Hier finden Sie Reflexionen, Inspirationen und Anregungen rund um das Thema Achtsamkeit.
Brief eines erwachsenen Kindes
Ich bin dein Kind, aber ich gehöre dir nicht. Deshalb lass mich einfach sein. Du musst nicht alles verstehen, du musst nicht alles mögen, du darfst auch Angst haben vor mir oder um mich, aber bitte lass mich sein, wer und wie ich bin.
Du kannst staunen und dich wundern, von mir aus schüttele auch den Kopf, aber greif nicht ein, halte mich nicht auf, manipuliere mich nicht und zwing mich zu nichts.
Vermittle mir nicht das Gefühl, dass ich eigentlich alles anders machen und ganz anders sein müsste. Lass mich nicht den Eindruck gewinnen, ich müsste anders reden, anders denken, anders entscheiden und anderes tun, sondern lass mich meine eigenen Schritte gehen, ohne zu bewerten und ohne mich zu verurteilen.
Hab auch nicht ständig Sorgen um mich, sondern trau mir zu, dass ich meinen Weg gehen kann. Du musst ihn nicht mit mir gehen, Du musst nicht jubeln und du musst mich nicht beschützen oder gar retten, sondern lass mich ihn einfach gehen und mein eigenes Leben leben.
Bitte versuche nicht länger, mich zu einer Person zu machen, die du in mir sehen willst oder die zu sein du dir für mich wünschst.
Und wenn du kannst, schau hin und fühle, wer ich wirklich bin. Dann bin ich nicht länger nur dein Kind, sondern dann wird es mir vielleicht möglich, auch bei dir ich selbst zu sein.

Achtsam Weihnachten feiern
Achtsam Weihnachten zu feiern, das ist sicher nicht nur für mich eine Herausforderung.
So versuche ich zum Beispiel seit Monaten, die schon im Hochsommer angebotenen Weihnachtssüßigkeiten in den Supermärkten zu ignorieren, und es fällt mir ziemlich schwer, ihnen dann im Dezember plötzlich Beachtung zu schenken (tatsächlich habe ich in diesem Jahr noch keinen einzigen Lebkuchen oder Spekulatius gegessen… ).
Vielleicht verkläre ich meine Erinnerungen an Weihnachtsmärkte, aber heute kommen sie mir nur noch viel zu voll vor, mit viel zu vielen Glühwein-Buden und Billigständen. Mir fehlt das Kleine, Heimelige und Liebevolle, aber vielleicht bin ich da nur hoffnungslos nostalgisch.
Aber tatsächlich frage ich mich mit jedem Jahr mehr, was eigentlich heutzutage der Geist der Weihnacht ist. Inzwischen gehen mir das lautstarke Konsumgebrüll in den Innenstädten und all die Weinnachtssupersonderpreise so sehr auf die Nerven, dass ich mich immer öfter weigere, Geschenke zu kaufen, sondern mir alternative Gedanken mache oder Geschenke selbst herstelle. Mein kleiner Kaufboykott scheint allerdings im Nichts zu verhallen, wenn ich mir anschaue, was in Sachen Kaufrausch gerade in diesen Tagen so los ist. Weihnachten und Kaufrausch, das gehört offenbar fest zusammen.
Und dann sind da noch die vielen Erwartungen all unserer Lieben, die wir normalerweise zu beachten versuchen, damit am Fest selbst niemand traurig oder brüskiert ist. Wer wünscht sich was zu Weihnachten? Wen soll man wann besuchen oder wer kommt alles zu Besuch? Wer muss alles eine Karte bekommen? Wer möchte welchen Weihnachtsschmuck und welche Weihnachtsmusik? Wer freut sich über welches Essen? Weihnachten ist für viele zu einem anstrengenden Großprojekt geworden.
Wie in jedem Jahr versuche ich auch in diesem meinen eigenen Weg zum Weihnachtsfest zu finden und mir nicht diktieren zu lassen, wie ich es zu feiern habe. Ich entziehe mich vielem, was „man so macht“ und versuche mit den Menschen, die mir nahe und wichtig sind, auf eine Art zu feiern, die möglichst allen gut tut.
