Hier finden Sie Reflexionen, Inspirationen und Anregungen rund um das Thema Achtsamkeit.
Ich bin dann mal weg…
Es sind die Tage kurz vor einer Abreise und ich merke, wie das Kribbeln im Bauch und in den Knien immer stärker wird. Die von mir so geliebte Reiselust brizzelt in meinem Sein wie Brausepulver.
Ein Flugticket ist für mich wie eine weit geöffnete Tür und ich kann es kaum erwarten, dass es endlich losgeht. Aber vieles muss noch erledigt werden: einiges ist vorzuarbeiten, einiges zu organisieren, noch ein bisschen etwas einzukaufen, und natürlich alles zu packen, wie das eben so ist vor einer Reise.
Immer wieder kommt es mir vor, dass ich ewig weg sein werden, selbst wenn die tatsächliche Dauer nur kurz sein mag. Denn es ist mehr das „weg“ als die Zeitspanne, was dieses Gefühl auslöst, denn wenn ich reise, bin ich auch wirklich fort: Keine Mails, keine Telefonate, keine Checks meiner Webseiten.
Einfach mal unerreichbar sein.
Ja, das ist etwas, das ich mir ganz bewusst für mich nehme: die Möglichkeit, auch mal nicht da zu sein oder besser gesagt: ganz bei mir zu sein, da wo ich dann gerade bin und eben nur da.
Garten
Heute möchte ich zwei Zeilen aus einem Gedicht von Jorge Luis Borges mit Ihnen teilen: „So bepflanzen wir doch unseren eigenen Garten und schmücken die eigene Seele, statt darauf zu warten, dass uns jemand Blumen bringt.“
Wow, steckt da nicht ganz viel Kraftvolles und Wunderschönes drin?
Mich spricht vor allem an, nicht warten zu müssen, sondern selbst tun zu können. Für mich, aber auch einfach so, denn einen Garten anzulegen, heißt ja, aus mir heraus etwas Schönes und damit eine Bereicherung zu erschaffen. Damit mache ich Freude – mir und anderen, genauso, wie ich, indem ich meine Seele schmücke, andere inspirieren und erfreuen kann.
Ja, so denke ich, wahrscheinlich ist diese Webseite hier ein bisschen mein kleiner Garten. Ich pflanze Samen und Setzlinge, manche noch ganz unreif, andere schon fast ist Blüte und schaue, was passiert. Was z.B. wächst und immer kräftiger wird, was vielleicht noch Dünger und Schutz braucht und welche Samen und Keimlinge von anderen hereingeweht kommen.
Und mit den Blüten, die hier und auch anderswo in meinem Leben entstehen, schmücke ich meine Seele, mit den Früchten nähre ich sie, auf dass sie leuchtet und strahlt und ich daraus noch mehr Kraft finde, um meinen Garten immer bunter und schöner zu gestalten.
Nicht das schlechteste Lebensmotto, was meinen Sie?
Ein größeres Leben?
Ich habe neulich dieses Zitat von Anaïs Nin gefunden: „Das Leben schrumpft oder dehnt sich aus, proportional zum eigenen Mut.“ – und oh, wie sehr ich da zustimmen kann!
Gerade in den letzten Tagen habe ich wieder einmal mit meiner Angst gerungen. Meine Angst, die alles zusammenziehen will, alles klein halten will, weil das Große so unüberschaubar ist. Meine Angst, die alles zurückschneiden will, damit nichts auswuchert: Gedanken, Gefühle, Ideen, Vorhaben, was ich geben und nehmen will…
Ginge es nach meiner Angst, wäre mein Leben ein Setzkasten. Hübsch überschaubar und gut geordnet gäbe es ein kleines Fach für alles. Und was nicht in die Fächer passt, darf nicht sein. Und ich fürchte, so habe ich tatsächlich eine ganze Weile gelebt…
Ich will aber das, worüber Anaïs Nin schreibt: ein sich ausdehnendes Leben, kein geschrumpftes. Ich will meine Arme weit öffnen und alles geben, was ich geben kann, will alles erleben, was ich erleben kann, will alles fühlen, was in mir ist, will alles sehen, was zu sehen ist, hören, was zu hören ist, schmecken, was zu schmecken ist, riechen, was zu riechen ist.
