Hier finden Sie Reflexionen, Inspirationen und Anregungen rund um das Thema Achtsamkeit.
Stolz auf mich?!
Es ist gerade ein herrlich lauer Sommerabend. Die Vögel singen noch, ansonsten ist es ruhig geworden – im Außen, aber auch im Innen.
Hinter mir liegen bewegte Monate, die mich viel gekostet haben. Viel gekostet, aber ich habe durch sie auch viel gelernt. Scheinbar Unmögliches ist möglich geworden. Ich habe Grenzen überwunden und bin über mich hinausgewachsen. Ich bin größer geworden und ich habe meine Stärke spüren können und meine Kraft.
Wie gut es tut, das wahrnehmen zu können!
Normalerweise liegt mein Blick immer auf dem, was ich noch nicht erledigt habe, was ich noch nicht geschafft habe und was noch zu tun ist – … die ewige Antreiberin. Und so renne ich mir selbst ständig hinterher (oder vor mir weg…), ohne Chance, je anzukommen.
Jetzt aber, hier und in diesem Moment kann ich auf das schauen, was ich erreicht habe und es erfüllt mich mit Stolz. Wie schön, wirklich auch mal stolz auf sich sein zu können! Für mich ist das ein vollkommen ungewohntes Gefühl und ich erkenne darin eine Kraftquelle, die mir bisher verschlossen war. Und ob Eigenlob nun stinkt oder nicht, ist mir im Moment vollkommen egal – ich futtere mich jetzt einfach satt daran!
Vielleicht habe ich mir diese Quelle nun zugänglich machen können? Das wäre eine Facette mehr, die mich mich selbst spüren lässt – mir erlauben, auch mal stolz auf mich zu sein. Können Sie es?
Gefühle überwinden?
Wenn ich mich umschaue, was alles so zum Thema „Achtsamkeit“ angeboten wird, stoße ich häufig auf den Ansatz, Gefühle überwinden zu wollen (z.B. durch Übungen, durch Meditation, durch Affirmationen). Da geht es dann darum, sich durch Achtsamkeit von seinen Gefühlen zu lösen, um „frei“ zu werden (also nicht mehr von ihnen kontrolliert zu werden). Für mich ist das ein widersinniger Gedanke!
Achtsamkeit ist für mich das Wahrnehmen von dem was IST. Achtsamkeit wertet nicht. In einer achtsamen Welt, wie ich sie verstehe und leben möchte, gibt es keine „schlechten“ Gefühle, sondern es gibt nur ganz verschiedene Farben. Und jede Farbe hat ihre Berechtigung, denn alle Farben zusammen machen das Leben bunt.
Ich will eines auf gar keinen Fall mehr: meine Gefühle überwinden, um dann gleichsam irgendwann über ihnen zu stehen. Damit spalte ich mich von mir selbst ab und von dem, was mich in meinem Sein ausmacht. Ich habe mal geglaubt, dass das gut sein würde, weil ich dann dachte, mehr kontrollieren und besser funktionieren zu können. Aber damit habe ich mich von mir selbst entfernt und das verloren, worauf es für mich ankommt: nämlich in jeder Faser lebendig zu sein.
Es hingegen immer wieder neu zu wagen, die ganze Vielfalt wahrzunehmen und ja zu sagen zu allem, was ist – das ist für mich Freiheit. Keine Angst zu haben vor Gefühlen, sondern mich an ihrer Vielfalt zu erfreuen, das macht für mich Leben aus. Ich brauche meine Gefühle nicht zu fürchten, kein einziges, denn meine Gefühle, das bin ich.
Was für ein Ding denn?
„Mach dein Ding“ ist eine der wichtigsten Leitlinien der aktiven Lebensgestaltung und Persönlichkeitsentwicklung. Klingt ja auch toll: herausfinden, was man will und das dann tun – dann wird man zwangsläufig glücklich und zufrieden sein, nicht wahr?
…nur: Was ist das eigentlich, dieses „Ding“?
Ein Problem besteht allein darin, dass es alles andere als leicht ist, das eigene Ding herauszufinden. Einmal ganz grundsätzlich, aber dann auch im Laufe der verschiedenen Lebensphasen. Dass wir manchmal auch ganz verschiedene „Dinge“ wollen und brauchen, die sich unter Umständen auch noch widersprechen, macht die Sache nicht wirklich leichter.
