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Hier finden Sie Reflexionen, Inspirationen und Anregungen rund um das Thema Achtsamkeit.

Achtsamkeit in der Praxis

Gepostet von am Nov. 17, 2014 in Achtsamkeit im Alltag, Alle Beiträge | 4 Kommentare

Achtsamkeit in der Praxis

Die Überschrift für diesen Beitrag ist ähnlich ungelenk wie es meine Gedanken zur Zeit sind. Aber sie passt eigentlich ganz gut, denn ja, es geht für mich zur Zeit genau um die Frage, wie ich in der Praxis – sprich im Alltag – achtsam bleiben kann. 

Achtsam zu sein, wenn ich Zeit und Muße habe, wenn alles gut läuft und sich meine Sorgen klein und handhabbar halten, ist nicht mehr ganz so schwierig.

Eine deutlich größere Herausforderung ist es aber, nicht wieder auf Autopilot zu gehen, wenn mehr ansteht. Wenn handfeste Probleme auftauchen, wenn sich Sorgen und Ängste breit machen und wenn ich mich ernsten Schwierigkeiten gegenüber sehe. 

Im Idealfall gelingt es mir, die Situation zu analysieren, die nächsten nötigen und machbaren Schritte zu bestimmen und einzuleiten und dann vertrauensvoll loszulassen. Dann bleibt Raum auch für schöne Gedanken und den Reichtum um mich und in mir wahrzunehmen. Dann kann ich weiterhin geben und nehmen und für meine innere Balance sorgen. 

Vom Idealfall bin ich noch ein gutes Stück entfernt (wenn dieser denn überhaupt so erreichbar ist). Der Umgang mit schwierigen und bedrohlichen Situationen gestaltet sich eher in Wellen oder Phasen: Punktuell kann ich bei mir bleiben, gut für mich sorgen und mir selbst die Zuversicht geben, dass alles gut wird. In vielen anderen Momenten verliere ich aber das Vertrauen, sowohl in mich als auch in das Leben und dann übernehmen die negativen Gedanken. Dann ist die Tür offen für das Hadern und für die Angst. Dann stemme ich mich wieder einmal gegen das Leben und seinen Lauf – etwas, das mir nicht gut tut.

Achtsamkeit in der Praxis heißt für mich gerade, dass ich BEIDES wahrnehme als Teil von mir: das Bejahende und Konstruktive in mir, aber auch das Verneinende und Destruktive. Denn beides IST.

Ich kann mich nicht zwingen, zu vertrauen, wenn ich gerade im Nein bin (und je mehr ich mich dafür verurteile, desto schlimmer wird es). Ich kann das Nein in mir erst einmal nur akzeptieren und im nächsten Schritt gleichsam zu umarmen versuchen. Wenn mir das gelingt, spüre ich die Angst, die darin schwingt und ich komme mir wieder selbst näher. Dann wird es ruhiger in mir, der Kopf hört mit seinen ständigen Beschüssen auf und ich kann wieder etwas tiefer atmen. Und so ein tiefer Atemzug ist manchmal mehr wert als alles andere. 

Das Warum erkennen

Gepostet von am Nov. 12, 2014 in Achtsamkeit im Alltag, Alle Beiträge | 5 Kommentare

Das Warum erkennen

Wie jeder andere Mensch erlebe auch ich Widrigkeiten, die mich mal mehr, mal weniger aufregen. Ob mich nun immer wieder dasselbe Thema nervt, ich wiederholt in ähnliche Auseinandersetzungen oder Konflikte gerate, bestimmte Dinge einfach nicht klappen wollen oder ich mich zum x-ten Mal einer Anforderung gegenübersehe, vor der ich mich immer gedrückt habe… Ich schätze, wir alle kennen solche Lästigkeiten. Genauso stellt uns das Leben hin und wieder vor größere (und schmerzhafte) Herausforderungen oder gibt uns auch mal (oder immer wieder mal) einen kräftigen Schubs, bei dem wir fallen oder gar stürzen. 

Ich muss sagen, dass ich inzwischen immer weniger an Zufall glaube, wenn so etwas passiert. Deshalb hilft es mir sehr, wenn ich mich bei solchen Dingen auf die Suche nach dem „Warum“ mache. Ich versuche also zu erkennen, was das Ganze mit mir zu tun hat und welcher Lernschritt für mich in der Sache stecken könnte. 