Achtsam Weihnachten zu feiern heißt für mich, sich auch mal zu fragen, was man selbst braucht, um Weihnachten nicht nur als Pflichtveranstaltung zu sehen, sondern das Fest vielleicht auch wieder FÜHLEN zu können. So kann es uns vielleicht gelingen, den ganz persönlichen Geist der Weihnacht wiederzufinden und wirklich Freude zu haben an diesen doch eigentlich so ganz besonderen und wundervollen Tagen im Jahr. Achtsam Weihnachten zu feiern heißt für mich, sich selbst mitzunehmen und darauf zu achten, wirklich da zu sein auch in mitten all der anderen und all dem Stress um einen herum. Und ja, achtsam Weihnachten zu feiern, heißt auch an sich zu denken und gut für sich zu sorgen, denn sonst können wir zum Fest der Liebe leider genau das nicht leben: die Liebe.
Phasen leben, wie sie kommen!
Im Moment komme ich nicht wirklich zum Schreiben, aber das macht mir gerade überhaupt nichts aus, denn ich bin wieder einmal mitten drin in einer höchst kreativen Foto-Phase. Und, ja, das genieße ich in vollen Zügen!
Das Fotografieren ist bei in diesem Jahr deutlich zu kurz gekommen, zu viel anderes war zu tun und ich hatte nicht die Muße und die Ruhe mich einzulassen. Letztes Wochenende habe ich dann eine höchst inspirierende Fotoausstellung von Sarah Moon gesehen und nun bin ich wieder ganz in meinem Element.
Solche Phasen empfinde ich immer mehr wie Wellen – kreative Energie, fokussierte Konzentration, erschöpfte Müdigkeit, sinnlose Albernheit, wann etwas in mir aufkommt, kann ich genauso wenig beeinflussen, wie die Wellen des Meeres. Aber – und da ist das Bild wieder einmal – ich kann lernen, das zu surfen! Genau das gehört für mich inzwischen zu einem achtsamen Sein: anzunehmen, was in mir ist und mich dem hinzugeben (jedenfalls so weit es möglich ist, meist ist es aber weit aus mehr möglich, als mein Verstand mir immer weis zu machen versucht…).
Ich habe mich in der Vergangenheit oft dazu gebracht, meine Kreativität nur zu bestimmten Zeiten zu leben oder auf ein bestimmtes Ziel hin auszurichten, weil mir anderes wichtiger erschien. Ich wollte bestimmen, wann ich was tue und wie lange. Aber damit habe ich mir oft die Freude am Tun genommen und mich in vielem gebremst. Mich dem Fluss hinzugeben und genau das zu leben, was gerade in mir ist, setzt hingegen ganz andere Energien frei und eine intensive Lust am Machen.
Wie so viele andere auch, habe ich einen strengen Antreiber in mir, der immer genau weiß, was ich „eigentlich“ tun sollte: Aufgaben erledigen, Checklisten abarbeiten, planen, vorarbeiten, Besorgungen machen, aufräumen und so weiter und so weiter. Viel zu oft habe ich diesen Antreiber bestimmen lassen, was ich als nächstes angehe, mit dem Ergebnis, zwar was geschafft zu haben, das oft nur als Dienst nach Vorschrift. Wenn ich mich aber tun lasse, was ich wirklich aus meinem Herzen heraus tun will, so stelle ich immer wieder fest, schaffe ich gar nicht weniger (etwas, das mir mein Antreiber immer gerne einreden will), sondern im Gegenteil: anderes gelingt mir oft viel schneller und leichter! Ich vermute, dass die gute Energie, die entsteht, wenn wir dem folgen, was wir wirklich machen wollen, sich auch auf alle anderen Bereiche auswirkt.