Nun scheinen andere oft besser zu wissen, was unser Ding ist als wir selbst, kennen Sie das auch? Familienmitglieder, Freunde, Bekannte, Mentoren, Vorgesetzte, Kollegen, Coaches, Bücher, Tests… – Auch ich habe oft geglaubt, das ich auf andere hören sollte, wenn es darum geht, was ich will. Oder zumindest habe ich angenommen, dass es gut ist, das zu wollen, was andere denken, dass ich es will. Später habe ich dann oft genug festgestellt, dass das, was andere mir zuordneten, viel mehr mit ihnen als mit mir selbst zu tun hatte, sei es, dass sie mich nicht wirklich kannten, sei es, dass sie mich reduzieren wollten, weil das einfacher für sie war, sei es, dass sie eigentlich an ihr eigenes Ding dachten oder was auch immer… Und anders herum, war ich Meisterin darin, mein „Wollen“ auf die Erwartungen anderer abzustimmen, so dass ich praktischerweise oft genau das wollte, was anderen gefiel. Das ging soweit, dass selbst komplexe Persönlichkeitstests mir mein Wollen so passgenau auf die Erwartungen anderer zuschnitten, dass ich selbst erst viel später erkannte, wie wenig vieles davon wirklich „meins“ war. (Erfreulicherweise hat mich all das nie davon abgehalten auch ganz viele andere Sachen zu machen, denn eines wusste ich schon immer: nur ein Ding ist nicht mein Ding!)
Wenn Sie mich heute fragen, was „mein Ding“ ist, so kann ich es Ihnen immer noch nicht genau sagen. Bücher Schreiben ist mein Ding, bloggen und Schreibkurse geben. Das Fotografieren mit dem iPhone und das Bearbeiten der Bilder damit ist mein Ding, das Fotografieren mit meiner Nikon ohne jede Bearbeitung auch. Das Malen mit Acryl auf Leinwand ist mein Ding, das Zeichnen und das Malen mit Kreiden oder Finelinern auch. Pferde sind mein Ding, Tiere, Pflanzen und Natur. Sachen selbst zu machen, Handarbeiten und Kreatives ist mein Ding. Reisen, fremde Länder und die ganze Welt entdecken ist mein Ding. Träumen, fühlen und einfach nur sein ist mein Ding. Staunen, mich begeistern und lieben ist mein Ding. Mich bewegen, tanzen und Musik ist mein Ding. Allein sein und zusammen mit Gleichgesinnten sein ist mein Ding … Ich könnte diese Liste noch endlos weiterführen, denn: Vielfalt ist mein Ding!
Es mag Menschen geben, die ihr Ding auf weniger reduzieren können und ja, sicher gibt es auch welche, die wirklich im Wesentlichen EIN Ding haben und glücklich damit sind, das zu tun. Mein Eindruck ist aber, dass die meisten Menschen nicht auf eine Sache zu reduzieren sind. Die Maxime, irgendwann endlich das eigene Ding zu finden, führt häufig zu einem großen (Leidens)Druck, denn die gefühlte Unfähigkeit sich entscheiden zu können (die oft nur ein gesunder Unwille ist, sich selbst zu beschneiden), gibt einem das Gefühl, falsch zu sein. In der Folge fragt man noch mehr Leute nach ihrer Einschätzung, kauft man noch mehr Bücher, bucht noch mehr Coachings, macht noch mehr Seminare, denn irgendwie muss man es doch endlich mal schaffen, das eigene Ding zu finden. Aus meiner Erfahrung aber bewegt man sich genau dadurch oft immer weiter weg von diesem Ziel, weil man sich selbst immer ferner wird. Man sucht sein Ding im Außen, obwohl es nur im Innen zu finden ist.
Mir ist klar geworden: „Unser Ding“ ist eben gerade kein Ding, sondern unser Ding ist immer eine hochkomplexe Mischung aus Liebe und Lust, Begeisterung und Leidenschaft, aus Interessen und Sinn, aus Vermögen und persönlichen Grenzen. Es wird beeinflusst durch unsere Geschichte und Prägung, durch das, was wir erfahren und erleben, durch unser Scheitern und Wachsen, genauso wie es von unserem Sein beeinflusst wird, also von unserer Persönlichkeit, unseren Ängsten und Hoffnungen, von unseren Bedürfnissen und von dem, was uns ausmacht. Unser „Ding“ ist vielleicht das, was unsere Seele erfahren möchte.