Wenn ich das Warum finde, ist das Problem zwar noch nicht gelöst, aber ich kann dann viel leichter akzeptieren, dass ich wieder einmal mit dem Thema oder der entsprechenden Herausforderung konfrontiert werde und ich hadere nicht mehr so sehr damit. Ein Warum gibt mir Kraft, mich damit zu befassen, auch wenn ich es vielleicht eigentlich am liebsten verdrängen oder davor davonrennen will. Ein Warum führt mich zu mir selbst. 

Ein solches Warum finde ich allerdings nicht, wenn ich mich z.B. frage: „Ach nö, warum kommt denn das nun schon wieder?“ oder „Mann, was soll das denn jetzt, kann das nicht mal aufhören?“, sondern ich finde es, wenn ich mich ruhig mir mir zusammen hinsetze und mich frage: „Ok, worum geht es hier gerade? Was ist das eigentliche Thema?“ Ich versuche dann, mich zu öffnen und zu fühlen. Dann nämlich hadere ich nicht mehr nur oder ärgere mich, sondern ich versuche zu verstehen. Und auf der Grundlage des Verstehens komme ich mir selbst näher. Denn fast immer hat es immer etwas mit mir zu tun (womit sonst?) – mit noch nicht bearbeiteten Themen, mit weggeschobenen Dingen, mit Herausforderungen, vor denen ich mich drücke, mit Lern- oder Entwicklungsschritten, die anstehen. Und sollte es mal wirklich nichts mit mir (sondern vielleicht mit jemand anderen) zu tun haben, dann kann ich es in diesem Fall auch leichter abgeben, statt mich weiterhin damit zu belasten. 

Mit der Frage, worum es eigentlich wirklich geht, öffne ich mich dafür, zu erkennen, was das Leben für mich vorsieht. Denn daran glaube ich inzwischen: dass alles einen Sinn hat, egal wie lästig es sich auch präsentiert. 

Zeitzeuge

Gepostet von am Nov. 5, 2014 in Alle Beiträge | 2 Kommentare

Zeitzeuge

Auf meiner letzten Reise nach Curaçao führte mich ein kleiner Spaziergang zu einem ganz besonderen Baum. Es handelte sich um einen Kapok-Baum und das Alter dieses Baums wird auf 800 Jahre geschätzt. 

Der Baum steht auf einer kleinen Lichtung, umgeben von Dickicht und Gestrüpp. Riesig ist er nicht, aber er ist gewaltig. Die Energie, die ihn umgibt, war einfach atemberaubend. 

Neben ihm löste sich mein Verständnis von Zeit für diesen Moment auf. Ich war uralt und ganz jung zugleich. Jahre schienen wie Minuten zu fließen, weit zurück ging mein Empfinden, sehr, sehr weit zurück. Ich fühlte mich unglaublich reich und wurde innerlich ganz still und weich und offen, um alles in mich fließen lassen zu können, was von diesem Baum ausging. Wissen, Weisheit, Gelassenheit und eine Art von Liebe, die ich bisher noch nicht kannte, aber nach der ich mich immer gesehnt hatte.

Es war ein Umarmen in einem Loslassen von allem.

Was er wohl alles gesehen hat? Wie viele Menschen und Tiere in seinem Schatten schon Schutz suchten und Ruhe fanden? Wie lange er wohl noch da stehen wird, dieser wundervolle Baum, der sich wie eine eigene Welt anfühlt?

Und bei wie vielen Menschen hat er wohl Spuren in ihrem Sein hinterlassen, in ihrem Gedächtnis und Herzen, die nun, wie auch ich, immer mal wieder in Gedanken und im Gefühl voller Dankbarkeit zu ihm zurückkehren …

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Weil es in mir ist …

Gepostet von am Okt. 31, 2014 in Achtsamkeit im Alltag, Alle Beiträge | 6 Kommentare

Weil es in mir ist …

Heute früh sang in meinem Garten ein Vogel aus vollem Herzen. Er sang mit der Energie des Frühlings, obwohl heute der 31. Oktober ist. Darum kümmerte er sich kein bisschen, denn seine kleine Vogelseele wollte heute singen, ob nun Frühling oder nicht. 

Dieser Gesang berührte meine Seele und riss mich aus dem Trott, in den ich schon wieder gerutscht war. Ich atmete tief ein und spürte die Energie, die in der Luft lag, und die auch mich singen lassen wollte. Das kleine Lied dieses Vogels, dem Kalender egal sind, küsste mich gleichsam wach. Ich hörte nicht nur, sah plötzlich auch wieder, ich roch und ich schmeckte – und ich fühlte.

