Wer ist „man“?

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Wer ist „man“?

Vor einigen Tagen hörte ich ein Interview im Radio. Was gesagt wurde, war inhaltlich eigentlich interessant, aber ich merkte, dass ich zunehmend dicht machte und gar nicht mehr zuhören wollte. Ich fragte mich, warum das so ist und nahm dann wahr, dass der Interviewte durchgehend von „man“ sprach. 

„Man muss…“, „… wenn man das so macht…“, „… erkennt man…“, „… macht man doch …“ usw. 

Interessant, dachte ich, wie sehr ich auf Durchzug schaltete, ja, wie unangenehm ich das Zuhören sogar fand. Und ich fragte mich weiter, warum mich dieses „man“ so auf Distanz gehen ließ. 

Ich glaube, weil ich mich zum einen nicht gemeint, nicht wirklich angesprochen fühle, aber vor allem, weil ich nicht fühlen konnte, dass die Person wirklich meint (und lebt?), was sie sagt.

Mich berühren Menschen, die direkt von sich reden. Die sich nicht hinter einem „man“ verstecken, sondern die sich zeigen, mit dem was sie sagen. Natürlich geht man ein Risiko ein, wenn man von sich spricht. Aber nur so kann doch eine echte Begegnung entstehen. Selbst wenn ich nicht alles nachvollziehen kann oder ich auch manches schwierig finde, so sind Menschen, die wirklich von sich reden, für mich immer authentischer als solche, die allgemeine Formulierungen wählen. Ich fühle mich in einem solchen Gespräch ernstgenommen und erkenne, dass dort jemand ist, der bereit ist, sich ein Stück zu zeigen. 

Auch bei Kindern erlebe ich dieses „man“ bei Fragen wie „Wie viel darf man davon essen?“ oder „Darf man sich schon etwas nehmen?“ Ich fand diese Formulierungen zuerst vollkommen skurril, aber wahrscheinlich sind sie nur Ausdruck von Unsicherheit und die Lösung lautet: Wenn „man“ etwas darf, dann darf ich das auch. Wenn „man“ das macht, kann es ja nicht falsch sein. Was „man“ macht, ist richtig. 

Man… Wer ist das?

Wen meinen wir damit? Uns selbst? Andere? Jeden?

Warum fällt es uns oft schwerer, einen Satz in der Ich-Person zu formulieren, als unpersönlich und allgemeingültig? Halten wir unsere persönlichen Erfahrungen und Empfindungen für nicht wert genug, sodass wir sie anonymisieren müssen? Glauben wir, wir können nur sagen, was wir denken oder fühlen, wenn andere  das auch tun? Warum versuchen wir gleichsam unsere Gedanken mit diesem „man“ zu rechtfertigen als würde automatisch falsch sein, was wir für uns formulieren?

Wie nah sind wir uns, wenn wir oft von „man“ reden? Und wie ehrlich? Zu uns und zu anderen? Verstecken wir uns vielleicht hinter diesem „man“, um uns nicht zeigen zu müssen? Was befürchten wir?

5 Kommentare

  1. Ja, Sie haben wieder den Nagel auf den Kopf getroffen!

    Ich kenne dieses „man“ als Rezeptformel:
    „Man nehme….“
    und so glaube ich, dass wir oft aus Unsicherheit ein Rezept für unser Tun suchen oder (schlimmer!) meinen, wir müssen anderen unseren Ratschlag als Rezept verordnen: „Man mache…“

    Toll, wie Sie mit innerem Gespür reagierten und jetzt auch mich darauf aufmerksam machen.
    Ich habe wieder etwas gelernt.

    Herzlichen Dank und Gruß!

    Klaus

    • Das freut mich sehr!

      Herzlich,
      Tania

  2. Dieses „man“ ist für mich ein Ausdruck, den ich weitestgehend aus meinem Sprachgebrauch streichen möchte. Bei manchen Themen fällt mir das noch schwer, weil es vielleicht nicht nur um mich geht und ich dann diese Verallgemeinerung nutze. Ich arbeite daran. 🙂

    Allerdings gibt es eine verwandte Form des „Man“ und das ist das „Wir“ – was sich übrigens auch hier im Artikel zeigt 😉 -.
    Oftmals wird „wir“ genau wie „man“ verwendet, obwohl wir/man oder vielleicht ihr….?? ööööh…. …also dann doch ich „ich“ meine 😉

  3. Danke, dass Sie diese Unsitte des „man-Sagens“ aufgegriffen habe. So viele Menschen verstecken sich heutzutage hinter diesem „man“, obwohl er „ich“ meint. Das ist meiner Meinung nach ein Mangel an Selbstbewußtsein und falsche Bescheidenheit.

  4. Der Horror: im Meeting sagen alle, man muss mal dies und man sollte mal jenes, man oh man 😉 Diese/r man muss ganz schön schuften mit so vielen Aufgaben, die wir man geben…

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