Der Wunsch, das eigene Ding auf eine oder wenige Sachen zu begrenzen, ist natürlich verständlich, denn dann lassen sich daraus die schicken Ziele formulieren, aus denen wir dann übersichtliche Schritt-für-Schritt-Maßnahmenpläne und praktische To-do-Listen machen können. Und die geben uns das gute Gefühl (oder sollte ich es besser Illusion nennen?), wir seien ganz sicher auf dem direkten Weg ins Glück, denn schließlich wissen wir ja ganz genau, was wir dafür brauchen. Für mich aber geht das inzwischen vor allem an einem vorbei: am Leben.
Für mich ist das Leben keine Leiter, die man hinaufklettern kann und oben angekommen bekommt man dann den erhofften Preis überreicht. Das Leben ist keine Abhak-Liste. Das Leben ist lebendig. Es ist quirlig und unruhig. Es fordert und es schubst uns, es lockt und verführt uns, es verzaubert und verwirrt uns, es lässt uns lernen und wachsen, es stellt uns vor Tatsachen und es öffnet Türen. Es hat seinen eigenen Willen und vor allem hält es für jeden von uns ungeahnte Schätze und Möglichkeiten bereit. Die werden wir aber nur dann entdecken, wenn wir uns nicht darauf versteifen, „ein Ding“ zu finden, sondern wenn wir uns öffnen für die Fülle, die uns das Leben bietet.
Kurz und gut: Mein Ding ist inzwischen, kein Ding zu haben – mein Ding ist zu leben.
Häutungen
Manche Tiere müssen sich häuten, um wachsen zu können – und ich mache gerade die Erfahrung, dass es uns Menschen genauso gehen kann.
Meine Seelenhaut ist zu eng geworden, viel zu eng. Ich kann mich nicht frei bewegen und manchmal fällt mir sogar das Atmen schwer.
Also muss sie weg, die alte Pelle. Aber das ist kein angenehmer Prozess. An manchen Stellen platzt sie von allein auf. Andere Stellen sitzen hartnäckig fest. Ich reibe mich an rauen Flächen, wieder und wieder und Stück für Stück löst sich das, was so kratzt und juckt und was mich so begrenzt. Aber es braucht Zeit, Geduld und viel Kraft.
Eine Häutung ist wie eine kleine Neugeburt. Ist die alte Pelle abgestoßen, fühlt man sich größer, reifer und irgendwie anders. Befreit.
Bis zur nächsten Häutung…
(Das Foto ist übrigens ein Makro einer abgestriffenen Leguan-Haut.)
Buchtipp: Sind Sie hochsensibel? – Das Arbeitsbuch
Rezension: „Sind Sie hochsensibel? – Das Arbeitsbuch: Ein praktisches Handbuch für hochsensible Menschen“ von Elaine N. Aron
München: mvg-Verlag, 2015. – 2. Aufl. – ISBN: 386882507X. – 17,99 EUR
Elaine N. Aron ist DER Name, wenn es um Hochsensibilität geht. Die amerikanische Hochschulprofessorin und Psychotherapeutin begann 1991 mit ihren Forschungen, nachdem sie für sich erkannte, „anders“, eben hochsensibel zu sein. Ihr Buch Sind Sie hochsensibel? gilt inzwischen als Standardwerk zum Thema Hochsensibilität. Das Buch, das ich Ihnen hier vorstelle, ist aber nicht das eben genannte Grundlagenwerk, sondern das Arbeitsbuch dazu.
Über 350 Seiten, fast DinA4-Format, unzählige Übungen und Fragen, Text, Listen, viele freie Zeilen zum Reinschreiben – ich gebe zu, ich bin um die Besprechung dieses Buches herumgeschlichen. Während Wenn die Haut zu dünn ist mir zu keinem Moment Angst machte, tat es dieses Buch durchaus. Denn eines war mir klar: hier geht es zur Sache.
Ein kleiner Blick ins Inhaltsverzeichnis zeigt, wie breit die Anregungen und Übungen angelegt sind:
- Lernen Sie Ihre Sensibilität kennen
- Ergründen Sie genauer, wer Sie sind
- Pflegen Sie Ihr sensibles Selbst
- Ihre Kindheit und Ihre Sensibilität
- HSP in der Gesellschaft
- Berufung: Arbeit und Sensibilität
- Beziehungsarbeit
- An den tieferen Wunden arbeiten
- Der bewusste Umgang mit Ärzten und Medikamenten
- Spirituelle Arbeit
- u.a.