Und was auch immer tatsächlich liegen bleiben sollte, kann ich auch gut in einer weniger kreativen Phase abarbeiten. So, jetzt muss ich diesen Beitrag aber schnellstens beenden, damit ich mich weiter meinen kreativen Foto-Spielereien widmen kann 🙂
Hoffnung ist (m)eine starke Macht
Wenn es Ihnen ähnlich wie mir geht, dann befinden Sie sich vielleicht auch in einer Art Starre angesichts all der Ereignisse und Entwicklungen in der Welt. Irgendwo zwischen Betroffenheit, Angst und Wut auf der einen Seite und Ohnmacht, Dichtmachen und Funktionierenmüssen auf der anderen schwanken wir zwischen Fühlen und Nichtfühlen.
Es fällt mir im Moment schwer, hier in meinem kleinen Blog weiter Texte zu schreiben, während draußen die Welt verrückt spielt. Zu gerne würde ich Großes und Bedeutungsvolles formulieren und zu gerne hätte ich Ideen und Lösungen für die Probleme unserer Welt.
Statt dessen kann ich oft nicht mehr tun, als achtsam bei mir zu bleiben,
- ob ich nun gerade nur noch heulen oder brüllen möchte,
- ob ich stur meine Aufgaben abarbeite, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt,
- ob ich Blumenbilder hochlade, deren Schönheit mich für einen Moment von allem ablenkt,
- ob ich mich in der hintersten Ecke auf meinem Sofa vor dem Leben zu verstecken versuche oder einfach losrenne, ganz egal was passiert,
- ob ich mir erlaube, endlich mal wieder laut und befreiend zu lachen und tatsächlich auch einen Anlass dafür finde
- und bei allem anderen, was auch ich gerade tue…
Selbstliebe entsteht durch Mitgefühl
„Selbstliebe entsteht durch Mitgefühl“ – diesen Satz habe ich gestern als Fotoinspiration für meine Facebook-Seite eingestellt.
Der Satz stammt aus meinem Kurs Mein achtsames Ich und er rührte so viel in mir an, dass ich ihn gerne mit vielen anderen teilen wollte. Für mich ist es einer der kostbarsten Sätze, die ich auf meiner Reise zu mir selbst finden durfte. Aber als er dann als Fotoinspiration dastand, fragte ich mich, ob er eigentlich so alleinstehend überhaupt zu verstehen ist …
Mich erreichen viele Mails, in denen ich gefragt werde, wie man sich selbst lieben und annehmen kann, und auch ich selbst stelle mir diese Frage immer und immer wieder neu. Ich wäre wohl längst Millionärin, wenn ich darauf eine einfache, praktische und für alle passende Antwort hätte, aber ich denke, wie so oft, gibt es die wohl nicht.
Manch einem scheint die Selbstliebe einfach geschenkt zu werden. Für die meisten aber ist die Fähigkeit, sich selbst liebevoll annehmen zu können, das Ergebnis einer langen Entwicklung. Dabei macht es auch nicht einfach „Klick“ und dann liebt man sich, sondern vielmehr sind die meisten von uns immer wieder neu gefordert, zu sich zu finden, zu sich ja zu sagen und ein tiefes Mitgefühl mit sich zu haben, um sich annehmen und lieben zu können.
Und da ist er, der Satz:

Mitgefühl, das verwenden wir in Bezug auf andere … – aber wie steht es mit uns selbst?
Haben Sie Mitgefühl mit sich?
- Was empfinden Sie für sich selbst, wenn Sie gestresst, müde und erschöpft sind?
- Sie sehen Sie sich, wenn Sie traurig sind oder verletzt wurden?
- Sind Sie bei sich, wenn Sie sich allein fühlen, verloren und verwirrt?
Gerade dann, wenn wir uns selbst am meisten bräuchten, sind wir oft mit einer unfassbaren Härte dabei, uns zu verurteilen und zu beschimpfen oder gar zu bestrafen, statt einfach einmal das, was in uns ist, wirklich zuzulassen– und mit uns zu fühlen und uns im übertragenen Sinne selbst in den Arm zu nehmen. Immer dann, wenn mir das möglich ist, wenn ich mich also in meinem Fühlen fühlen kann, bin ich mir wirklich nah.
