Einfach gesagt…

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Einfach gesagt…

In vielen Ratgebern, Blogs und Onlinekurse sind Lebensweisheiten zu lesen, wie „Nimm dich einfach an, wie du bist!“ oder „Sei einfach nicht mehr so hart zu dir!“ oder „Sei einfach du selbst!“ – und ja, ich selbst habe genau solche Formulierungen auch schon in eigenen Texten verwendet. 

Heute ist mir klar, dass das viel zu kurz gegriffen ist, denn: nichts davon ist für die meisten Menschen EINFACH! Ganz im Gegenteil, für viele ist es sogar sehr, sehr schwer. 

Die locker-flockigen Sprüche klingen so herrlich motivierend und positiv, aber inzwischen machen sie mich manchmal auch traurig und ich empfinde sie an vielen Stellen als achtlos. Sich selbst anzunehmen, sich nicht ständig zu pushen und zu kritisieren und gar den Mut zu haben, wirklich man selbst zu sein, das müssen sich die meisten Menschen hart erarbeiten und es steckt sehr viel Leid und Schmerz in vielen Lebenswegen. 

Viele tun sich oft unendlich schwer, auch nur ein kleines bisschen netter zu sich selbst zu sein, denn sie ringen mit innerer Ablehnung und einer unglaublichen Strenge sich selbst gegenüber. Und mit der Aufforderung das „einfach mal zu ändern“ wird Wasser auf die Mühlen gekippt, denn wenn es eigentlich doch „so einfach“ ist, muss der Fehler ja einmal mehr an einem selbst liegen – … und damit dreht sich das Rad immer weiter. 

Einen Ausweg gibt es meiner Erfahrung oft nur, wenn wir uns bewusst darüber werden, wie groß diese Aufgabe für uns ist und das ganz individuell. Auch für mich war Selbstannahme immer schon ein Thema. Ich arbeitete zwar unzählige Ratgeber durch, besuchte Seminare und machte brav alle möglichen Übungen, aber all das blieb auf einer vorgelagerten Ebene. Sie ließ mich nach außen recht selbstsicher auftreten, aber ich hatte kaum Kontakt zu meinem Inneren, konnte mich selbst nur in raren Momenten fühlen. Erst als ich bereit war anzuerkennen, dass mir kein „einfacher“ Weg helfen würde, sondern ich nicht darum herumkommen würde, mich wirklich mit mir selbst zu befassen und mich auf mich einzulassen, begann ich mich zu langsam mehr und mehr zu spüren. Aber es war ein harter Weg dorthin, auf dem auch erst vieles kaputt gehen musste … 

Und einfach ist es auch heute oft nicht – sich selbst nahe zu sein und bleiben zu wollen, heißt Grenzen setzen zu müssen, sich immer Raum zu schaffen und möglichst gut für sich zu sorgen (wovon andere nicht immer begeistert sind). Sich selbst nahe zu sein, heißt auch dann bei sich zu bleiben, wenn man gerade nicht das schafft, was man schaffen will oder wenn man nicht so gut drauf ist, wie man von sich erwartet (oder wie es sich andere von einem wünschen) oder wenn man mal wieder in eines der schwarzen Sumpflöcher in einem rutscht, die in all den schönen „Ist-doch-so-einfach-Ansätzen“ kaum erwähnt werden. 

Mir ist bewusst geworden: So zu tun, als sei doch alles ganz einfach, erhöht den Druck auf Menschen, die mit sich, mit Themen oder dem Leben ringen, ganz enorm. Es soll Hoffnung schaffen, bewirkt aber meinem Eindruck nach oft das Gegenteil.

