Achtsam traurig sein

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Achtsam traurig sein

Ich gebe es offen zu: Ich bin gerne auch mal traurig. Traurigkeit ist ein sehr tiefes Gefühl, eines das mir meine Empfindsamkeit besonders deutlich macht und das einfach zu mir gehört. 

Nun liegt es nicht gerade im Trend, traurig zu sein, denn schließlich gilt es doch, sich von Gefühlen nicht beherrschen zu lassen – schließlich haben wir uns doch alle so gut im Griff, nicht war? Tja, und da schwimme ich mal wieder etwas gegen den Strom, denn achtsam zu sein, heißt für mich Gefühle nicht zu verdrängen, sondern sie anzunehmen und zu leben. Und mehr noch: Ich neige manchmal sogar dazu, meine Traurigkeit vor anderen zu verteidigen. Dann bin ich, ohne es zunächst zu merken, schroff und ja, manchmal auch aggressiv. 

Der Grund dafür ist, dass ich die Blicke anderer auf mich, wenn ich traurig bin, nicht mag und am liebsten zu vermeiden versuche. Denn andere wollen oft vor allem eines: meine Traurigkeit verändern. In dem sicher gut gemeinten Versuch einem zu „helfen“, wird dann getröstet oder vom Tisch gewischt, es wird relativiert oder kleingeredet, es werden Vorschläge gemacht oder Witze gerissen, um mich zum Lachen zu bringen. Wie gesagt, ich kann erkennen, dass all das gut und nett gemeinte Aktionen sind – aber, gut gemeint ist leider nicht immer tatsächlich auch wirklich gut gemacht.

Denn Traurigkeit ist wichtig. Es gibt in jedem Leben Gründe, traurig zu sein und Gründe zum trauern. Wenn ich das verdränge oder für andere fröhlich zu sein versuche, verliere ich etwas das fundamental zu mir gehört. 

Wenn ich traurig bin, brauche ich keine Aufmunterungen und keine Ablenkungen. Ich brauche auch keine Ermahnungen oder schlaue Tipps, mit denen ich mich „besser“ fühlen kann. Und am allerwenigsten brauche ich eine Bewertung meiner Traurigkeit oder meines Seins.

Am meisten brauche ich Raum für mein Gefühl und ein Ja zu dem, was ist.

Am liebsten bin ich tatsächlich allein, wenn ich traurig bin, weil dann alles  genau so sein darf, wie es ist: Manchmal sind traurige Momente sperrig und zickig, manchmal verzerrt und duster, oft sind sie auch ganz zart und eigen und, wenn sie wirklich sein dürfen, in ihrer Tiefe auf ihre Art auch wunderschön.

Ich habe festgestellt, dass mir meine Traurigkeit sehr viel von meinem kreativen Tun ermöglicht. Aus ihr entstehen Texte und Bilder, Ideen und Impulse. Wenn ich mich traurig sein lasse und das ganz unbeeinflusst leben kann, ist das eine unerschöpfliche Quelle für mich. In meinem Traurigsein bin ich mir sehr nah.

10 Kommentare

  1. Liebe Tanja Sie sprechen mir aus der Seele ☺
    Liebe Grüsse und vielen Dank für Ihre posts
    Fränzi De Zoysa

  2. Liebe Tanja,

    dieser Beitrag spricht auch mir aus der Seele und erinnert mich an meine allerersten beiden Lieder, die ich geschrieben habe: „Diese gut gemeinten Ratschläge“ und „Alles ok“.
    Auf meiner Homepage kannst Du sie Dir gerne anhören, wenn es Dich interessiert (ich sag einfach „Du“, weil wir glaub ich ungefähr gleich alt sind, ok?):

    http://www.tina-weber.de/meine-musik/eigene-lieder/

    Viele liebe Grüße
    Tina

  3. Traurigkeit zu teilen ist ein sehr tröstlicher und sehr persönlicher Akt!
    Sich zu verkriechen ist nachvollziehbar! Manchmal gibt es den Liebstenmenschen jedoch auch eine Chance, Traurigkeit nicht für sich zu behalten. Jedoch nur manchmal und selbst gewählt, versteht sich eigentlich von selbst, ist es nicht!

    Liebe Tanja, von Herzen Dank für diese Zeilen. Es zeigt immer wieder, die Schar der Gleichgesinnten ist groß.

    Mit einem Gruß aus Potsdam,
    Katrine

  4. Und solang du das nicht hast,
    Dieses: „Stirb und werde!“
    Bist du nur ein trüber Gast
    Auf der dunklen Erde. (Goethe)

    In der Traurigkeit wird der tägliche Abschied im Leben zu einer neuen Perspektive des genauen, des bewussten Hinschauens und Hinhorchens, auf die Dinge, die sonst verborgen blieben. Ja auf ein Leben das uns zwischen stirb und werde, zwischen Willkomm und Abschied, zwischen Lachen und Weinen vieles zu erzählen hat. Traurigkeit ist so etwas wie eine Optik zum genaueren Verstehens was das Leben eigentlich ist und wohin es uns führen kann.

    • DANKE für Ihre – diese wunderbaren Gedanken ! Wie hilfreich u. bereichernd !

  5. Ganz herzlichen Dank für diese wunderschönen und vielfältigen Reaktionen auf meinen Beitrag. Traurigkeit hat etwas sehr Verbindendes, wenn sie nicht einfach nur verdrängt wird, schließlich kennt sie jeder von uns…

    Alles Liebe,
    Tania

  6. Das hast du schön beschrieben. Alles im Leben braucht seine Zeit, auch das Traurigsein. Gefühle wegzudrücken macht sie nicht besser.

    • Im Gegenteil würde ich sogar sagen..

      Herzlichen Dank, Andrea, für die Rückmeldung,
      Tania

  7. Hallo Tanja,
    ich finde es auch wichtig die Gefühle zuzulassen, egal ob es Traurigkeit oder Fröhlichkeit ist. Achtsamkeit bedeudet ja auch alle Empfindungen die auftauchen mit Interesse, Neugier und Akzeptanz anzunehmen. Die Traurigkeit zu unterdrücken, nur um es anderen „recht“ zu machen, wäre also der falsche Weg.

    Gruß,
    Markus

  8. tja – die Traurigkeit begleitet mich auch schon seeehr lange (eigentlich mein Leben lang) – ich fühle sie (manchmal will ich sie auch nicht mehr haben – doch sie ist einfach da). Leute fragen mich: wo ist deine Freude? (doch auf die kommt es mir nicht in meinem Leben an – sie ist mir überwiegend nicht mehr wichtig – ausser wenn ich durch andere glaube, dass mir da was fehlt und doch wichtig wäre)

    Es tut so gut, das jetzt hier zu lesen – einfach ein Wahrhaben dürfen – ohne es benennen oder erklären zu müssen.

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