Lassen Sie diesen Gedanken einmal wirken und spüren Sie nach, was er mit Ihnen macht. Mitgefühl mit sich selbst kann sehr, sehr viel ändern.
Wer ist „die Gesellschaft“?
Neulich schrieb ich über Mitgefühl und über Erkenntnisse darüber, dass die Gesellschaft, in der wir leben, unsere Fähigkeit zum Mitfühlen reduziert.
Nun schreibt sich das so leicht: „die Gesellschaft“.
Aber wer ist das denn, „die Gesellschaft“? Die Gesellschaft ist doch kein Ding oder eine Sache, die einfach so da ist und etwas mit uns macht. Sie fällt nicht vom Himmel und wird uns nicht vor die Nase gesetzt.
Die Gesellschaft, das sind doch WIR!
Jede Gesellschaft besteht aus einzelnen Individuen, also Menschen wie Du und ich. Wir alle zusammen formen eine Gesellschaft durch das, was wir tun, was wir unterlassen, was wir konsumieren, was wir glauben, was wir lesen, was wir kaufen, was wir fordern und was wir dulden. Eine Gesellschaft ist viel weniger etwas Festes, als ein eigentlich sehr lebendiges System, das sich verändern und das gestaltet werden kann. Aber zunehmend fühlt es sich für viele von uns so an, als wären wir „der Gesellschaft“ ausgeliefert und müssten akzeptieren, was sie mit uns macht.
Wann haben wir das Gefühl verloren, ein Teil der Gesellschaft zu sein? Oder wodurch? Und wie können wir wieder mehr zu einem aktiven Teil der Gesellschaft werden? Was brauchen wir dafür? Das sind Fragen, die ich mir immer öfter stelle, vor allem dann, wenn ich meine Ohnmacht spüre.
Wie geht es Ihnen damit?
Was Mitgefühl verhindert
Ich habe ein sehr interessantes Video gesehen, in dem Thupten Jinpa, langjähriger Übersetzer des Dalai Lama und Buchautor, über „Compassion“, also über unser menschliches Mitgefühl spricht. Wer Englisch versteht, klickt hier.
Thupten Jinpa beschreibt Mitgefühl als eine natürliche, menschliche Eigenschaft, die wir allerdings mehr und mehr verlieren. Warum? Weil wir in einer Gesellschaft leben, in der es immer mehr um Wettbewerb, Konkurrenz und ums Vergleichen geht. Unbewusst fürchten wir, dass uns ein weiches Herz schwächt und wir dann nicht mehr so erfolgreich sein können, ähnlich wie wir vielleicht fürchten, dass wenn wir unser Kind zu sehr verwöhnen, es in der rauen Welt schwerer zurecht kommen wird. Im Umkehrschluss reagieren wir oft misstrauisch, wenn andere Menschen uns gegenüber nett und mitfühlend sind und können das oft gar nicht annehmen.
Mich hat dieses Video sehr nachdenklich gemacht.
Schon seit längerem achte ich sehr bewusst darauf, was passiert, wenn ich mich mit anderen vergleiche, weil mir genau das noch nie gut getan hat. Ich habe dabei für mich herausgefunden, dass wenn ich mich mit jemanden vergleiche, ich mich automatisch gegen den anderen abgrenze, unabhängig davon, ob ich mich nun als „besser“ oder schlechter“ einschätze. In dieser Abgrenzung kann ich viel weniger offen dafür sein, mich von dem anderen und seinem Sein berühren oder begeistern zu lassen, sondern ich bin vor allem auf Fragen danach konzentriert, ob ich okay bin, ob ich reiche, gut genug bin, mithalten kann usw.
Sich mit anderen zu vergleichen schafft aus meiner Sicht vor allem eines: Distanz.
Ein Grund mehr, es nicht zu tun, sondern Unterschiede einfach nur achtsam wahrzunehmen und zu leben – ohne zu werten, also ohne einordnen zu wollen, was besser oder schlechter ist, was richtig und was falsch. Jeder von uns IST einfach.