Inzwischen denke ich, dass das Leben gar nicht dafür gedacht ist, einfach zu sein, sondern dass es für uns alle freudvolle und leichte Momente aber auch schwere und dunkle Aufgaben bereit hält. Und genau diese Tatsache verbindet uns alle. Indem wir auch das Ringen und den Schmerz annehmen und umarmen, indem wir den Gedanken und vor allem auch das damit verbundene Gefühl zulassen, nicht alles kontrollieren zu können und uns ganz ehrlich erlauben, auch mal nicht weiter zu wissen, schwach zu sein und Hilfe zu brauchen, kommen wir an einen Punkt, an dem wir merken: so wird es wirklich ein Stück einfacher … 

6 Kommentare

  1. Danke für den Artikel, ich ertappe mich selbst gerade dabei, mit solchen klugen Ratschlägen schon an andere herangetreten zu sein. Oder an mich selbst mit der Erwartung, es müsse doch schneller gehen.
    Ich mag Kristin Neff und ihr Buch über Selbstmitgefühl. Darin erklärt sie ziemlich gut, dass Selbstabwertung und Selbstkritik wichtige Funktionen in unserem Leben erfüllen, dass es Strategien sind, von denen wir uns erhoffen, Sicherheit, Stärke und Schutz zu erlangen.
    Anders gesagt: Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass wir uns als Menschen selbst verurteilen und nicht so annehmen können, wie wir sind. Wahrscheinlicher als der Zustand vollkommener Selbstakzeptanz. Irgendwie beruhigend, oder?

    • „Vollkommene Selbstakzeptanz“ wäre mir als Ziel auch viel zu hoch, würde oft schon reichen, ein bisschen liebevoller mit sich selbst zu sein 😉

      Herzlichen Dank für Deine Zeilen,
      Tania

  2. Hallo liebe Tania,
    ich freu mich immer, wenn das achtsame Ich im PC erscheint. Vielen Dank wieder für dein Mit-teilen.
    Du hast die Sprache, die ich verstehe und gerne lese. Bewundernswert!

    Zum Thema „Nimms leicht“. Ja, ich empfinde mittlerweile auch so, dass dieses „Weise Gerede“, wie ich es manchmal nenne, ganz schön auf die Nerven gehen kann. Ich sage oft drauf „Alles Theorie“. Und auch ich schließ mich da nicht aus – ob es nun mich selbst betrifft, oder andere. „Eso-Theoretiker“ hat mal eine Freundin von mir dazu gesagt,das gefällt mir auch gut.

    Du schreibst, dass das Annehmen usw. eine große und individuelle Aufgabe ist – das trifft es, und es baut mich auf.
    Auch ich hatte in den letzten Wochen einige Herausforderungen und ich arbeite da gerne mit „The Work“ von Byron Katie. Aber auch da stelle ich fest, dass ich mich nicht in jedem Befindlichkeits-Zustand wirklich drauf einlassen kann.
    Das Leben hat viele Herausforderungen und auch genausoviele Lösungen dazu – das ist tröstlich.
    Gut, wenn wir uns dessen bewusst sind und einfach weitermachen, auch wenn es manchmal über Umwege ist.

    Vielen Dank Dir !
    Theresia

    • Und ein herzliches Dankeschön an Dich für diesen tollen Kommentar.

      Alles Gute,
      Tania

  3. Liebe Tania!
    Liebe Franziska!

    Mich berührt dieser Beitrag auch zu tiefst. Auch die Antwort von Franziska. Der Weg ist steil und steinig, zu sich selbst – womöglich in jeder Lebenslage – bedingungslos zu stehen. Oft ist Selbstkritik und -einsicht nötig und auch angebracht, aber mit sich selber ständig in den Krieg zu ziehen und zu hadern führt womöglich zu einem verletzenden Verhaltensmuster und zur Stagnation. Nein, das kann es nicht sein! Nobody ist perfect! Bewegung, Heilung und liebevoller, achtungsvoller Umgang mit sich selber und mit der Umwelt macht zufriedener, manchmal sogar glücklich.
    Wenn es mir gelingt, es für mich selber umzusetzen, kann ich es auch für den Umgang mit mir voraussetzen – und das tue ich auch. Grenzen ziehen, den Rückzug antreten, neue Wege suchen. Das alles gehört zur Wegfindung und: es kann nie langweilig werden!;-9 Belehren? Nein. Das steht mir nicht zu. Obwohl: natürich falle ich da wieder mal hinein. Bedauerlich!

    • Ich würde sagen: menschlich, so wie eigentlich das meiste. Die Erkenntnis, dass „Menschlich sein“ nicht nur für andere, sondern auch für mich gilt, hat mich ein großes Stück weiter gebracht.

      Alles Gute,
      Tania

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