Warum hast Du denn nichts gesagt?

Gepostet von am Nov 5, 2017 | 7 Kommentare

Warum hast Du denn nichts gesagt?

Wie oft ich schon gefragt wurde, warum ich denn nichts gesagt habe oder warum ich den Mund nicht aufgemacht habe oder warum ich mich nicht eher beschwert habe… Meist schwingt etwas Vorwurfsvolles darin und ja, ich sehe ein, dass das eine Schwäche von mir ist: nicht immer gleich zu wissen, was ich will, was ich kann, was ich brauche – und vor allem was nicht. 

Klarheit ist etwas Tolles. Mit Klarheit weiß man genau, wo es lang geht und man kann wunderbar Entscheidungen treffen, Ansichten formulieren, Grenzen setzen und dergleichen mehr. Menschen mit Klarheit wird nie vorgeworfen, nichts gesagt zu haben, sie können ja benennen, was sie wollen. Ich  wollte immer gerne Klarheit, hätte ich auch heute gerne noch. Nicht nur für mich selbst wäre dann vieles einfacher, sondern natürlich auch für andere. 

Aber so bin ich nicht. Je achtsamer ich mit mir selbst umgehe, desto besser verstehe ich, wie schwierig für mich klare Aussagen oder Entscheidungen sind. Warum? Weil ich das Meiste im Leben als ziemlich oder sogar sehr komplex empfinde, das Außen und erst recht das Innen.

Klarheit hat etwas von diesen Fahrbändern auf Flughäfen, mit denen man plötzlich und ohne jede Mühe schneller vorankommt. Tja, aber in meinem Leben gibt es kaum solche Fahrbänder, dafür viel unwegsames Terrain mit unzähligen von Seitenwegen, Schlenkern, Steigungen und Senken und ziemlich viel Dschungel. 

All die vielen hunderte von Entscheidungen, die man so täglich trifft, sind deshalb schon schwierig genug (ich kann ungelogen minutenlang vor einem Jogurt-Regal stehen, unfähig mich zu entscheiden), aber da hat ja auch nicht jede Entscheidung umfassende Folgen (im schlimmsten Fall schmeckt mir der Jogurt nicht und ich kaufe ihn halt nicht wieder…). Wirklich schwierig wird es bei den größeren Fragen, vor allem dann, wenn auch noch andere beteiligt sind.

Ich weiß inzwischen, dass ich viel Zeit brauche, weniger dafür eine Sache zu durchdenken (da bin ich ziemlich fix), aber ich brauche Zeit und auch Raum, um sie wirklich durchfühlen zu können. Und genau auf meine Gefühle zu einer Sache kommt es an, wenn ich für mich Klarheit finden möchte.

Mein Verstand ist einem dieser Bewegungsbänder sehr ähnlich, denn er ist ganz schnell dabei, Aussagen zu machen oder Entscheidungen für mich zu treffen, ohne dabei wirklich auf mich zu achten. Er richtet sich auf andere aus, auf zu erfüllende Erwartungen, auf Bilder, denen er entsprechen will, auf mögliche Erfolge. Er sucht nach Anhaltspunkten für logische und schlaue Entscheidungen und sagt schneller „Ja!“ zu etwas als ich selbst überhaupt realisieren kann, was da gerade geschieht. So fahre ich dann ein ganzes Stück auf ihm mit und bekomme erst nach einer Weile mit, dass ich inzwischen woanders bin, vielleicht wo ich gar nicht sein möchte. Und wenn ich dann rufe: Hey, hier wollte ich doch gar nicht hin, kommt ein „Na, warum hast Du denn nichts gesagt?“

Mein Verstand wirkt oft so klar, ohne es aber wirklich zu sein, denn an ihm hängt ja auch noch der Rest von mir: diese wild wuselnde, sich ständig verändernde, in sich oft widersprüchliche Ansammlung von Gefühlen, Bedürfnissen, Ideen, Anliegen, Wünschen und Träumen, die in mir ein mehr als buntes, unsortiertes und wechselhaftes Dasein führt. 

Ich habe wahrscheinlich in meinem Leben oft viel zu schnell ja oder eben auch nichts gesagt, einfach weil ich es nicht konnte und damit habe ich sicher oft andere vor den Kopf gestoßen. Das war nie meine Absicht und ich stieß mich damit selbst genauso vor den Kopf, weil ich erst später merkte, eigentlich alles ganz anders ist… Ich war mir zu dem jeweiligen Zeitpunkt einfach nicht bewusst über ganz vieles in mir und hatte vielleicht nicht mal eine Ahnung von den Gefühlen, den Bedürfnissen, der Angst oder was auch immer sich dann später zeigte und ein Mitspracherecht in der Angelegenheit forderte. Das alles kann ich oft erst spüren, wenn ich zur Ruhe komme und vor allem zu mir selbst.

Ich versuche heute, mir für Entscheidungen und auch für Äußerungen Zeit zu nehmen, indem ich so etwas sage, wie: „Da muss ich erstmal reinfühlen.“ Das versteht nicht jeder, aber das ist nicht schlimm. Und, ja, immer noch sage ich zu oft nichts – aber auch das ist ok, denn ich verstehe inzwischen, warum es so ist.

7 Kommentare

  1. Vielen Dank fürs Teilen!!
    Nike

  2. Toller Text und ein toller Beitrag. Ich finde diese Klarheit die wir alle in uns haben, hängt auch sehr stark mit dem Thema Dankbarkeit und Achtsamkeit zusammen.
    Warum?
    Je bewusster und aufmerksamer wir an alles herangehen je klarer sind unsere Gedanken und je fokussierter können wir auch auf unsere persönlichen Ziele zuarbeiten.
    Wünsche dir einen tollen Wochenstart

  3. Liebe Tania!

    Wieder mal triffst du mit deinen Worten alles auf den Punkt. Ich kann das 100%ig bestätigen und sowas von nachvollziehen. Besonders für Gefühlsmenschen kann diese Klarheit sehr schwierig sein.
    Das Hineinfühlen in Entscheidungen verlangt Achtsamkeit. Und gerade bei schwierigen Entscheidungen schwingen 1.000 Nuancen mit, mit einem einfachen Ja oder Nein geht das nicht. Oh ja, die Worte berühren mich sehr. Danke für diese Worte!

    Alles Liebe
    Matthias

  4. Herzlichen Dank, Euch Dreien, für Eure Kommentare, ich freu mich!

    Alles Liebe,
    Tania

  5. Hallo Tanja, ich bin fast immer von Klarheit geprägt und viele sagen das es toll ist das ich so klar und so direkt raus bin. Aber ich empfinde diese Klarheit nicht immer schön und was positives denn viele verstehen Klarheit und zu wissen was man will als Arrogant und beängstigend grad wenn sie das selber nicht sind. Das macht es oft nicht leicht. Danke für deine tollen Texte finde oft was zum drüber nachdenken

    • Ja, stimmt, Klarheit bei anderen kann, wenn man selbst nicht klar ist, bedrohlich sein. Auch hier gilt es, achtsam bei sich und gleichzeitig für andere zu bleiben.

      Herzlichen Dank für diese Ergänzung!
      Tania

  6. So, als ob ich gründlich auf meinem eigenen Schlauch stehe…

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