Eine Geschichte über Wertschätzung
Vielleicht kennen einige von Ihnen die folgende Geschichte schon, für mich war sie neu: An einem kalten Morgen im Januar 2007 steht ein Straßenmusiker in einem zugigen U-Bahnhof in Washington. Er spielt auf einer Violine sechs Stücke mit einer Gesamtdauer von rund 45 min. Es gehen über 1000 Menschen, an dem Musiker vorbei. Nicht einmal zehn von ihnen bleiben für einen Moment stehen, um zuzuhören. Rund 20 geben etwas, aber ohne ihr Lauftempo zu mindern. Am Ende befinden sich knapp über 32,– $ in dem Hut des Violinisten.
Der Mann, der dort spielte, war Joshua Bell, einer der größten Musiker unserer Zeit. Die Violine, auf der er spielte, war eine 3,5 Miollionen-Dollar-Stradivari. Die ausgesprochen schwer zu spielenden Melodien waren von den berühmtesten Komponisten geschrieben. Zwei Tage zuvor hatte er ein ausverkauftes Konzert mit denselben Stücken gegeben, der Durchschnittspreis für eine Karte betrug 100,– $ …
Diese wahre Geschichte (nachzulesen z.B. in dem pulitzerpreisgekrönten Artikel in der Washington Post oder in diesem Artikel auf Deutsch) hat mich sehr berührt. Spontan fragte ich mich: Wie abgestumpft sind wir doch oft in unserem Alltag, dass wir uns nicht die Zeit nehmen, etwas Wundervolles auch nur wahrzunehmen? Wie oft erkennen wir gar nicht die Geschenke, die uns gereicht werden? Und stellt tatsächlich erst ein (hohes) Preisschild sicher, dass wir etwas überhaupt wertschätzen können?
Nach dem Lesen dieser Geschichte wurde mir wieder sehr bewusst, was Leben für mich ausmacht:
- immer bereit zum Staunen zu sein,
- mich begeistern zu können,
- Magie zu erkennen,
- Wunder zu entdecken,
- Zeit zu haben für Unvorhergesehenes und
- die Freiheit, inne zu halten, wenn etwas meine Aufmerksamkeit fesselt und nicht einfach weiterzurennen in meinem Stress …
Vieles davon sind natürliche Teile meines Seins, aber manches verliere ich, wenn ich zu sehr in den Anforderungen meines Alltags eingebunden bin. Wenn ich mich selbst trieze, weil ich funktionieren muss, und wenn ich mit Scheuklappen durch die Gegend hetze, weil ich glaube, nur so alles schaffen zu können. Und vor allem immer dann, wenn ich den Kontakt zu mir selbst verliere.
Bei dem oben beschriebenen Experiment waren es vor allem die Kinder, die eigentlich stehen bleiben und dem Mann zuhören wollten. Doch sie wurden weitergezogen, keine Zeit, keine Zeit. Auch in mir sind es vor allem die kindlichen Teile, die sich verzaubern lassen von dem schillernden Käfer oder dem kleinen vergolden Türknauf oder dem liebevoll eingerichteten Café oder von der Jonglierkunst des Straßenakrobaten. Und ich weiß genau, wie es sich anfühlt, wenn mein Antreiber-Ich das Kind und all die anderen Teile in mir, die sich die Zeit nehmen für die Vielfalt unserer bunten, schönen Welt, weiterzerrt oder voranschubst … Genau so möchte ich nicht leben.
Achtsam zu sein, heißt wertschätzen zu können, was uns das Leben bietet – jeden Tag neu.
Abgelehnt
Ich hatte vor einer ganzen Zeit mal eine Postkarte aus einer Kunstbuchhandlung mitgenommen, an die ich gerade in diesen Tagen wieder viel denken muss. Es ist nicht viel zu sehen auf dieser Karte: ungefähr mittig befindet sich ein runder Stempelabdruck, der sagt: ABGELEHNT.
