Woche 23: Im Ring mit dem inneren Buchhalter

Gepostet von am Jun 12, 2018 | 2 Kommentare

Woche 23: Im Ring mit dem inneren Buchhalter

Woche 23 meines Schreibjahrprojekts war ziemlich ätzend. Oder vielmehr war jemand in mir ziemlich ätzend. Und zwar zu mir. Wer jetzt verwirrt ist, sei getröstet, es IST manchmal verwirrend, was in uns so vorgeht.

Hier ein Versuch der Erklärung: Die Idee vom inneren Kind kennen ja schon viele und wenn man diesem Konzept folgt, dann kann man es auch weiterführen und andere Teile in sich suchen und finden. Tja, und ich habe unter anderem das, was ich „meinen inneren Buchhalter“ nenne. 

Dieser innere Buchhalter in mir ist kein nettes Wesen. Im Gegenteil, er ist sogar ein ziemlich fieses Ding. Er ist durch und durch destruktiv und ihn schert kein bisschen, wie es mir geht, was mich glücklich macht oder was mir gut tut. Alles, was ihn interessiert sind Zahlen auf dem Konto und die müssen seiner Ansicht nach stetig steigen. Ein gleich bleibender Kontostand ist gerade noch zu akzeptieren, ein fallender hingegen ist eine Katastrophe und wird mit massiver Selbstzermürbung bestraft. Dabei geht es ihm aber nicht darum, Lösungen zu finden, sondern er will einfach nur meckern und lähmen. Neue Ideen und Wege lehnt er grundsätzlich ab und „Übergangszeit“, „Geduld“ oder gar „Vertrauen“ sind vollkommene Fremdwörter für ihn. Und mit diesem Kerl stehe ich gerade im Ring. 

Das Schlimme an meinem inneren Buchhalter ist, dass er viel Macht hat. Viel mehr Macht, als ich es will. Er arbeitet ganz eng mit der Angst zusammen und im Team sind die beiden so stark, dass ich immer und immer wieder in die Knie gehe. Und so geht es zur Zeit tatsächlich für mich um die Frage, ob ich dieses Projekt doch wieder im Sand verlaufen lasse und zusehe, dass ich mit dem, was ich bisher gemacht habe, das tue, was der Buchhalter will: Geld verdienen.

Ich habe in dieser Woche das Buch Das Leben ist zu kurz für später für eine Rezension gelesen, in dem es um das Gedankenexperiment geht, was man tun würde, wenn man nur noch ein Jahr zu leben hätte. Und darin gibt es auch ein Kapitel über Geld. Das war ein Kapitel, bei dem mir Tränen kamen, denn da fühlte ich mich sehr ertappt. Die Autorin beschreibt, was sie alles mit Geld tun würde, wenn sie nur noch ein Jahr zu leben hätte und ich rang mit dem eisernen Griff meines Buchhalters und wollte nur sagen: Lies doch auch mal, was da steht…

Leider ist dem Kerl aber nicht so leicht beizukommen, denn zumindest meiner lässt sich nicht durch Gefühle oder solchen Kram beeindrucken. Ich kann ihn auch offenbar nicht einfach kündigen (habe ich das eigentlich wirklich schon ernsthaft probiert?), er scheint als quasi eingebaut. Das Einzige, was man aus meiner Sicht und Erfahrung tun kann, ist ihm etwas entgegenzusetzen. Aber was? Oder sollte ich besser fragen, wen? 

Die Schreiberin in mir könnte es, das weiß ich, aber sie ist gerade mal wieder untergetaucht. Sie mag die Stimmung nicht und sie mag mich nicht, wenn ich mit dem inneren Buchalter kämpfe. Das nehme ich wiederum ihr übel, denn wo ist sie, wenn ich sie brauche? Wo treibt sie sich rum und warum schreibt sie, verdammt noch mal, nicht einfach?

Über diesen Punkt, an dem ich gerade stehe, liest man selten in Ratgebern oder Programmen zum Ziele erreichen und Wünsche erfüllen, denn die enden meist da, wo man die Entscheidung für etwas getroffen hat und losmarschiert. Da der Weg manchmal sehr lang und nicht immer leicht ist, straucheln viele tatsächlich erst viel später. Während das Starten noch recht einfach ist, kommen die meisten von uns irgendwann an Punkte, an denen Aufgeben eine echte Alternative ist, weil sie vernünftig klingt und die inneren Kämpfe müde machen. Vielleicht sollte ich ja mal einen Ratgeber darüber schreiben? Aber dafür muss ich ihn erstmal überwinden, diesen Punkt.

Seien wir also gespannt, wer den Ringkampf gewinnt…

 

Woche 23

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2 Kommentare

  1. Liebe Tania,
    so eine tolle gigantische Beschreibung und ich kenne diesen „Kerl“ auch sehr gut. Ja, er ist wichtig, doch manchmal hat er narzisstische Züge und stellt sich dermaßen in den Vordergrund, dass es MICH nicht mehr gibt. Habe festgestellt, dass ich mich dann wieder positionieren muss und IHN auf seinen Platz verweise, sonst wird es meinen „anderen Freunden – Persönlichkeitsanteilen“ gegenüber ungerecht. Denn jeder möchte seinen Platz und die Zeit der Aufmerksamkeit. Habe mir angewöhnt, dass ich innerlich sage: „Halt Stopp, jetzt ist nicht Deine Zeit“. Dann geht es auch wieder, er ist jedoch sehr aufsässig. Vielleicht sollten wir ihm das Buch vorlegen „Das Leben ist zu kurz für später“, da wird er sicherlich auf die hinteren Reihen verwiesen.
    In diesem Sinne
    Ein schönes Sommerwochenende mit Naturerlebnissen und Urlaub für den Buchhalter.

    Lieben Gruß
    Rose-Maria

    • Liebe Rose-Maria,

      das beschreibst Du ganz wunderbar, mit dem „Platz wegnehmen“. Genauso ist es und genau da gilt es Grenzen zu setzen. Danke fürs Teilen!

      Alles Liebe,
      Tania

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