Dieses Arbeitsbuch kann man nicht „nebenbei“ lesen (zumindest nicht als hochsensible Person). Es ist also weniger geeignet, wenn Sie sich erst vorsichtig an das Thema herantasten möchten. Dieses Buch will mit Ihnen arbeiten. Dieses Buch fordert und dieses Buch geht tief. Nein, ich habe es bisher noch nicht komplett durchgearbeitet, denn dafür braucht es viel Zeit, Kraft und auch Mut. Aber dieses Buch begleitet mich. Immer wieder lese ich darin, immer wieder nehme ich mir eine Übung oder einige Fragen vor. Und immer klarer wird mir, wie umfassend das Thema Hochsensibilität mein Sein durchzieht und in meinem leben wirkt.
Fazit: Wenn Sie für sich an dem Punkt angekommen sind, sich als hochsensibel zu erkennen und wenn Sie spüren, dass es ansteht, sich mit dieser Tatsache intensiver auseinanderzusetzen, kann dieses Buch zu einem wertvollen Coach werden.
Portofrei bestellbar bei buecher.de

Vom Verblassen und vom Strahlen
Ich spüre im Moment sehr intensiv in die Beziehungen zu anderen Menschen hinein. Mir ist erst seit kurzem bewusst, wie stark mich die Anwesenheit anderer in meinem eigenen Fühlen und Sein beeinflusst und ich versuche zu verstehen, was da genau geschieht. Und so stelle ich gerade fest, dass ich in der Gegenwart mancher Menschen verblasse, während ich bei anderen strahlen kann.
Im Zusammensein mit manchen Menschen ziehe ich mich zurück wie eine Schnecke in ihr Haus, manchmal flüchte ich auch weit, weit weg und bin einfach nicht mehr da. Bei ihnen fehlt mir der Raum, die Luft, der Platz zum Sein. Es ist das Gefühl, mit meinem Sein bei diesen Menschen nicht passend zu sein, nicht richtig, und das lässt mich blass werden oder sogar schrumpfen. Bei anderen hingegen, kann ich durchatmen und mich aufrichten. Bei ihnen habe ich die Chance, mich wahrzunehmen und zu sein, so wie ich bin. Und dann gibt es auch Menschen, bei denen ich mich geliebt fühle, um meiner selbst willen geliebt. Bei diesen Menschen spüre ich, dass sie mein Sein erleben wollen und im Zusammensein mit ihnen kann ich wachsen und strahlen.
Früher habe ich nicht verstanden, dass es mich das Zusammentreffen mit anderen Menschen so stark beeinflusst, sondern ich habe es einmal mehr auf „meine Stimmungen“ geschoben, darauf, dass ich halt mal wieder „komisch“ bin. Aber heute wird mir bewusst, dass mich das Zusammenkommen mit Menschen so beeinflusst, wie andere Leute das Wetter beeinflusst. Ob es heiß ist oder kalt, ob es mild ist oder frisch, ob es regnet oder die Sonne scheint, ob es stürmt oder schneit… – all das macht etwas mit uns und wir reagieren darauf. Bei schlechtem Wetter ziehen wir uns vielleicht in ein warmes Zimmer zurück oder mummeln uns dick ein, bei schönem Wetter fühlen wir uns frei und unbeschwert. Und ganz ähnlich, so scheint es mir, kann auch die Anwesenheit anderer Menschen wirken.
Das für mich so zu erkennen, lässt mich viel weniger ausgeliefert sein, sondern schenkt mir Optionen, etwas für mich zu tun und für mich zu sorgen. Meine automatische Reaktion war die, mich auszurichten und ein Gefühl dafür zu bekommen, wie andere mich haben wollen, was das Gefühl „falsch“ zu sein nur verstärkte… Wenn ich aber die Gegenwart anderer etwas mehr wie das Wetter sehe, dann muss ich nicht mehr glauben, dass ich falsch bin und muss mich nicht zwingend verändern, sondern dann könnte ich mir im übertragenen Sinne z.B. einen Regenschirm mitnehmen oder einen Schal umbinden oder ein bestimmtes Klima meiden. Ich bekomme so überhaupt erstmal eine Ahnung davon, was mir gut tut und was eben auch nicht. Damit bleibe ich bei mir und das ist gut.