Endlich fühlte ich wieder. 

Ich möchte lernen, immer dann zu singen, wenn mir danach ist, und nicht nur, wenn es „reinpasst“, wenn ich also Zeit dafür finde.

Der kleine Vogel heute hat offenbar viel mehr vom Leben verstanden als ich, als er mit seinem Lied die Botschaft in die Welt rief: Leben findet immer JETZT statt und wenn man das lebt, ja, dann kann mitten im Oktober Frühling sein!

Achtsamkeit versus Leistung

Gepostet von am Okt. 25, 2014 in Alle Beiträge, Ich mit mir | 4 Kommentare

Achtsamkeit versus Leistung

In diesen Tagen verliere ich sie immer wieder: meine Achtsamkeit. Ihr gegenüber stehen nämlich eine Reihe von Anforderungen, denen ich gerade nachkommen muss, und die mich mal wieder vor allem zu einem bringen: dazu, gut zu funktionieren. 

Oft scheint es mir so, als schließen sich meine Funktionsfähigkeit und meine Achtsamkeit gegenseitig aus, als gäbe es also nur das eine oder das andere.

Wenn ich etwas schaffen will, spüre ich nicht mehr in mich, schiebe Bedürfnisse und vor allem Bedürftigkeiten weit weg, erlaube mir kaum Schwächen oder Nachlässigkeiten und unterdrücke Wünsche und Sehnsüchte in mir genauso wie Albernheiten, Flausen und kindliche Einfälle. Ich schaffe damit eine rationale und kühle Atmosphäre, in der mein Verstand und meine Selbstdisziplin Hand in Hand arbeiten. Das befähigt mich dazu, nicht nur effektiv, sondern vor allem auch effizient zu sein und damit werde ich sehr leistungsfähig. Gleichzeitig macht mich das hart, denn ich kann mir all die „Spinnereien“, die mich eigentlich doch so sehr ausmachen und die vor allem mein Leben so bereichern, nicht erlauben. Sie stünden meiner Zielstrebigkeit im Weg, würden mich Zeit kosten und ablenken. Also schneide ich mich ab vom Fühlen. 

Als mir das erste Mal klar wurde, wie ich bin, wenn ich mich auf Leistung trimme, bekam ich einen Schreck. Denn nie hatte ich mich so gesehen und nie hatte ich so sein wollen! Aber ich erkenne: Ja, auch das gehört zu mir. Ich weiß, dass mir diese Fähigkeit sehr viel ermöglicht, und deshalb bin ich dankbar dafür.

Aber inzwischen ist mir auch der Preis, den ich dafür zahlen muss, sehr bewusst. 

Für dieses Mal ziehe ich das Funktionieren wie gewohnt durch, denn ein Ende ist absehbar. Aber ich verstehe, dass wenn ich nicht aktiv beginne um meine Achtsamkeit zu kämpfen, ich sie immer wieder und wieder verlieren werde, wenn ich gefordert bin. Freiwillig wird meine Selbstdisziplin nichts dulden, das sie mindern könnte.

Ich wünsche mir für die Zukunft, einen Weg zu finden, etwas leisten zu können, ohne mich dabei zu verlieren. Dass ich tatsächlich auch etwas schaffen kann, wenn ich bei mir bleibe, diese Erfahrung durfte ich schon machen. Auch wenn ich dann deutlich weniger effizient bin (dafür aber lebendiger und sooo viel zufriedener), möchte ich lernen, auch unter großen Anforderungen ein offenes Ohr für mich selbst zu behalten, achtsam zu sein und vor allem im Fühlen bleiben zu können.  

Sagen und leben, was ist

Gepostet von am Okt. 20, 2014 in Alle Beiträge, Ich und andere | 5 Kommentare

Sagen und leben, was ist

Wow, ich muss sagen, ich bin einfach überwältigt. Überwältigt von all den wundervollen Mails, die ich auf meinen letzten Newsletter hin erhalten habe. Dort kündigte ich an, dass der Newsletter fürs Erste unregelmäßig erscheinen wird, weil ich merke, dass ich mich aus meinen Zwängen befreien muss – hier können Sie das nachlesen

Und zu meinem Erstaunen bin ich wieder einmal nicht allein mit meinen Gedanken und dem was in mir ist, sondern ganz im Gegenteil: Ganz viele von Ihnen schrieben mir von ihrem eigenen Bedürfnis und Ringen damit, aus bestehenden Strukturen auszubrechen und ganz viele von Ihnen drückten ihre Dankbarkeit aus, dass ich darüber geschrieben und diese Worte gefunden habe. 