Ein geschrumpftes Leben passt in einen Setzkasten, meines nicht mehr – und das ist gut so!
Gefühle…
Neulich las ich etwas über Gefühle. Da schrieb jemand, dass man nicht seine Gefühle ist, sondern dass man sie nur habe, und denkt, das ist schlau, denn das soll dabei helfen, sich nicht zu sehr mit Gefühlen zu identifizieren, um auf diese Weise besser mit ihnen umgehen zu können.
Sprich: Man ist nicht seine Traurigkeit, man hat sie nur (so wie eine Krankheit oder einen Virus?) oder man ist nicht sein Schmerz, auch den hat man eben nur (wie einen hässlichen Fleck auf der Jacke?). Dann ist man auch nicht sein Glück, sondern hat es nur? Ist nicht seine Liebe, sondern hat auch die nur?
Mich hat das (mal wieder, denn ich kenne den Ansatz schon länger) wütend gemacht (ja, genau auch so ein Gefühl…). Die Idee, unsere Gefühle „in den Griff“ zu bekommen, gehört nämlich zu dem großen Komplex von Ratschlägen, die davon ausgehen, dass wir das Leben kontrollieren können, indem wir uns selbst kontrollieren, respektive unsere Gefühle.
Wissen Sie was? Been there, done that… – oder anderes gesagt: Auch ich habe das mal geglaubt. Ich habe das, was ich nicht fühlen wollte, weggeschlossen und durch Gefühle ersetzt, die akzeptabler waren, mit denen ich besser ankam und besser passte. Ja, und es hat tatsächlich funktioniert, jedenfalls über weite Strecken konnte ich damit ein Stück weit mein Leben kontrollieren oder besser gesagt: ich konnte es beugen.
Aber ist das auch gut? Denn wer spricht über den Preis, den wir dafür zahlen, unsere Gefühle wie schlechte Angewohnheiten „weghaben“ zu wollen? Wer erwähnt die Kleinigkeit, dass wir uns damit Stück für Stück selbst verneinen, ablehnen und auch verlieren?
Denn: Natürlich bin ich, was ich fühle! Was könnte ich sonst sein? Was?
Ich für mich weiß heute, dass mich meine Gefühle ausmachen, mich als Persönlichkeit und mich in meinem Sein. Die Art, wie ich empfinde, ist einzigartig, genauso wie IHRE Art zu empfinden einzigartig ist. Und gleichzeitig verbinden uns unsere Gefühle, denn jeder von uns kennt Schmerz, kennt Trauer, kennt Glück und kennt Freude.
Gefühle sind und machen uns menschlich. Ja, auch verletzlich und vielleicht können wir, wenn wir unsere Gefühle zulassen, keine ganz so glatte Fassade mehr bieten, um andere zu beeindrucken. Aber warum und vor allem wofür wollen wir daran glauben, alles im Griff haben zu können? Um keine Angst mehr haben zu müssen? Das ist eine Illusion, denn natürlich wissen wir alle, dass jederzeit etwas kommen kann, das alles ändert, dass uns in die Knie zwingt und zum, ja genau, zum Fühlen bringt.
Ich weiß jedenfalls inzwischen, dass es für mich im Leben mehr als alles andere ums Fühlen geht und zwar um die ganze Bandbreite meiner Gefühle. Sie sind es, die das Leben bunt macht und lebendig und intensiv.
Fühlen heißt leben für mich. Und für Sie?
Mein roter Hut
Ich habe einen roten Hut. Aus Samt ist der, ganz weich und mit einer breiten Krempe.
Diesen Hut besitze ich nun seit fast 20 Jahren. Ich habe ihn mir in New York gekauft, im Sommer 1995 als ich zum ersten Mal in meinem Leben allein losfuhr. Damals war ich 3 Monate in den Staaten und habe 2 Monate dort gearbeitet.
Den roten Hut kaufte ich mir bei Macy’s im Schlussverkauf, weil ich ihn so herrlich flippig fand und er so gut zu all dem passte, was ich durch diese Zeit mit mir gefunden und erlebt habe.