Achtsamkeit heißt wahrnehmen
Ich komme immer mehr dahin, dass für mich Achtsamkeit vor allem Wahrnehmen bedeutet.
Wahrnehmen, was ist – in mir und um mich herum. Ganz offen und neugierig und ohne zu werten, ohne zu verändern. Einfach nur registrieren und staunen und mich immer weiter öffnen.
Wahrnehmen, WAS ich und WIE ich wahrnehme.
All die verschiedenen Facetten wahrnehmen, das Funkeln und das Britzeln, die leisen und ganz leisen Töne, die Schattierungen aller möglichen Grautöne und die endlose Vielfalt aller Farben.
Wahrnehmen, dass ich Gefühle sehen kann und auch hören und dass ich in ihnen tauchen kann, wie in einem Ozean. Dass sie lebendig sind und mehrschichtig und ganz viele Dimensionen haben, durch die ich schwimmen kann, wenn ich mich traue.
Wahrnehmen, dass die Energie der Menschen um mich herum in Formen und Farben vibriert und sich während eines Gesprächs oder manchmal auch von Augenblick zu Augenblick vollkommen verändern kann.
Wahrnehmen, dass vergehende Zeit ein Geräusch macht und dass genau dieses Geräusch das wehe Ziehen in meiner Seele auslöst, weil es von der Vergänglichkeit singt und gleichzeitig von der Ewigkeit.
Den Reichtum wahrnehmen, in dem ich lebe, wenn ich mich wahrnehmen lasse. Und zutiefst dankbar sein für all das, was ich wahrnehmen kann.
Was verliere ich wirklich?
Ich bin weiter dran am Thema „Loslassen“, denn ich muss loslassen, um freier zu werden, um endlich ICH zu sein – Dinge, Ziele, Menschen.
Dinge loszulassen, kann sehr befreiend sein, denn Besitz beschwert. Besitz verpflichtet. Besitz blockiert. Das erlebe ich gerade im Moment sehr praktisch. Natürlich ist es toll, viele schöne Dinge zu haben. Dinge sind aber auch Gewichte. Es kostet Kraft, Zeit und nicht selten auch Geld sie zu nutzen oder auch nur zu erhalten.
Ich spüre, dass ich in Zukunft mit leichterem Gepäck unterwegs sein möchte und ich sehne mich danach, Ballast abzuwerfen. Hier kann Loslassen der Gewinn von mehr Leichtigkeit bedeuten.
Ziele…, mit den Zielen ist das so eine Sache. Ziele zu haben, war für mich immer sehr wichtig, ich konnte mir ein Leben ohne Ziele gar nicht vorstellen. Aber muss ich deshalb an ihnen festhalten? Denn was ist z.B., wenn die Ziele gar nicht meine sind, sondern vielleicht geboren wurden mit dem Blick auf andere, auf Vorgaben, auf das, was man „tun sollte“ oder sie beruhen auf Angst und Sicherheitsdenken? Was, wenn meine Ziele mich weg von mir treiben? Wenn sie verhindern, dass ich ICH bin? Dann heißt, sie loszulassen, um frei zu werden. Auch hier gewinne ich statt zu verlieren, selbst dann, wenn mir die Ziele einmal viel bedeuteten.
Und Menschen … sie möchte ich loslassen können, wenn ich merke, dass sie mir nicht gut tun. Ich habe mir vielleicht etwas erhofft, habe viel dafür getan, es zu erreichen, habe es vielleicht sogar zu erzwingen versucht, aber habe es nicht bekommen (entweder weil meine Erwartungen zu hoch waren oder weil es der jeweiligen Person nicht möglich ist, zu geben, wonach ich mich sehne oder was auch immer die Gründe sind). Wenn ich nun loslasse (meine Erwartungen, aber eben auch die Menschen) – verliere ich dann oder gewinne ich nicht vielmehr? Fällt nicht auch dann eine Last von mir? Ich muss nichts mehr tun, ich muss nicht mehr hoffen, muss mich nicht mehr ausrichten. Ich kann SEIN lassen – den anderen und vor allem mich selbst.
