Was ist wahr?

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Was ist wahr?

Eine Sache hat mich in den letzten Wochen und Monaten sowohl hilflos als auch sprachlos gemacht: Wie viele von uns bereit sind, Aussagen und Behauptungen als Wahrheit anzunehmen und weiterzugeben, ohne wirklich einmal zu überprüfen, woher sie kommen, warum sie gemacht werden und vor allem, was sie bewirken (bei sich und anderen). Dabei scheinen vor allem die lautesten Brüller am meisten Gehör zu finden. Für mich als eher leiser Mensch ist das höchst frustrierend, aber klar, sie drängen sich nach vorne, sie arbeiten oft gekonnt und effektiv und formulieren meist so einfach und eingängig, dass man das Gesagte sofort zu verstehen glaubt. Und genau da, so ist zumindest meine Erfahrung, kann man sich gewaltig irren …

Für mich besteht ein ganz wichtiges Element von Achtsamkeit darin, nicht alles, was ich höre oder sehe, automatisch auch als wahr anzunehmen – und

  • das gilt meine eigenen Gedanken,
  • es gilt für Behauptungen von Mitmenschen in Gesprächen und
  • es gilt für Botschaften, die über Medien verteilt werden, von wem auch immer.

Bei meinen eigenen Gedanken versuche ich zu erspüren, aus welcher Quelle sie in mir kommen: Spricht da die Angst in mir? Nörgelt der ständige Zweifler? Zittert ein kindlicher Anteil? Und was sagt mein in sich ruhender Kern dazu, der gut geerdet ist und sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen lässt?

Bei Behauptungen von Menschen in Gesprächen versuche ich ebenfalls zu erspüren, wer in ihnen etwas zu mir sagt: Habe ich da gerade einen Menschen vor mir, der aus Wut spricht oder aus Angst? Was möchte diese Person wohl mit seiner Bemerkung oder Aussage bei mir erreichen? Inwieweit ist mir in diesem Moment echtes Mitgefühl möglich oder merke ich, dass ich mich abgrenzen muss, um vielleicht nicht selbst in die Stimmung oder Emotion zu gehen, aus der da jemand mit mir spricht, oder einer Aussage zuzustimmen, die ich für bedenklich halte?

Und wann immer ich eine über die Medien verbreitete Botschaft lese, frage ich mich vor allem, von wem sie kommt und was dieser Mensch oder diese Organisation für eine Motivation hat. Wir leben in einer Zeit, in der sehr viele Menschen etwas verkaufen wollen oder nach Aufmerksamkeit, vielleicht sogar Macht gieren. Provokation und Manipulation sind nicht immer klar erkennbar und tarnen sich manchmal als vorgetäuschtes Gemeinschaftsgefühl oder Fürsorge.

All das sind komplexe Prozesse, die uns im Alltag, vor allem wenn wir im Stress oder verunsichert sind, leicht überfordern können. Wir reagieren oft reflexartig auf bestimmte Trigger, denn unser Gehirn ist darauf angewiesen, Informationsverarbeitung zu vereinfachen, damit es funktionsfähig bleibt. Dabei trifft es aber nicht immer die besten Entscheidungen für uns, sondern lässt sich hin und wieder auch durch gezielte Strategien genau dahin bringen, wo uns jemand haben möchte.

Das für mich Wichtigste in Sachen Achtsamkeit ist, immer wieder innezuhalten und einen Schritt zur Seite zu machen, um aus meinen eigenen Automatismen herauszukommen. Und ich bin bis heute Byron Katie dankbar, die mir mit ihrer Methode The Work schon vor vielen, vielen Jahren ein so einfaches wie wirkungsvolles Instrument genau dafür geschenkt hat. Ihre schon berühmten vier Fragen haben mir schon sehr, sehr oft weitergeholfen, mit „Wahrheiten“ besser umzugehen:

  1. Ist das wahr?
  2. Kannst du mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist?
  3. Wie reagierst du, was passiert, wenn du diesen Gedanken glaubst?
  4. Wer wärst du ohne den Gedanken?

Was ist wahr?

1 Kommentar

  1. Toll formuliert. Danke für die Inspiration!

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