Dieser Hut hat jeden Umzug und jede Altkleidersammlung überlebt, weil ich wusste, dass ich niemals wieder hergeben will. Es hing ganz viel an diesem Hut für mich, denn er stand immer für wichtige Teile in mir, die mich ausmachen.
Nun kommt der traurige Teil: Ich habe diesen Hut nicht getragen, nicht ein einziges Mal. Kaum einer weiß von diesem Hut und ich selbst habe ihn immer wieder vergessen, bis ich ihn zufällig hin und wieder beim Auf- und Umräumen fand, liebevoll streichelte und dann wieder gut wegpackte.
Bis zum heutigen Tag habe ich den Hut noch nicht getragen. Mit diesen Fotos hier soll er nun endlich einmal gesehen werden, mein roter Hut.
Weil das, wofür er steht, auch endlich gelebt werden will. Weil ein Hut getragen werden muss. Weil das Rot leuchten soll. Weil ich niemals wieder das, wofür er steht, vermeintlich sicher irgendwo in den Tiefen von Schränken oder Ecken meiner Seele verstauen will. Weil ich endlich, endlich den Mut finden will, ihn zu tragen. Einfach, weil ich diesen Hut liebe und weil er zu mir gehört. Und weil ich finde, dass das Leben zu kurz ist, um sich nicht zu trauen, einen Hut zu tragen, den man liebt.
Was, wenn…
Ich habe schon immer gerne „Was, wäre wenn…“ gespielt: Was wäre, wenn ich andere Entscheidungen getroffen hätte? Was, wenn ich mich für ein anderes Studium entschieden hätte? Was, wenn ich andere Menschen kennen gelernt hätte? Was, wenn ich ins Ausland gegangen wäre? Was, wenn ich an einer bestimmten Wegbiegung meines Lebens den anderen Weg gewählt hätte? Was, wenn ich öfter ja statt nein und öfter nein statt ja gesagt hätte?
Früher habe ich mir dann oft ganz andere Lebensentwürfe ausgedacht, bunte Spielarten meiner Existenz.
Aber, was wäre dann wirklich gewesen? Wäre tatsächlich alles anders gewesen oder wäre letztlich nicht doch alles auf dasselbe herausgekommen? Wäre ich nicht immer ich gewesen mit meinem Weg, mit meinen Herausforderungen und meinen Aufgaben?
Heute neige ich dazu anzunehmen, dass all die Alternativen und Optionen letztlich unerheblich sind, denn das hier ist mein Leben. Das, was jetzt ist, nicht das, was hätte sein können. Meine Entscheidungen waren meine Entscheidungen, wie bewusst oder beliebig sie auch immer waren. Sie haben mich zu dem Punkt geführt, an dem ich heute stehe. Ich kann mir noch so viele andere Leben ausmalen, das einzige Leben, das zählt, ist das, in dem ich gerade bin. Hier und jetzt.
Dieses Leben, MEIN Leben, ist das Ergebnis all meiner Entscheidungen, Wege und Umwege. Dieses Leben, kann nur ich so führen und kann auch nur ich füllen. Dieses Leben ist mein Geschenk. Und die Energie, die aus diesem Bewusstsein kommt, ist stark und groß und machtvoll. Sie wahrzunehmen und mein eigenes Sein in meinem Leben ist heute für mich viel reizvoller als mir andere Leben zu überlegen.
Viel Zeit ist vergangen…
Ich war neulich mal wieder in meiner Heimatstadt Berlin. Dort bin ich zu den Orten meiner Kindheit und Jugend gefahren.
Viel Zeit ist vergangen! Auf dem Foto zu diesem Beitrag sehen Sie einen Baum, der in einem stillgelegten Gleisbett gewachsen ist. Diese Gleise waren früher mein Schulweg gewesen. Dort fuhren, als ich Kind war, über den Tag verteilt einige Güterzüge, aber vor allem waren diese Gleise ein wichtiger Ort meiner Kindheit. Jeden Tag lief ich mit meiner Freundin auf ihnen zu meiner Grundschule und auch wieder heim. Nachmittags spielten wir in den Sträuchern, die an den Gleisen wuchsen, und auf den Gleisen selbst. Heute wurde da ein kleiner Park angelegt und die Gleise sind wild überwuchert.
