Tabu-Gefühle

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Tabu-Gefühle

Im Zusammenhang mit dem Thema Achtsamkeit begegnet mir immer wieder ein Phänomen – und zwar, dass es eine ganze Reihe von Tabu-Gefühlen zu geben scheint. Mit Tabu-Gefühlen meine ich solche, die die meisten Menschen nicht haben und auch nicht wahrnehmen wollen. 

Beispiele gefällig? Da gibt es eine ganze Reihe: Das Hadern gehört dazu, genauso wie die Reue. Wut ist auch ein solches Gefühl. Und Neid. Oder Pessimismus.

All diesen Gefühlen ist etwas gemeinsam: es sind negativ besetzte Gefühle. Denn wie wir alle wissen, soll man solche Gefühle nicht haben, … weil es nichts bringt, … weil es Energieverschwendung ist, … weil wir mit ihnen einen falschen Fokus haben, … weil wir uns damit selbst im Weg stehen usw.

Ich sehe das inzwischen ein bisschen anders, denn ich denke, diese Gefühle sind vor allem eines: menschlich. Sie sind bis zu einem gewissen Grad in jedem von uns und in bestimmten Situationen spüren wir sie.

Achtsam zu sein heißt für mich, zunächst einmal genau das wahr- und auch anzunehmen. Also meine Wut zu registrieren, meine Enttäuschung, meine Reue. Wenn ich solche Gefühle verneine oder wegschiebe, weil ich sie nicht haben will (oder ich in einem Buch gelesen oder gehört habe, dass ich sie nicht haben soll), dann verneine ich mich bis zu einem gewissen Grad selbst und schiebe etwas weg, das mich in diesem Moment ausmacht. Die Gefühle gehen damit aber noch lange nicht weg, sondern sie gehen vielmehr in den Untergrund, wo sie weiter gären und oft sogar wachsen. 

Ich möchte alle meine Gefühle wahrnehmen, weil ich nur dann eine Chance habe, mich besser zu verstehen. Nur dann kann ich erkennen, was gerade los ist mit mir. Keiner von uns ist neidisch oder wütend, weil es gerade so viel Spaß macht, sondern es gibt immer Gründe für solche Gefühle. Und ich stelle fest, wie gut es ist, diese Gründe zu verstehen. Die Auseinandersetzung damit ermöglicht es mir dann entweder etwas für mich zu tun (vielleicht eine Grenze zu ziehen, etwas zu verändern o.Ä.) oder ich kann das Gefühl loslassen, wenn ich erkenne, dass ich eigentlich keinen wirklichen Grund dafür habe. Loslassen ist etwas ganz anderes als verdrängen. 

Wichtig ist dabei für mich das Bewusstsein, dass, wie drängend ein negatives Gefühl auch immer ist, ich NICHT NUR dieses Gefühl bin, sondern dass gleichzeitig ganz viel anderes in mir ist. Selbst wenn ich mich also auf meine Wut einlasse oder auf ein Bereuen oder meinen Pessimismus spüre, erfüllt das nicht ALLES in mir, sondern ich kann trotzdem auch noch lustig sein oder etwas Kreatives schaffen oder mich an etwas Schönem freuen. Negative Gefühle fressen uns nicht auf, wenn wir uns ihnen stellen, ganz im Gegenteil: Meine Erfahrung ist, dass sie kleiner werden, wenn man genau hinschaut – nur das muss man sich eben auch trauen. 

  

1 Kommentar

  1. Hallo Tania,
    a auch darin gebe ich Dir Recht. Wenn ich akzeptiere, welches „negative“ Gefühl ich in mir trage, kann ich entscheiden, was ich damit mache. Ich versuche mittlerweile, es anzuerkennen, wertzuschätzen und dann in „Pension“ zu schicken. Es hatte eine Daseinsberechtigung, die aber – hoffentlich – jetzt nicht mehr da ist. Wenn ich es also verabschiede, kommt es nicht als „Boumerang“ zurück.
    Soviel zur Theorie – manchmal scheint es zu wirken.

    Alles Liebe
    Elke

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