Wie bezeichnend, dass ich diese Postkarte sofort auf mich bezog, denn diese Karte zeigte meine wohl tiefste Urangst auf eine so lapidare Weise, dass ich hätte schreien können vor Schmerz. Und ich glaube, sie zeigt ein Lebensdrama, das sicher viele kennen und immer wieder erleben.
Abgelehnt zu werden von anderen Menschen ist – zumindest für mich – etwas zutiefst Schmerzhaftes. Früher erschien es mir sogar fast lebensbedrohlich, denn, so empfand ich es, nur Zuneigung sicherte mir meine Daseinsberechtigung.
Klar weiß mein Kopf, dass mich nicht jeder mögen kann, aber mein Herz möchte genau das: gemocht und geliebt werden. Erst in den letzten Jahren habe ich erkannt, wie viel Kraft mein Herz ins Hoffen investieren kann, anderen Menschen zu zeigen, dass ich es wert bin, gemocht und geliebt zu werden. Ich habe so viel (zu viel?!) getan dafür, den Abgelehnt-Stempel zu vermeiden und dennoch hat er mich viele Male getroffen.
Interessanterweise wusste ich immer instinktiv, welche Menschen mich nicht annehmen konnten, und genau diese Menschen wollte ich vom Gegenteil überzeugen. Immer in dem Glauben, wenn ich mich doch nur richtig zeige und wenn sie nur all das sehen in mir, was ich sehen und spüren kann, dann werden sie mich lieben können.
Hat leider nicht funktioniert. Nicht bei einem einzigen von diesen Menschen. Heute erkenne ich langsam, dass ihre Ablehnung mindestens so viel mit ihnen selbst zu tun hat wie mit mir, während ich früher dachte, das läge ausschließlich an mir und meiner Persönlichkeit. Auch heute fürchte ich den Stempel noch immer, aber ich kann ihn besser aushalten, weil ich gewachsene Selbstannahme dagegensetzen kann. Und vielleicht ermöglicht mir genau diese Selbstannahme etwas ganz Wichtiges zu begreifen: nämlich dass dieser Stempel eigentlich auch noch etwas anderes besagt:
BEFREIT!
Mit Helm und Fliegerbrille
Neulich schrieb ich über’s Fliegen und Fallen und darüber, wie wichtig es für mich ist, beides zuzulassen.
An manchen Tagen kann ich das auch prima – dann stehe ich hoch oben auf einer Klippe und rufe laut und mutig dem Wind zu: „Komm doch und hol mich!“ An anderen Tagen wünsche ich mir dagegen einen Helm und eine Fliegerbrille und will ohne Airbag nicht mal vor die Tür gehen …
An manchen Tagen ist die Welt da draußen bunt und verlockend, an anderen scheint sie dunkel und bedrohlich und wieder an anderen ist alles in Nebel getaucht und ich weiß nicht einmal, wohin ich mit meinem Fuß treten soll für den nächsten Schritt …
An manchen Tagen ist der Mut mein Begleiter und ich habe das Gefühl alles schaffen zu können, an anderen regiert die Angst und ich möchte mir ein Schild umhängen mit der Aufschrift: „Nicht da“.
Früher habe ich versucht, diese Schwankungen zu glätten, indem ich alles Mögliche zu kontrollieren und sämtliche Eventualitäten zu vermeiden versuchte. Inzwischen weiß ich, dass das nicht geht und dass es auch nicht gut wäre.
Es ist genau richtig, wie es ist, mit all den Holpern und den Stufen, den Hoch-Zeiten und den dunklen Löchern, mit all dem Licht und auch mit dem Schwarz, mit all dem Vorwärts, Rückwärts und Seitwärts und auch dem Stillstand.
Ich möchte heute nicht mehr wissen, was morgen kommt, und schon gar nicht möchte ich die nächsten zehn Jahre vorausplanen. Ich möchte springen, jeden Tag neu – manchmal mit Fallschirm und Rückhol-Leine und manchmal einfach so, auf meine eigenen Flügel vertrauend.