Mich hat dieser Baum sehr berührt. Er ist ein Sinnbild nicht nur für die vergangene Zeit, sondern auch für Veränderung. Er hat sich seinen Platz erobert, dort zwischen den Gleisen und Schwellen und ist über all die Jahre groß geworden. Genauso, wie ich größer geworden bin, in dieser Zeit.
Ich sehe noch das Mädchen, wie es auf den Bahnschwellen zur Schule lief, den Schulranzen auf dem Rücken. Im Geiste laufe ich neben ihr. Ich spüre, dass ich mich ausgesöhnt habe mit meiner Vergangenheit, dass ich Frieden geschlossen habe, mit dem was war. Genauso wie es die Gleise, die mein Schulweg waren, noch gibt, so gibt es auch noch Narben aus meiner Geschichte. Aber es ist viel Neues gewachsen. Kraftvoll hat es sich trotz mancher Widrigkeit seinen Weg ins Leben gebahnt und hat den Ort umgestaltet.
Ja, das Leben ist Veränderung und es ist gut so.
An diesem Frühlingsmorgen
Es ist noch früh an diesem Frühlingsmorgen, aber schon spürbar warm. Der Himmel ist blau, die Sonne steht noch niedrig und taucht alles in das weiche Licht des Morgens. Das zarte Grün der jungen Blätter tanzt in den Bäumen und die Vögel singen schon aus ganzer Kraft. Die Luft riecht nach Blüten und frischem Gras, ein zarter Wind umschmeichelt die Welt.
Meine Lieben schlafen noch und ich spüre ihre Anwesenheit, ihr Dasein, hier an diesem Ort, wo ich auch bin.
Vor allem aber spüre ich mich.
Ich bin bei mir und das ist vom Gefühl her noch immer neu für mich und deshalb wie ein Wunder. Manchmal halte ich ganz still, damit ich mich selbst nicht verscheuche, aber die Angst muss ich gar nicht mehr haben. So leicht flüchte ich nicht mehr.
In diesem Bei-mir-Sein nehme ich unendlich viel wahr: Was ich bin und was ich alles habe, was ich erlebe und was ich tue; was ich zu sein versuchte und doch nie war, was ich verlor und was mich schmerzt; woher ich komme und wohin es mich vielleicht zieht. Und ja, vor allem wer ich wirklich bin.
Mit jedem bewussten Atemzug in meinem Ich-Sein wird diese Wahrnehmung reicher und ich größer, denn ich öffne mich immer mehr. Öffne die Türen und Fenster in meiner Seele, um einzulassen und auch wieder heraus. Möchte ich in diesem Moment ein offenes Haus sein, damit das Leben in seiner ganzen Vielfalt in mich und durch mich hindurch strömt.
Und das tut es.
Gut aussehen?
Vor einigen Tagen schrieb ich über mein Bemühen, immer ein braves Mädchen zu sein und darüber, was an Motiven dahinter steckt. Ein Motiv habe ich nicht beleuchtet und das ist das Thema „Gut aussehen wollen“.
Ich denke, das wollen ziemlich viele: gut aussehen. Angesehen sein, gemocht werden, eben gut dastehen. Ich zumindest wollte das immer und oft war mir die Vorstellung, etwas zu tun, wodurch mich andere „doof“ finden könnten, unerträglich. Je mehr ich aber versuchte, in den Augen anderer gut auszusehen, desto mehr verlor ich mich selbst. Dadurch stand ich also vor mir selbst nicht mehr nur nicht gut da, sondern ich war oft nicht mal mehr in meiner Nähe, weil ich in meiner Außenorientierung irgendwo in der Ferne versuchte, anderen zu gefallen.
Gleichzeitig wuchs die Angst in mir, entlarvt zu werden. Um zu verhindern, dass jemand hinter die Kulissen schauen würde, ließ mich meine Fassade schön glatt schmirgeln und ich wusste zu verhindern, wie andere mir zu nahe kamen.
