Achtsamkeit in der Praxis

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Achtsamkeit in der Praxis

Die Überschrift für diesen Beitrag ist ähnlich ungelenk wie es meine Gedanken zur Zeit sind. Aber sie passt eigentlich ganz gut, denn ja, es geht für mich zur Zeit genau um die Frage, wie ich in der Praxis – sprich im Alltag – achtsam bleiben kann. 

Achtsam zu sein, wenn ich Zeit und Muße habe, wenn alles gut läuft und sich meine Sorgen klein und handhabbar halten, ist nicht mehr ganz so schwierig.

Eine deutlich größere Herausforderung ist es aber, nicht wieder auf Autopilot zu gehen, wenn mehr ansteht. Wenn handfeste Probleme auftauchen, wenn sich Sorgen und Ängste breit machen und wenn ich mich ernsten Schwierigkeiten gegenüber sehe. 

Im Idealfall gelingt es mir, die Situation zu analysieren, die nächsten nötigen und machbaren Schritte zu bestimmen und einzuleiten und dann vertrauensvoll loszulassen. Dann bleibt Raum auch für schöne Gedanken und den Reichtum um mich und in mir wahrzunehmen. Dann kann ich weiterhin geben und nehmen und für meine innere Balance sorgen. 

Vom Idealfall bin ich noch ein gutes Stück entfernt (wenn dieser denn überhaupt so erreichbar ist). Der Umgang mit schwierigen und bedrohlichen Situationen gestaltet sich eher in Wellen oder Phasen: Punktuell kann ich bei mir bleiben, gut für mich sorgen und mir selbst die Zuversicht geben, dass alles gut wird. In vielen anderen Momenten verliere ich aber das Vertrauen, sowohl in mich als auch in das Leben und dann übernehmen die negativen Gedanken. Dann ist die Tür offen für das Hadern und für die Angst. Dann stemme ich mich wieder einmal gegen das Leben und seinen Lauf – etwas, das mir nicht gut tut.

Achtsamkeit in der Praxis heißt für mich gerade, dass ich BEIDES wahrnehme als Teil von mir: das Bejahende und Konstruktive in mir, aber auch das Verneinende und Destruktive. Denn beides IST.

Ich kann mich nicht zwingen, zu vertrauen, wenn ich gerade im Nein bin (und je mehr ich mich dafür verurteile, desto schlimmer wird es). Ich kann das Nein in mir erst einmal nur akzeptieren und im nächsten Schritt gleichsam zu umarmen versuchen. Wenn mir das gelingt, spüre ich die Angst, die darin schwingt und ich komme mir wieder selbst näher. Dann wird es ruhiger in mir, der Kopf hört mit seinen ständigen Beschüssen auf und ich kann wieder etwas tiefer atmen. Und so ein tiefer Atemzug ist manchmal mehr wert als alles andere. 

4 Kommentare

  1. Liebe Tania,

    da scheint wirklich eine ganze Menge Hadern durch Deine Worte – Hadern mit schwierigen Situationen und Hadern mit dadurch hervorgerufenen Gedanken und Gefühlen… Und Hadern ist schwer auszuhalten, weil es sich so „unrund“ anfühlt.

    Für mich ist Achtsamkeit Innehalten. Innehalten kostet Zeit, die ich mir manchmal nicht erlaube, wenn viel zu tun ist. Und es braucht in schwierigen Situationen auch viel Mut, den ich manchmal nicht aufbringe, weil mich Gefühle überrollen und erst einmal noch mehr aus der Bahn werfen können. Angst, Traurigkeit, Überforderung, Unruhe, Schwere, Verzweiflung, Wut… Nichts davon fühlt sich schön an, zu gerne würde ich durch clevere Problemlösungsstrategien Vertrauen und Zuversicht zurückgewinnen. Aber dieses erarbeitete, eingeredete Vertrauen hilft mir nicht, mit meinen Gefühlen umzugehen. Innehalten, den wilden Aktionismus stoppen, mutig hineinspüren – und wenn es noch so weh tut oder ich mich klein fühle. Wahrnehmen, annehmen und dann irgendwann löst sich etwas, und es kommt ein Moment, in dem ich spüre, was mir jetzt gerade gut tun würde, etwas, das mich tröstet, mich durchatmen lässt. Trost lässt mich und auch das Verzweifelte in mir, wischt nichts weg sondern stellt einfach nur etwas Wohltuendes daneben. Das gibt mir gleichzeitig Ruhe und Kraft weiter zu gehen, behutsam, Schritt für Schritt und vor allem nachsichtig mit mir und meinen Gefühlen.

    Alles Gute für Dich
    Karin

    • Liebe Karin,

      herzlichen Dank für Deine Zeilen.

      Du schreibst „Aber dieses erarbeitete, eingeredete Vertrauen hilft mir nicht, mit meinen Gefühlen umzugehen.“ und ja, da kann ich absolut zustimmen. Sich etwas ein- oder eben auch auszureden, hilft mir ebenfalls nicht.

      Und da komme ich auf das Hadern: Mit etwas zu hadern, so scheint mir, ist für ganz viele ein „No-Go“, erklärlicherweise, denn Hadern ist destruktiv. Aber dennoch ist es in ganz vielen von uns als eine Reaktion auf getroffene Entscheidungen oder Dinge, die einem passieren. Ich für mich stelle immer wieder fest, dass wenn ich mir das Hadern „verbiete“ (weil ich es ja eigentlich besser weiß), es immer stärker wird. Höre ich mir aber auch dabei einmal achtsam und vor allem annehmend zu, kann ich es viel schneller loslassen.

      Innehalten heißt für mich immer mehr, genau, was Du auch schreibst: auch das in mir wahrzunehmen, was ich eigentlich nicht haben möchte und ja, dann nachsichtig mit mir zu sein und mich nicht auch noch dafür zu verurteilen.

      Herzlich,
      Tania

  2. Liebe Tanja

    Sie schreiben: „Achtsamkeit in der Praxis heißt für mich gerade, dass ich BEIDES wahrnehme als Teil von mir: das Bejahende und Konstruktive in mir, aber auch das Verneinende und Destruktive. Denn beides IST.“

    Ja, so empfinde ich das auch. Das alles gehört zum Leben und will gelebt werden. Schatten gehören zum Leben, unweigerlich. Wie das Licht zum Leben gehört. Und jeder Schatten ist letztlich ein Kind des Lichts.

    In der letzten Zeit nenne ich es für mich „surfen“. Auf dem Wellenkamm des Lebens surfen.

    Cordialement Melony

    • Oh ja, das Surfen ist auch für mich immer wieder ein sehr hilfreiches Bild, weil es mit Balance zu tun hat, aber auch mit Bewegung und Einlassen.

      Ganz herzlich,
      Tania

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