Mich berührt es sehr, wie viel Resonanz ich immer wieder darauf bekomme, wenn ich mich zeige und über das schreibe, was in mir ist. Vieles davon ist gar nicht besonders klar oder gut durchdacht, vieles kommt direkt aus dem Bauch heraus und ich frage mich dann oft, wie das wohl wirken muss und ob es überhaupt veröffentlichenswert ist. Dann bekomme ich eine Fülle von ganz persönlichen, ganz nahen und ganz, ganz schönen Mails, die mir diese Frage sofort mit einem „Ja!“ beantworten. 

Zu sagen, was ist uns ist, andere teilhaben zu lassen, an dem, was in uns vorgeht, also den Mut zu haben, sich damit zu zeigen – für mich scheint es im Moment keinen anderen Weg zu geben. Denn sowie ich mein altes Spiel vom Fassadenbauen beginne oder versuche, meine innere Stimme zu übertönen, geht es mir schlecht und holpert es ganz erheblich. Das Leben will ganz eindeutig nicht, dass ich zurück in alte Muster falle, sondern es möchte, dass ich bei mir bleibe mit allen Konsequenzen.

Deshalb schreibe ich also weiter solche Beiträge wie diesen, ziemlich unstrukturiert und aus dem Bauch heraus, denn dann fließt es. Ich schreibe sie einmal für mich selbst und eben auch für Sie, die Sie offenbar so ganz Ähnliches spüren und sich nach ganz Ähnlichem sehnen.

Auf dass wir uns trauen, das zu leben, was ist! 

Nur nichts verpassen?

Gepostet von am Okt. 11, 2014 in Alle Beiträge, Ich und andere | 9 Kommentare

Nur nichts verpassen?

Ein großes Thema unserer Zeit ist, wie wir mit der Informationsflut umgehen, die uns umgibt. Es sind ja schon lange nicht mehr nur die gute, alte Morgenzeitung, das Wochenmagazin und die Telefonate mit ausgewählten Freunden, aus denen wir unsere Informationen gewinnen, sondern wir schwimmen geradezu in einem Informationsmeer, das uns mit immer mehr und immer höheren Wellen überschwappt. Zeitungen, Zeitschriften, Internetseiten, Emails, Werbung, Radio, Informationsdienste, Kurznachrichten, Anrufe und… und… und… Für mich fühlt es sich tatsächlich oft so an, dass man in Informationen geradezu ersaufen kann, wenn man nicht aufpasst. 

Gut für mich zu sorgen heißt, dass ich mich vor zu vielen Informationen schütze. Dass ich auswähle, was ich wissen will und was nicht. Dass ich mir informationsfreie Zonen schaffe. 

Ich bin z.B. nicht bei Facebook, ich twittere nicht und habe weder What’sApp noch irgendwelche Newsfeeds bei mir installiert. Meine Handynummer bekommen nur sehr wenige Menschen. Ich habe keine Morgenzeitung und lese so gut wie keine Nachrichtenmagazine. Hin und wieder schaue ich auf ausgewählte Internetseiten mit Nachrichten und Informationen zum Tages- und Zeitgeschehen und lese zu Themen, die mich interessieren, gezielt nach. Aber ich schaue keine Nachrichten im Fernsehen und vermeide es auch, im Radio zu viel zu hören. Habe ich Angst, etwas zu versäumen oder bin ich ignorant? Nicht wirklich. Meine Erfahrung ist, dass ich alles Wichtige so oder so erfahre. Manchmal vielleicht etwas später, aber zu spät hat mich noch nie etwas erreicht. Ich versuche einfach möglichst bewusst auszuwählen, womit ich mich befassen will und womit nicht. Trotzdem bekomme ich alles mit (und zusätzlich auch noch reichlich Anregungen über meinen Tellerrand hinaus!). 

