Und was, wenn ich anders bin?

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Und was, wenn ich anders bin?

„Sei wer du wirklich bist!“ ist das Credo der meisten Erfolgsratgeber und Selbsthilfeangebote. Klingt gut und richtig, doch greift es zu kurz: Das Problem ist, dass eben gerade das viele von uns nicht KÖNNEN, denn viel stärker wirkt ganz oft ein inneres Programm, das so etwas besagt, wie „Wenn ich anders bin, dann lehnt man mich ab.“ 

Das ist wieder einmal ein Thema, bei dem das zum Tragen kommt, was ich unter Achtsamkeit verstehe: Es geht darum, erst einmal wahrzunehmen, was ist. Denn wenn ich einfach nur all den schönen, guten und sicher oft richtigen Ratschlägen anderer nacheifere, werde ich zwangsläufig immer wieder scheitern. Denn wäre es mir möglich, das so zu machen, wie mir andere raten, würde ich es ja einfach tun. Aber wir alle haben aus unserer Lebensgeschichte heraus bestimmte Muster und Glaubenssätze gebildet, die uns so sein lassen, wie wir gerade sind – und das eben auch dann, wenn wir „eigentlich“ vielleicht ganz anders sind. Die aktuellen (meist über lange Zeit gewachsenen) Muster und Überzeugungen verhindern wirkungsvoll, dass wir in diesem Moment anders sein können, selbst dann, wenn wir dann viel mehr wir selbst wären. 

Ich glaube, genau das müssen wir erst einmal verstehen, um uns auf einen neuen Weg machen zu können, denn sonst passiert Folgendes: Wir wollen uns ändern, schaffen es nicht, verurteilen uns dafür und beginnen gegen uns selbst zu kämpfen. Damit verstärken wir aber nur die negativen Muster, die eh schon verhindern, das wir „einfach nur wir selbst sein können“. Es kommt auf diese Weise immer mehr Druck und Zwang in unseren Umgang mit uns selbst und wir entfernen uns immer mehr von uns, weil wir uns selbst immer weniger vertrauen können. 

Auch hier steht für mich an, erst einmal hineinzuspüren in das, was ist:

  • Wann bin ich wie und warum bin ich jeweils so?
  • Was hat es für Gründe, dass ich manchen Menschen gegenüber so bin und anderen vielleicht nicht?
  • Wieso kann ich manchmal einfach nicht anders sein, so sehr ich auch möchte?
  • Warum entscheide ich mich immer wieder, nach außen ein so anderes Bild abzugeben, als ich doch eigentlich wirklich bin?
  • Was ist der Preis dafür?
  • Und was habe ich davon?

Es gilt, den Schmerz zu verstehen, der hinter dem Phänomen steckt, dass wir uns selbst unser wahres Sein nicht erlauben können. Da sitzen nämlich oft ganz massive (Verlust)Ängste von sehr verletzlichen Teilen in uns.

Ich bin davon überzeugt, dass niemand aus Spaß vorgibt, jemand anders zu sein, sondern fast immer aus Not. Gerade die Fassaden, die wir nach außen aufbauen oder auch unsere typischen Verhaltensweisen, über die wir selbst manchmal den Kopf schütteln, sind ganz oft nichts anderes als Überlebensstrategien bzw. sie waren es einmal.

Eigentlich bin ich ganz anders“ ist deshalb für mich eine Aussage, die selten wirklich so stimmt, denn Fakt ist viel mehr ganz oft: „Genauso bin ich gerade (und kann oft eben gar nicht anders sein!)“ – und DAS gilt es, glaube ich, zu erkennen, zu fühlen und anzunehmen. Denn nur in diesem Ja zu sich, so wie wir JETZT sind, steckt die Chance zur Aussöhnung und zum behutsamen Loslassen (wenn auch nur zeitweise), wodurch wiederum überhaupt erst Raum entstehen kann für anderes.  

2 Kommentare

  1. Liebe Tania, guten Morgen!

    Ich habe deine Zeilen mehrfach gelesen – sie hallen in mir nach und bringen mich zum Nachdenken. Es ist richtig: Häufig ist es eben gar nicht so leicht – und hat Gründe – weshalb wir gerade nicht so sind bzw. sein können, wie wir sind. Ich stelle mehr und mehr fest: Wir sind ganz vieles. Und je nach Situation und Gegenüber kommen unterschiedliche Facetten zum Vorschein. Da immer mehr hinzuspüren, zu schauen und sich zu fragen – wie du schreibst- „Wann bin ich wie und warum bin ich jeweils so?“ finde ich auch sehr wichtig.
    Ein guter Weg, uns selbst auf die Spur zu kommen, ist auch das Wahrnehmen unserer Umgebung: Bei welchen Menschen gehe ich auf, fühle ich mich ermutigt, inspiriert? Und wann und mit wem geht meine Energie eher runter, wann werde ich eher in meinen Ängsten und Zweifeln bestärkt?
    Dank sehr regelmäßiger Kundalini-Yogapraxis lerne ich, meine Schleier nach und nach zu lüften und immer mehr meine Essenz kennen zu lernen und zu leben: das was tief in mir ist, meine Wahrheit, mein ganz Eigenes.
    In der psycho-spirituellen Szene finde ich auch diese Dieskrepanz von „Werde der du (wirklich) bist“ und „Verbessere, optimiere dich“ schwierig: Soll ich mich einfach so akzeptieren, oder muss ich besser werden?

    Nachdenkliche Grüße,
    Carolin

  2. Ein wirklich schöner Artikel, danke Tania.
    Darüber wird viel geschrieben und an Ratschlägen, wie man sein sollte fehlt es nicht. Für mich sind diese oft nicht nur zu kurz gefasst, sondern sogar ein wenig gefährlich, weil sie uns wieder veranlassen „so sein zu sollen“.
    Das wirkliche erkennen und leben des „eigenen ich seins“ ist oft ein wirklich schmerzliches Auseinandersetzung mit mir und meinen Gefühlen. Über die Gefühle können wir, wenn wir sie wieder lernen zu spüren und da sein zu lassen, herausfinden warum ich so bin wie ich gerade bin. Erst in diesem Prozeß kann ich wahrnehmen was sich für mich falsch oder richtig anfühlt. Das tut oft richtig weh.
    Danach kann die Arbeit beginnen und ein neues Verhalten kann langsam generiert werden.
    Es ist gut wenn ich mir auf diesem Weg Begleiter suche, die mich spiegeln und reflektieren können.
    Herzlichst Sabine

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