Bitte, versteh mich doch!

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Bitte, versteh mich doch!

In Beziehungen zu anderen Menschen war und ist mir eines sehr wichtig: Ich möchte verstehen und ich möchte verstanden werden. Entsprechend habe ich sehr viel Zeit und Energie darauf verwendet, mich selbst zu erklären und mein Verhalten und meine Beweggründe zu motivieren. Auf diese Weise habe ich viele Menschen tief in mich schauen lassen, was manchmal gut und manchmal nicht gut war. In den letzten Jahren zieht sich nun eine Erkenntnis durch mein Leben, die schmerzlich und befreiend zugleich ist:

Ich kann nicht von jedem verstanden werden.

Wenn ich zurückschaue, dann steckt hinter sehr vielem, was ich tat, der dringende Wunsch „Bitte, versteh mich doch!“ Geboren ist dieser Wunsch aus der Vorstellung, dass wenn ich mich verständlich machen kann, der andere mich besser annehmen kann. Ich habe gedacht, dass wenn ich es schaffe, dass andere mich verstehen, Akzeptanz folgen muss.

Dabei habe ich allerdings zwei Denkfehler gemacht: 

  1. Ich kann keinen anderen Menschen „verstehend machen“, wenn dieser nicht verstehen will oder kann. Allein in dem Anspruch erkenne ich heute, dass ich meinerseits mein Gegenüber nicht so annehmen konnte, wie er ist, sondern ich wollte etwas auf seiner Seite verändern, um etwas für mich besser zu machen. Keine allzu noble Intention…
  2. In Sachen Akzeptanz beim anderen anzusetzen kann nicht funktionieren, denn ICH muss mich selbst annehmen, unabhängig davon, ob andere mich verstehen oder zu dem, was ich tue oder sage nicken – nichts davon hilft bei der Selbstannahme, auch wenn wir das immer wieder glauben.  

Den Satz „Bitte, versteh mich doch!“ richte ich heute vor allem an mich selbst, denn genau darum geht es bei dem, was man Selbsterkenntnis nennt: sich selbst sehen und verstehen zu lernen – nicht für andere, sondern für sich. Die Sehnsucht, verstanden zu werden, ist für mich vor allem eine Sehnsucht danach gesehen zu werden – und hier komme ich immer wieder an den Punkt, an dem mir klar wird: das kann und muss ich mir vor allem selbst geben. 

9 Kommentare

  1. Oh ja. Das trifft’s. Und ehrlich gesagt, finde ich es gar nicht so einfach, mich selbst zu verstehen. Was ich erlebt habe… und was das für mich im JETZT bedeutet. Was ich fühle… und warum ich immer wieder denke, ganz furchtbar anders zu sein, als die anderen.
    Eine Lösung habe ich gefunden, um andere Menschen von diesem „Bitte versteh mich“ zu befreien: Ich habe gelernt, auch das lose Miteinander zu schätzen, das gemeinsame Tun, den losen Kontakt, ohne gleich in die Tiefe gehen zu müssen. Denn Verbundensein funktioniert auch so. Es muss nicht immer ein tiefes gegenseitiges Verstehen sein… es kann auch ein gemeinsames Lachen oder ein gemeinsames Tun sein. Das reicht.
    Herzliche Grüße!

    • Liebe Franziska,

      nein, leicht ist das ganz und gar nicht, sich selbst zu verstehen… und deshalb um so lohnenswerter, es zu versuchen, denke ich 🙂

      Und ja, genau darin übe ich mich auch: lose Kontakte zulassen und genießen zu können.

      Lieber Gruß,
      Tania

  2. Liebe Tania, DANKE für diesen wunderbaren u. hilfreichen Beitrag!
    Herzl. Gruß Lilo

  3. Das verstehe ich gut. 🙂

  4. Dieser Beitrag traf mich mitten ins Herz und in mein Innerstes. Es trifft so sehr zu….Danke für diesen Text…..ich arbeite daran…!

  5. Stimmt, mit dem Wunsch verstanden zu werden, verbinde ich unbewußt meine Selbstzeifel: Es reicht nicht, wenn ICH es so sehe/handle/denke, nein, erst wenn der andere es auch tut, dann ist MEINE Welt in Ordnung. Dieser Wunsch ist damit ein Zeichen von nicht ausreichendem Selbstvertrauen, oder Selbstliebe.

  6. Deinen fast philosophischen Blick auf das Thema „Verstehen“ teilen sicher eine Menge Menschen mit dir. Mir hat bei der Beantwortung der Frage „Warum versteht mich niemand?“ ein Buch geholfen: David Kersey „Please understand me“. Der Autor erklärt detailliert die Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit man sich „versteht“. Charakter, Temperament, Intellekt, … Nach dem Lesen ging es mir besser 😉

  7. Wow, so viele Kommentare! Ein ganz herzliches Dankeschön an alle!

    Liebe Grüße von
    Tania

  8. Hallo Tania, bin durch googeln eine Antwort für meine Lösung zu finden, auf diesen Beitrag gekommen. Du hast es kurz und treffend auf dem Punkt gebracht. Hauptsache man sieht sich selber und man versteht sich. Erwartungen von anderen Menschen haben, die nicht erfüllt werden, ziehen wieder einen runter. Wie ein Ping Pong Spiel. Man versucht immer wieder den anderen zu erklären, wieso man sich so verhalten hat. Erwartet Verständnis und Zack, wird der Ball wieder zurück gespielt und man ist verzweifelt. Wie kann ich denjenigen überzeugen und versucht es immer wieder, ohne Erfolg.
    Ich mache es gerade täglich auf der Arbeit durch. Mein Ex ist mein Kollege, der zweigleisig gefahren ist. Er wollte mich und er wollte auch meine Kollegin und konnte sich von keinem trennen. Ich wusste von ihr und sie nicht von mir. Status jetzt: sie und anderen Kollegen verfluchen mich, weil sie nicht verstehen, warum ich es gemacht habe. Schwer damit umzugehen in eine Schublade reingesteckt zu werden, jeden Tag. Schwer zu akzeptieren, dass keiner dich verstehen wird. Nur ich verstehe mich, doch es reicht mir nicht. Ich bin noch nie damit klar gekommen, dass andere von mir was falsches denken. Möchte doch nur verstanden werden. Also ist wohl die einzige Lösung, Akzeptanz.

    Danke, dass es dich gibt und deine Erfahrungen allen mitteilst. Es hilft sehr.

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