Es gibt Phasen, in denen ich dann doch mehr Nachrichten lese und schaue, als ich eigentlich will, doch mehr Internetseiten ansurfe, als ich sollte und mir doch wieder mehr Dinge erzählen lasse, als ich eigentlich wissen will. Schnell fühle ich mich dann überfordert und auch übersättigt. Das merke ich daran, dass ich dann wieder mehr im Außen bin und weniger bei mir. Dass ich mich verloren fühle, hilflos und vor allem ohnmächtig. Und auch, dass ich fliehen mag.

Ich kann schlicht und einfach nicht alles verarbeiten, was es an Informationen gibt und das zu wissen und mich vor einem Zuviel an Informationen zu schützen, gehört für mich zu einem achtsamen Umgang mit mir selbst. 

Wie halten Sie es damit?

Auf ein Wort

Gepostet von am Okt. 6, 2014 in Alle Beiträge, Ich mit mir | 6 Kommentare

Auf ein Wort

Mein lieber, kluger Kopf, 

halt manchmal doch einfach mal die Luft an. Ich weiß, du bist immer gut informiert, du weißt ganz viel und du hast immer die besten Argumente. Aber du hast nicht immer Recht. Vor allem nicht, wenn es darum geht, was gut für mich ist. 

Ich bin nämlich nicht nur du, also Verstand, sondern ich bin auch Gefühl. Und da kommt mein Bauch ins Spiel. Ja, rümpf nur die Nase, ich weiß, was du von ihm hältst. Aber er ist wichtig. Wichtig für mich und für mein Wohlbefinden, denn damit kennt er sich besser aus als du. 

Du ermöglichst mir viel, lieber Verstand. Du bist gut darin, mich erfolgreich zu machen, mein Zeit- und Selbstmangement zu übernehmen und für meine Sicherheit zu sorgen. Ich bin froh, dass ich dich habe und ich sage danke dafür. 

Aber ich bin mehr als das, zu dem du mich machen willst. Leben heißt nicht nur zu funktionieren, auch wenn dir dieser Gedanke fremd ist. Leben heißt auch Fühlen und Freiheit, bedeutet Lebendigkeit und Fliegen und es will bunt sein und chaotisch. Ja, ich weiß, das ist dir ein Graus. Aber genau das will ich und das brauche ich. 

Lieber Verstand, es ist Zeit, Platz zu machen für den Bauch, für meine Intuition, für mein Gefühl. Keine Sorge, wir gehen dadurch nicht unter und landen auch nicht unter der Brücke. Es wird nicht alles zusammenbrechen, aber ja, etwas anders wird es schon.

Du könntest vielleicht versuchen, ein bisschen gespannt darauf zu sein oder sogar neugierig. Ich bin es jedenfalls sehr! 

Deine Tania

In der Ferne

Gepostet von am Okt. 1, 2014 in Alle Beiträge, Ich mit mir | 1 Kommentar

In der Ferne

Ich war mal wieder auf Reisen. Weit, weit weg, auf einer kleinen Insel. Fern ab von meinem normalen Leben und Alltag. 

Es ist immer wieder faszinierend für mich, dass ich in der Ferne ganz oft mir selbst so viel näher bin als daheim. Das scheint ein seltsamer Widerspruch, denn schließlich ist das hier doch mein Leben, also das, was ich mir geschaffen habe. Wie kann ich mich gerade da so oft verlieren und in einer fremden Umgebung, in der nichts vertraut, sondern alles fremd ist, mir wieder nah sein? 

Ich denke, dass das Leben, das wir uns schaffen, uns oft in bestimmten Mustern hält. Wir erfüllen bestimmte Rollen, weil wir funktionieren müssen. Daheim bin ich Unternehmerin, Autorin, Hausbesitzerin, Organisatorin, Entscheiderin und dergleichen mehr. Manche dieser Rollen lebe ich schon so lange, dass ich oft glaube, sie sind ich und eben nicht nur Rollen. Mein Verstand ist exzellent darin, Hand in Hand mit meiner Vernunft zu arbeiten und alles am Laufen zu halten. 

Gehe ich nun aus diesem System und begebe mich in eine andere Umgebung, fällt ganz viel von mir ab: Verantwortlichkeiten (reale, wie auch eingebildete), Rollen, Ansprüche, Erwartungen und dergleichen mehr. Ich erkenne: irgendwie geht das Leben daheim auch ohne meine Präsenz und ohne mein Tun weiter und das ist eine gute Erfahrung, denn es befreit.