In diesen Tagen bekomme ich immer mehr das Gefühl, dass Loslassen tatsächlich keineswegs immer verlieren heißt. Denn oft lasse ich nur meine Erwartungen, Hoffnungen und Wünsche los, die sich eh nicht erfüllt haben, egal, wie viel ich dafür tat. Und ich lasse auch Überzeugungen und Glaubenssätze los, die mich vorher zum Festhalten trieben. Ich schaffe damit Frei-Raum in mir und um mich herum. Ich verliere also nicht, ich befreie mich – und bei diesem Gedanken seufzt mein ängstliches Herz so erleichtert auf, dass es mich zu Tränen rührt.
Loslassen, um nicht zu verlieren
Immer wieder beschäftigt mich das Thema „Loslassen“. Ich ahne, dass es wahrscheinlich das Thema ist, das ich in meinem Leben bisher am gründlichsten missverstanden habe.
Für den Großteil meines Lebens war mein wichtigstes Ziel nur nichts zu verlieren – nichts und niemanden.
Verluste waren schmerzhaft und ich wollte nichts mehr vermeiden, als genau diesen Schmerz. Dafür habe ich die verschiedensten Strategien eingesetzt, von Kontrollwahn bis zur Selbstaufgabe.
Heute erkenne ich: nichts davon hat etwas gebracht. Ich habe trotzdem verloren und ich habe trotzdem behalten dürfen – es lag nie in meiner Macht, das zu beeinflussen. Eines aber war ein unmittelbares Ergebnis aus meinen Bemühungen: nämlich dass ich mich selbst verloren habe.
Dass das vielleicht der schlimmste Verlust von allen ist, begreife ich erst jetzt. Genauso wie ich nun auch begreife, dass ich aktiv loslassen muss, um ich sein zu können – nämlich all das, was mich davon abhält.
Loslassen und verlieren – früher war das für mich ein- und dasselbe. Heute erkenne ich, dass das nicht stimmt, sondern dass loslassen oft nötig ist, um eben nicht zu verlieren und unerlässlich dafür, Verluste aushalten zu können
Buchtipp: Wenn die Haut zu dünn ist
Rezension: „Wenn die Haut zu dünn ist: Hochsensibilität – vom Manko zum Plus“ von Rolf Sellin
München: Kösel (Random House), 2014. – 10. Aufl. – ISBN: 3466308844. – 16,99 EUR
Da ist es wieder, das Wort Hochsensibilität – im Untertitel steht klar, worum es in diesem Buch geht. Wobei für mich der eigentliche Titel schon alles sagt: eine zu dünne Haut, ja, das kenne ich nur allzu gut. Wie oft habe ich mir schon einen fetten Panzer oder wenigstens ein dickes Fell gewünscht, aber ich gehöre zu den äußerst Zartbesaiteten in dieser Welt. Und damit bin ich nicht allein, wie mir dieses Buch auf eine ebenso tröstliche wie hilfreiche Weise zeigt.
Der Autor Rolf Sellin ist selbst hochsensibel und in jeder Zeile wird deutlich, dass er genau weiß, wovon er schreibt. Ich habe schon viele Ratgeber gelesen, aber selten einen, in dem ich mich so erkannt und so verstanden gefühlt habe. Und das weniger in den manchmal etwas plakativen Beispielen, als vielmehr in den vielen auf den Punkt treffenden Sätzen des Autoren. Hin und wieder musste ich wirklich schlucken, weil mich das Gesehen-werden von jemanden, der mich gar nicht kennt, so nahe ging. Ich hätte immer wieder ganze Passagen dick unterstreichen können, um sie all denen zum Lesen zu geben, die mich manchmal so wenig zu verstehen scheinen, vor allem aber um mich selbst in meinen Sein zu erkennen! Diese Selbsterkenntnis wühlt beim Lesen sehr viel auf, so dass ich dieses Buch in eher kleinen Portionen gelesen habe.
„Wenn die Haut zu dünn ist“ geht auf viele Facetten der Hochsensibilität ein:
- Darauf, wie sie sich äußert,
- wie sie in der Kindheit erlebt wird,
- zu welchen Problemen sie im Alltag führt,
- was sie uns schenkt
- und auch, wie wir uns selbst mit dieser Fähigkeit annehmen und sie mehr und mehr leben können.
Von mir gibt es für dieses Buch eine klare Leseempfehlung für alle, die das Gefühl haben, ein bisschen empfindsamer als die meisten anderen zu sein und die sich mit dieser Besonderheit kennen und annehmen lernen wollen.
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