Dann aber kam eine Zeit, in der ich nicht mehr gut aussehen konnte. Ich hatte keine Chance mehr, irgendein Bild von mir aufrecht zu erhalten, sondern ich musste mich mit meiner ganzen Verzweiflung, Traurigkeit, mit meinem Zorn, meiner Angst und Hilflosigkeit zeigen.
Erwartet hätte ich, dass andere angesichts dieser nackten, „hässlichen“ Tania die Flucht ergreifen würden. Aber es kam anders. Tatsächlich habe ich in dieser Zeit so viele intensive, berührende und ehrliche Kontakte mit Menschen gehabt, wie seit langer, langer Zeit nicht mehr (wahrscheinlich genau so lange nicht mehr, wie ich begonnen hatte, Fassaden zu bauen und zu pflegen). Das, was ich zu verstecken versucht hatte, schien nicht so schrecklich zu sein, wie ich gedacht hatte.
Leider vergesse ich das immer wieder und erwische mich dann dabei, wie ich wieder an meiner Außenwirkung zu feilen und mich damit von mir selbst zu entfernen. Da ist es wichtig, mich immer wieder selbst daran zu erinnern, dass es nicht darum geht, gut auszusehen, sondern dass entscheidend ist, dass ich ICH bin – und das in allen Facetten und Farben, die mich ausmachen.
Braves Mädchen, böses Mädchen?
Ich war eigentlich immer ein ziemlich braves Mädchen. Zumindest habe ich viel dafür getan, brav zu sein. Ich war gut in der Schule, gut auf der Uni, erfolgreich in meiner Selbstständigkeit. Ich habe immer versucht, Erwartungen zu erfüllen, nicht über die Strenge zu schlagen, nicht ungerecht oder unfair zu sein und meine Fehler immer gleich einzugestehen, mich zu entschuldigen und sie doppelt und dreifach wieder gut zu machen. Immer war ich bereit, „an mir zu arbeiten“ (davon ausgehend, irgendwie wohl falsch zu sein), mich zu ändern, mich auszurichten.
Nichts Schlechtes, sollte man denken.
Nichts Schlechtes, solange man nicht die andere Seite der Medaille anschaut. Denn die andere Seite zeigte Hässliches:
- Zum einen meine knallharten Gegenerwartungen an andere, die ich heimlich für mein Bravsein forderte (wie z.B. Liebe, Sicherheit, Loyalität usw.)
- und zum anderen die zunehmende Selbstverleugnung, die nötig war, um auf diese Weise brav sein zu können.
Je klarer mir wird, dass ich meinem Anspruch brav zu sein, mit einem sehr hohen Preis bezahle, kann ich ihn Stück für Stück loslassen. Und damit komme ich endlich weiter in meinem meinem Wunsch, für mich einzustehen und gut für mich zu sorgen. Denn manchmal muss man „böse“ sein. „Böse“ im Sinne von unbequem oder auch laut, weil man sich Gehör verschaffen muss, wenn andere über einen hinweggehen oder nicht zuhören wollen. Wenn man alte Muster aufbrechen will und Erwartungen an einen nicht mehr erfüllen will.
Ich erkenne, dass ich versucht habe, mir die Zuneigung anderer Menschen darüber zu erkaufen, dass ich ihre Erwartungen und Wünsche an mich erfüllte. Bis zu einem gewissen Grad funktionierte das, aber es brachte mir weder die Sicherheit, die ich anstrebte noch wirkliche Liebe, denn die Zuneigung galt dem Bild, das ich erschuf, nicht wirklich mit als Mensch und Person. Und mehr noch: auch ich war in meinen Zuneigungsbekundungen nur bedingt ehrlich, denn ich hatte viel zu viel Angst davor, verlassen zu werden als dass ich mich hätte ehrlich fragen können, ob ich wirklich liebe.
Heute bin ich mir selbst nah genug, dass ich es wage, den Abstand ertragen zu können, der entsteht, wenn ich sage: „Das sehe ich anders“ oder „Nein, das möchte ich nicht.“ oder auch „Bitte hör auf damit, das tut mir nicht gut.“ Damit bin ich zwar nicht mehr das brave Mädchen, das ich sein wollte, aber ich bin ehrlicher – ehrlicher mir selbst und anderen gegenüber. Und das ist etwas Gutes.