Dazu kommt: Eine fremde Umgebung verwirrt und verstört, denn die meisten der normalen Muster funktionieren gar nicht oder nur bedingt. Das macht verletzlich, aber vor allem öffnet es mich. Und dieses Öffnen ist es, worum es mir geht. 

Immer wieder auch mal ohne den Ballast des eigenen Lebens zu sein, ohne Müssen und Sollen, ohne all dem, was es zu erledigen und zu entscheiden gibt. 

Frei sein. 

Wenn ich frei bin, komme ich zu mir. Und das ist schön.

Ich spüre Unruhe in mir. Eine gute Unruhe, die mich beweglich macht. Eine Unruhe, in der Sehnsucht und Fernweh klingen. Vielleicht muss ich noch eine ganze Weile in der Welt herumreisen, um irgendwann anzukommen – vielleicht aber bin ich das auch schon längst, nur eben nicht im Außen, sondern in mir. Das wäre noch schöner.

Hoch hinaus

Gepostet von am Sep. 26, 2014 in Alle Beiträge | 7 Kommentare

Hoch hinaus

Vor kurzem schrieb ich hier darüber, dass ich neue Blicke wage. Und dieses Wagnis konnte ich nun weiterführen, denn ich habe einen Berg bezwungen – und darüber hinaus neue Impulse für den Umgang mit Ängsten bekommen. 

Der Mount Christoffel ist die höchste Erhebung auf der kleinen, karibischen Insel Curaçao. Er ist nicht gerade das Dach der Welt mit seinen 375 Metern, aber er ist eine Herausforderung. Es führt nämlich kein breit ausgebauter, bequemer Weg zum Gipfel, sondern diesen Berg muss man sich erklettern. Der Hauptteil des Weges kommt durch die vielen Felsbrocken einem Treppensteigen gleich, für das letzte Stück aber ist pures Klettern angesagt. Zwar braucht man kein Seil und keine Steigeisen, aber man braucht alle Viere und einiges an Kraft, um sich an Felsen hochzuziehen und über Baumstämme zu klettern. Der Gipfel liegt dann frei und man hat einen Rundblick über die Insel. Das bedeutet, man hat einen Blick nach unten (und jeder, der nur ein bisschen Höhenangst hat, weiß, was das bedeutet). 

Eigentlich ist weniger interessant, dass ich es auf diesen Berg geschafft habe, als auf mein Verhalten davor zu schauen. Denn als es darum ging, die Wanderung anzugehen, erwischte ich mich dabei, wie ich alle möglichen Gegenargumente zusammensuchte. Ich recherchierte im Netz und fand abenteuerliche Schilderungen der Tour, die über die Gefährlichkeit berichteten und wie anstrengend es sei. Bei Regen solle man die Tour gar nicht machen und man müsse unbedingt früh genug losgehen (immerhin sind dort zwischen 30 und 35°C vollkommen normal). Je weniger ich mich in meiner Angst an- und ernstgenommen fühlte, desto mehr Gegenargumente fand ich. Erst als meine Sorgen wirklich wahrgenommen wurden (von außen und auch von mir), erst als wir ausmachten, dass ich ggf. nicht den ganzen Weg gehen würde, wenn ich es mir nicht zutrauen würde, also erst als meine Angst wirklich sein durfte, wurde ich ruhiger.

Und genau das war es auch, was mir dann beim Aufstieg half: dass meine Angst sein durfte. Sie wanderte und sie kletterte mit und ganz oben machte sie sich für einen Moment richtig breit. Also saß ich da, an einen Baum geklammert, und konzentrierte mich darauf, einfach nur zu atmen. Ich ließ sie zu, die Angst, und es wurde besser. Nach und nach konnte ich mich wieder bewegen. Den kompletten Rundblick habe ich nicht gewagt, aber ich habe in dem Maße heruntergeschaut, wie es mir möglich war. Und heruntergekommen bin ich dann auch wieder (was oft der schwierige Part ist, wenn man Höhenangst hat). 

Ich habe an diesem Tag etwas Neues für mich gelernt: Dass ich nicht mehr gegen meine Ängste kämpfen will, sondern dass ein viel besserer Weg ist, sie anzunehmen und dann MIT ihnen GEMEINSAM weiterzugehen (und das gilt nicht nur für die Höhenangst, sondern ganz allgemein). Denn ein Kämpfen gegen meine Angst ist ein Kampf gegen mich. Und genau diesen Kampf will ich nicht mehr führen.