sie ist da, die Wildheit. Sie gehört zu mir.

Ein ruhiges Leben
Unsere Welt ist eine ziemlich laute und schrille. Und es ist eine, die uns vermittelt, dass laut und schrill nicht nur richtig und gut ist, sondern grundsätzlich erstrebenswert ist. Mehr noch: dass wir alle mithalten müssen um jeden Preis, denn nur dann können wir erfolgreich sein oder glücklich werden oder was auch immer. Ich halte etwas dagegen: Es ist vollkommen ok, ein ruhiges Leben führen zu wollen.
Tatsächlich fragen sich viele, die es eigentlich lieber still mögen, ohne große Aufregungen, Abenteuer und Partys, ohne bahnbrechende Erfolge, volle To-do-Listen und Meilensteine und ohne lauten Knall, Stress und viel Geschrei, ob sie vielleicht falsch sind, da doch jeder danach zu streben scheint. Und nicht wenige zwingen von ihnen sich dann, mitzumachen im großen Spiel um den Platz auf der Bühne oder wenigstens in den ersten Reihen.
Was aber, wenn man viel lieber am Rand sitzt oder hinten oder sogar ganz woanders? Was, wenn einen die bunte Schillerwelt des Konsums und Erfolgs gar nicht wirklich interessiert, sondern man eigentlich viel lieber in der Natur ist oder zusammen mit wenigen Menschen oder auch nur mit sich allein? Was wenn man eine leise Stimme hat und einem alles Laute in den Ohren und in der Seele schmerzt?
Niemand ist falsch, auch wenn der Mainstream so klare Vorgaben darüber zu machen scheint, was angesagt ist. Eine Welt, in der es nur laute Menschen gibt, geht viel Kostbares verloren. Ein ruhiges Leben kann ein sehr tiefes sein, denn in der Stille beginnt man vieles überhaupt erst wahrzunehmen: die kleinen Dinge, die eigene Stimme und das Leben an sich.
Wichtig ist, denke ich, immer wieder in sich selbst zu spüren (da ist sie wieder, die Achtsamkeit!) und nicht einfach mitzubrüllen, weil es alle tun oder immer und immer lauter zu werden, weil man fürchtet, sonst nicht gehört zu werden. Wem das Laute nicht liegt, der kann nur in der Stille wirklich sein.
